Massendemonstration Barcelona Katalane sein, Spanier bleiben

In Barcelona gingen am Sonntag Hunderttausende Gegner einer Abspaltung Kataloniens auf die Straße: Bürger, die sich durch ihre Regionalregierung nicht repräsentiert fühlen, aber auch extreme Rechte und Franco-Fans. Wer will hier was?

Demonstrantin in Barcelona, auf dem Plakat steht "Lassen wir uns nicht spalten von den Regierungen"
Getty Images

Demonstrantin in Barcelona, auf dem Plakat steht "Lassen wir uns nicht spalten von den Regierungen"

Aus Barcelona berichtet


Die spanischen Polizisten sind in Alarmbereitschaft. Sie stehen in einer engen Gasse, die zwei größere Straßen im Zentrum Barcelonas miteinander verbindet. An beiden Enden haben sie Absperrungen aufgestellt, Tausende Demonstranten gehen daran vorbei. Plötzlich bleiben die ersten stehen - sie haben die Polizisten entdeckt.

Doch statt Kritik für das brutale Vorgehen der Einsatzkräfte beim illegalen Referendum zur Unabhängigkeit Kataloniens am vergangenen Sonntag, gibt es heute Glückwünsche, Blumen und gesungene Parolen: "Das ist unsere Polizei", grölen die Demonstranten. "Lang lebe die Guardia Civil." Die spanische Polizei als Gegenstand von Heldenverehrung.

Händedruck zwischen Polizei und Demonstranten
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Händedruck zwischen Polizei und Demonstranten

Maria beobachtet die Szene, schüttelt den Kopf und geht ein paar Meter weiter. Sie ist heute extra aus ihrer Heimatstadt nach Barcelona gekommen, über eine Stunde war sie unterwegs, um ein Zeichen zu setzen gegen die Abspaltung der Region von Spanien. Nun ist sie hin- und hergerissen: Zwischen der Freude, dass Hunderttausende Menschen ihre Meinung teilen, und dem Entsetzen, wer hier auf der Straße ist. "Dass die Menschen, nur weil sie gegen die Unabhängigkeit sind, das Verhalten der Polizei gut finden, ist falsch. Noch schlimmer aber ist, dass hier so viele Franco-Anhänger sind", sagt sie.

Wer ist die "schweigende Mehrheit"?

Bislang sind vor allem die Befürworter der Unabhängigkeit in diesem Konflikt in Erscheinung getreten. Sie demonstrierten vor dem Referendum und danach, sie gehörten zu den 43 Prozent der Katalanen, die am vergangenen Sonntag zur Wahl gingen und das Anliegen der Separatisten zu 90 Prozent unterstützten. Die übrigen 57 Prozent der Katalanen hielten sich zurück, auch deshalb wurden sie die "schweigende Mehrheit" genannt.

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Das sollte sich mit der Demonstration an diesem Sonntag ändern. "Es reicht! Lasst uns zur Vernunft zurückkehren", verkündete die "Katalanische Zivilgesellschaft SCC" und rief zur Kundgebung auf, Intellektuelle wie der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa schlossen sich an. In ganz Katalonien und anderen Regionen Spaniens wurden Busse gemietet, um Demonstranten nach Barcelona zu bringen.

Die Menschen folgen dem Aufruf. Noch bevor die Demonstration offiziell startet, sind die Straßen verstopft mit Gegnern der Unabhängigkeit. Später werden die Organisatoren von fast einer Million Teilnehmern sprechen, die Stadtpolizei von 350.000. Wie viele davon überhaupt nicht in Katalonien leben, bleibt unklar.

Und so mischen sich auf der Straße diejenigen, die Katalanen sind und Spanier bleiben wollen, mit denjenigen, die nichts weiter mit der Region zu tun haben. Menschen, die auf Dialog setzen, schieben sich neben Menschen, die aggressiv mehr Gesetzeshärte fordern, durch die Straßen. Linke, die gegen die Unabhängigkeit sind, laufen neben Rechtsradikalen, die den ehemaligen Diktator Franco verherrlichen und denen die Einheit Spaniens und die Unbesiegbarkeit der Nation über alles gehen.

