Baschar als Präsident In Syrien beginnen unsichere Zeiten


Jerusalem/London - Kann ein zurückhaltender, 34-jähriger Augenarzt mit einem Faible für Handys und Internet ein Land wie Syrien allein deshalb regieren, weil er mit Nachnamen Assad heißt? Nahost-Experten bezweifeln, ob Baschar el Assad, Sohn und voraussichtlicher Nachfolger von Präsident Hafis el Assad, die nötige Autorität und Rücksichtslosigkeit für die vor ihm liegende Aufgabe hat. Dementsprechend könnte Syrien und dem Nahen Osten eine Zeit der Unsicherheit bevorstehen. Baschars am Samstag gestorbener Vater Hafis el Assad hatte erst langsam begonnen, Baschar als seinen Nachfolger aufzubauen, nachdem dessen eigentlich als Nachfolger auserkorener älterer Bruder vor vier Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam.

Der wohlerzogene Baschar komme wohl als Reformer und Modernisierer, kaum aber als Mafia-Boss in Frage, schrieb der amerikanische Politologe Edward Luttwak im britischen "Sunday Telegraph". In der syrischen Innenpolitik könnte ihm dieser Mangel gefährlich werden. Jesid Sajigh von der Universität Cambridge warnt daher, Baschar werde kaum als starker Mann wie sein Vater, sondern nur als Kopf einer Gruppe mehrerer einflussreicher Politiker regieren können, um die Kontrolle über Geheimdienste, Militär und Wirtschaft zu behalten. Ohne den Schutz seines Vaters könne es für Baschar schwierig werden, sich zu behaupten - vor allem weil dieser nicht mehr alle potenziellen Gegner aus der alten Garde aus dem Weg räumen konnte. Zu Stabilität werde dies kaum führen, sagt Sajigh.

Israelische Experten wissen noch nicht so recht, was sie von Baschar halten sollen und geben sich hoffnungsvoll. Schlimmer als mit seinem hartnäckigen Vater könne es kaum werden, sagt Mark Heller vom Institut für Strategische Studien der Universität Tel Aviv. Hafis el Assad habe immer vom Frieden gesprochen, aber nie wirklich etwas dafür getan. Die Friedensgespräche zwischen Israel und Syrien sind bislang am Streit um die besetzten Golan-Höhen gescheitert. Während Hafis el Assad auf der Rückgabe des gesamten von Israel besetzten Gebietes bestand, wollte Israel sich den Zugang zum See Genezareth sichern. Auch der israelische Justizminister Jossi Beilin äußerte sich zuversichtlich. Baschars Vater habe die Last der vergangenen 30 Jahre mit sich herumgeschleppt, und sei zum Hindernis für den Friedensprozess geworden. Sein Sohn aber wisse, dass es nicht nur Syrien in der Welt gebe.

Doch andere Experten warnen, dass Baschar gerade wegen seiner noch nicht gesicherten Machtbasis in Damaskus schwerlich kompromissbereiter sein könne als sein Vater. Weil Hafis el Assad unbestrittener Staatschef in Syrien war, hätte er nach Ansicht von Diplomaten auch die Möglichkeit gehabt, Kompromisse im Friedensprozess innenpolitisch durchzusetzen. Sein Nachfolger wird dagegen in einer viel schwächeren Position sein. Über ihm schwebt wie ein Damoklesschwert der dann drohende Vorwurf, Hafis el Assad verraten und Israel nachgegeben zu haben.

Paul Taylor und Howard Goller



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