Massendemonstration Barcelona Katalane sein, Spanier bleiben

In Barcelona gingen am Sonntag Hunderttausende Gegner einer Abspaltung Kataloniens auf die Straße: Bürger, die sich durch ihre Regionalregierung nicht repräsentiert fühlen, aber auch extreme Rechte und Franco-Fans. Wer will hier was?
Demonstrantin in Barcelona, auf dem Plakat steht "Lassen wir uns nicht spalten von den Regierungen"

Demonstrantin in Barcelona, auf dem Plakat steht "Lassen wir uns nicht spalten von den Regierungen"

Foto: Jeff J Mitchell/ Getty Images

Die spanischen Polizisten sind in Alarmbereitschaft. Sie stehen in einer engen Gasse, die zwei größere Straßen im Zentrum Barcelonas miteinander verbindet. An beiden Enden haben sie Absperrungen aufgestellt, Tausende Demonstranten gehen daran vorbei. Plötzlich bleiben die ersten stehen - sie haben die Polizisten entdeckt.

Doch statt Kritik für das brutale Vorgehen der Einsatzkräfte beim illegalen Referendum zur Unabhängigkeit Kataloniens am vergangenen Sonntag, gibt es heute Glückwünsche, Blumen und gesungene Parolen: "Das ist unsere Polizei", grölen die Demonstranten. "Lang lebe die Guardia Civil." Die spanische Polizei als Gegenstand von Heldenverehrung.

Händedruck zwischen Polizei und Demonstranten

Händedruck zwischen Polizei und Demonstranten

Foto: TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Maria beobachtet die Szene, schüttelt den Kopf und geht ein paar Meter weiter. Sie ist heute extra aus ihrer Heimatstadt nach Barcelona gekommen, über eine Stunde war sie unterwegs, um ein Zeichen zu setzen gegen die Abspaltung der Region von Spanien. Nun ist sie hin- und hergerissen: Zwischen der Freude, dass Hunderttausende Menschen ihre Meinung teilen, und dem Entsetzen, wer hier auf der Straße ist. "Dass die Menschen, nur weil sie gegen die Unabhängigkeit sind, das Verhalten der Polizei gut finden, ist falsch. Noch schlimmer aber ist, dass hier so viele Franco-Anhänger sind", sagt sie.

Wer ist die "schweigende Mehrheit"?

Bislang sind vor allem die Befürworter der Unabhängigkeit in diesem Konflikt in Erscheinung getreten. Sie demonstrierten vor dem Referendum und danach, sie gehörten zu den 43 Prozent der Katalanen, die am vergangenen Sonntag zur Wahl gingen und das Anliegen der Separatisten zu 90 Prozent unterstützten. Die übrigen 57 Prozent der Katalanen hielten sich zurück, auch deshalb wurden sie die "schweigende Mehrheit" genannt.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Das sollte sich mit der Demonstration an diesem Sonntag ändern. "Es reicht! Lasst uns zur Vernunft zurückkehren", verkündete die "Katalanische Zivilgesellschaft SCC" und rief zur Kundgebung auf, Intellektuelle wie der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa schlossen sich an. In ganz Katalonien und anderen Regionen Spaniens wurden Busse gemietet, um Demonstranten nach Barcelona zu bringen.

Die Menschen folgen dem Aufruf. Noch bevor die Demonstration offiziell startet, sind die Straßen verstopft mit Gegnern der Unabhängigkeit. Später werden die Organisatoren von fast einer Million Teilnehmern sprechen, die Stadtpolizei von 350.000. Wie viele davon überhaupt nicht in Katalonien leben, bleibt unklar.

Und so mischen sich auf der Straße diejenigen, die Katalanen sind und Spanier bleiben wollen, mit denjenigen, die nichts weiter mit der Region zu tun haben. Menschen, die auf Dialog setzen, schieben sich neben Menschen, die aggressiv mehr Gesetzeshärte fordern, durch die Straßen. Linke, die gegen die Unabhängigkeit sind, laufen neben Rechtsradikalen, die den ehemaligen Diktator Franco verherrlichen und denen die Einheit Spaniens und die Unbesiegbarkeit der Nation über alles gehen.

Eva und Paco gehören zur Gruppe der Katalanen, die sich auch weiterhin als Spanier fühlen wollen. Etwas, das aus ihrer Sicht zunehmend schwieriger sei. "Keine Apartheid mehr in Katalonien", haben sie deshalb auf das Plakat geschrieben, das sie nun in die Höhe halten. Beide sind in Katalonien geboren, den Vergleich mit Unterdrückung und Verfolgung von Schwarzen in Südafrika finden sie angemessen. Aus ihrer Sicht werden in ihrer Heimat längst diejenigen verfolgt, die auch eine spanische Identität haben. "Ich könnte zig Beispiele nennen", sagt Paco und nennt dann eines: Sein Vater habe 1200 Euro Strafe zahlen müssen, weil er den Namen seines Geschäfts nur in Spanisch an die Ladenfront geschrieben habe. "Das muss aufhören", sagt er.

Polizistin streichelt Demonstrantin

Polizistin streichelt Demonstrantin

Foto: Emilio Morenatti/ AP

Für Enrique, der ein paar Meter weiter demonstriert, steht fest, wie dem Gezerre um die Unabhängigkeit ein Ende bereitet werden kann: Die spanische Regierung solle endlich hart durchgreifen. Damit ist der Student auf einer Linie mit dem ehemaligen spanischen Ministerpräsident Felipe González, der bei einem Besuch in Berlin verkündete, dass er die katalanische Führung um Carles Puigdemont schon lange abgesetzt hätte.

Der amtierende Ministerpräsident Mariano Rajoy wartet indes weiter ab. Mit dem katalanischen Regierungschef Puigdemont verhandeln? Solange dieser nicht von der Unabhängigkeit abrückt, für Rajoy keine Option. Das macht er am Sonntag in einem Interview mit der spanischen Zeitung "El País" noch einmal deutlich. Ob er Artikel 155 der Verfassung anwendet und Katalonien so die Autonomie entzieht? "Ich schließe nichts innerhalb der Gesetze aus."

Und Puigdemont, den die Demonstranten hier am liebsten im Gefängnis sehen wollen? Stunden, nachdem die Gegner der Unabhängigkeit wieder abgereist waren, trat er am Abend vor die Kameras und kündigte an, das Gesetz zum Referendum umsetzen zu wollen.

Zuvor noch hatten Medien berichtet, Puigdemont wolle angesichts des wirtschaftlichen Drucks auf Zeit spielen. Viel Zeit hat er aber nicht: Für Dienstagabend ist eine Sitzung im katalanischen Parlament anberaumt - und auch das eigene Lager der Befürworter der Unabhängigkeit wird immer ungeduldiger.

Sehen Sie hier ein Video mit unserer Reporterin Britta Kollenbroich aus Barcelona

SPIEGEL ONLINE

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes wurde ein Tweet mit einem Foto zweier Franquisten gezeigt. Dieses Bild ist bereits älter und nicht auf der Demonstration in Barcelona entstanden, wir haben den Tweet deshalb entfernt.

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