Eva und Paco gehören zur Gruppe der Katalanen, die sich auch weiterhin als Spanier fühlen wollen. Etwas, das aus ihrer Sicht zunehmend schwieriger sei. "Keine Apartheid mehr in Katalonien", haben sie deshalb auf das Plakat geschrieben, das sie nun in die Höhe halten. Beide sind in Katalonien geboren, den Vergleich mit Unterdrückung und Verfolgung von Schwarzen in Südafrika finden sie angemessen. Aus ihrer Sicht werden in ihrer Heimat längst diejenigen verfolgt, die auch eine spanische Identität haben. "Ich könnte zig Beispiele nennen", sagt Paco und nennt dann eines: Sein Vater habe 1200 Euro Strafe zahlen müssen, weil er den Namen seines Geschäfts nur in Spanisch an die Ladenfront geschrieben habe. "Das muss aufhören", sagt er.

Polizistin streichelt Demonstrantin
AP

Polizistin streichelt Demonstrantin

Für Enrique, der ein paar Meter weiter demonstriert, steht fest, wie dem Gezerre um die Unabhängigkeit ein Ende bereitet werden kann: Die spanische Regierung solle endlich hart durchgreifen. Damit ist der Student auf einer Linie mit dem ehemaligen spanischen Ministerpräsident Felipe González, der bei einem Besuch in Berlin verkündete, dass er die katalanische Führung um Carles Puigdemont schon lange abgesetzt hätte.

Der amtierende Ministerpräsident Mariano Rajoy wartet indes weiter ab. Mit dem katalanischen Regierungschef Puigdemont verhandeln? Solange dieser nicht von der Unabhängigkeit abrückt, für Rajoy keine Option. Das macht er am Sonntag in einem Interview mit der spanischen Zeitung "El País" noch einmal deutlich. Ob er Artikel 155 der Verfassung anwendet und Katalonien so die Autonomie entzieht? "Ich schließe nichts innerhalb der Gesetze aus."

Und Puigdemont, den die Demonstranten hier am liebsten im Gefängnis sehen wollen? Stunden, nachdem die Gegner der Unabhängigkeit wieder abgereist waren, trat er am Abend vor die Kameras und kündigte an, das Gesetz zum Referendum umsetzen zu wollen.

Zuvor noch hatten Medien berichtet, Puigdemont wolle angesichts des wirtschaftlichen Drucks auf Zeit spielen. Viel Zeit hat er aber nicht: Für Dienstagabend ist eine Sitzung im katalanischen Parlament anberaumt - und auch das eigene Lager der Befürworter der Unabhängigkeit wird immer ungeduldiger.

Sehen Sie hier ein Video mit unserer Reporterin Britta Kollenbroich aus Barcelona

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Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes wurde ein Tweet mit einem Foto zweier Franquisten gezeigt. Dieses Bild ist bereits älter und nicht auf der Demonstration in Barcelona entstanden, wir haben den Tweet deshalb entfernt.

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Thorsten_Barcelona 08.10.2017
1. Guter Bericht und ja es waren eher 250 bis 350 Tausend
Ich war als "Beobachter" bei der Demonstration. Ich sagte immer die Unabhängigkeit wäre der Ruin, aber ich sehe auch, dass Spanien mit seiner jetzigen Verfassung und Zentralregierung im Ruin endet. Insofern, besuche ich die Demonstration von beiden Seiten nur um mir einen Eindruck zu machen. Von der Fläche her war meine Schätzung 200 bis 250 Tausend Teilnehmer, aber 350 Tausend ist auch noch okay für mich. Die Million von den Organisatoren ist das typische Spiel hier, das von beiden Seiten gespielt wird. Es gab sicherlich welche von außerhalb, aber bei dieser Masse waren die meisten wirklich von hier. Viele sprachen Katalanisch, was auch ein Zeichen dafür ist. Und ja, die Stimmung war gereizter als bei den Demonstrationen von den Unabhängigkeitsanhängern, was auf die Gegenwart der Ultrarechten zurückzuführen ist. Die haben nach der Demo scheinbar auch einige kleinere und mittlere Probleme verursacht. Keine Ahnung wie es hier weitergeht. Eine einseitige Unabhängigkeitserklärung basierend auf dem 1-O geht selbst vielen moderaten oder nicht so moderaten Unabhängigkeitsanhängern zu weit. Ein Referendum wollen immer noch die meisten, insgesamt 80% der Bevölkerung, allerdings unter den richtigen Bedingungen. Vor einem Monat hätten die "Spanier" ohne Frage gewonnen, aber nach diesem Monat voller Emotionen bin ich da nicht mehr so sicher. Und ohne Referendum und/oder ohne deutliche Verbesserung der Kompetenzen für die Regionalregierung wird das ein endlos Thema. Und ein mehr föderaler Ansatz wollen auch viele spanischen Katalanen nach den Umfragen. Und ehrlich, viele moderate Unabhängigkeitsanhänger wären damit auch zufrieden. Die wurden von Rajoy sprichwörtlich zur Unabhängigkeitsbewegung gedrängt. Und das ist meine große Sorge, Rajoy wird das parteipolitisch ausschlachten wollen und ich fürchte, er wird an einer stabilen Lösung nicht interessiert sein.
jens10777 08.10.2017
2. Unverständniss
Also bei mir herrscht da unverständniss. Auf der einen seite rufen die Katalonen zur unabhängigkeit und dadurch zum austritt aus einer Gemeinschaft, aber rufen im gleichen Atemzug nach hilfe der EU-Gemeinschaft. Wenn sie Autonom sein wollen, können sie das ja auch machen. Aber dann eben nicht nur mit die Vorteile sondern eben auch die Nachteile. Die Briten werden das leider auch noch merken.
stefan_behrens 08.10.2017
3. Die Menschen sprechen miteiander nur die Politiker nicht
Was hätte sich Spanien alles ersparen können, wenn die Politiker weniger ideologisch verblendet agieren würden und nicht immer nur ihre eigenen Interessen berücksichtigen. Etwas mehr Entgegenkommen der Zentralregierung gegenüber den Katalanen im Jahr 2006 und 2010 und die heutige Situation wäre nie entstanden. Aber lieber holt man die große Keule der Justiz raus und wundert sich nun, dass ihnen alles vor die Füße fällt. goo.gl/hcLg6T
puqio 08.10.2017
4. Das Recht auf Selbstbestimmung
Warum sollen die Katalanen in Spanien und die Kurden im Irak und . . . nicht das Recht auf Selbstbestimmung haben, auf ihre eigene Sprache und ihre eigene Kultur? Da reisen aus anderen Landesteilen Spaniens viele Menschen an und protestieren gegen die Abspaltung. Aber liegt die Entscheidung nicht einzig und allein bei den Katalanen? Ich weiß es nicht. Aber ich kann die Bewegungen in Europa gut nachvollziehen, wenn Menschen ihre nationale Identität bewahren und weiterhin selbstbestimmt leben wollen. Ist dieses Recht nicht eines der ersten überhaupt: "Die Würde des Menschen . ."
Frankonia 08.10.2017
5.
Es war zu lesen dass sehr viele Spanier angereist waren damit es optisch eine Massendemonstration gegen eine Abspaltung darstellen konnte. Somit ist nicht sicher dass die (nicht mehr) "stillen Gegner" einer Abspaltung in der Überzahl wären. Eine Wahl fände ich aus diesem Grund angemessen und vor allem Zurückhaltung und Kreativität im Umgang miteinander. MfG
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