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Baskenland: Offene Wunden nach 50 Jahren Terror

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Baskenland nach dem Bürgerkrieg Hoffnung für das verwundete Land

50 Jahre lang lebten die Basken in Angst vor dem Terror. Als die Eta im Herbst 2011 wieder einmal eine Waffenruhe verkündete, traute kaum jemand ihren Worten. Wut und Verbitterung sind so mächtig, dass die Hoffnung auf Aussöhnung sich nur langsam durchsetzt.
Von Angelika Stucke

Eigentlich hatte der Taxifahrer Manuel Albizu Idiáquez aus dem kleinen baskischen Küstenort Zumaia gar keine Lust mehr auf einen weiteren Einsatz, als am Abend des 13. März 1976 bei ihm zu Hause das Telefon ging. Aber dann fuhr er doch noch einmal mit seinem Wagen los. Die Familie konnte den Verdienst gut brauchen.

Manuel Albizu Idiáquez sollte nie wieder nach Hause kommen. Mitglieder der Terrororganisation Eta hatten den Taxidienst bei ihm bestellt und schossen ihm, als sie zu ihm ins Auto stiegen, kaltblütig ins Gesicht.

"Spaziergänger haben meinen Großvater erst am nächsten Morgen gefunden", erzählt Cristian Matías Albizu über 35 Jahre später am Strand von San Sebastián. "Sie wunderten sich, dass da auf der Landstraße ein Fahrzeug mit eingeschaltetem Licht und laufendem Motor stand. Als sie hingingen, um nachzusehen, was es damit auf sich hatte, fanden sie meinen Großvater mit blutüberströmten Gesicht."

Obwohl der 1980 geborene Mann seinen Großvater nie kennengelernt hat, trägt er ständig ein Foto von ihm bei sich, gespeichert auf dem Handy. "Irgendwie vermisse ich ihn", sagt er und erzählt dann von der Zeit, als ihm zu Hause eingebläut wurde, bloß nicht den Namen des Opas in der Schule zu erwähnen. "Die meisten in Zumaia haben doch gedacht, irgendwas wird der schon gemacht haben, dass sie ihn erschossen haben. Später wurden Gerüchte verbreitet, mein Großvater habe als Informant für die Guardia Civil gearbeitet. Aber das stimmt nicht. Er hatte einfach nur oft Taxifahrten zur Kaserne."

Die Wunden des Verlustes und des erzwungenen Schweigens in einer gespaltenen Gesellschaft sind Cristian Matías Albizu noch immer anzumerken. Er wirkt trotz der jüngst erwachten Hoffnung auf Frieden im Baskenland noch immer verbittert. "Von Vergessen und Vergebung will ich nichts wissen", meint er. "Mich soll niemand um Verzeihung bitten."

Mit zusammen gepresstem Mund blickt er über die Wellen, die an diesem Tag außerhalb der Bucht mit voller Wucht auf die baskische Küste treffen.

Letzter bewaffneter Unabhängigkeitskampf Westeuropas

Das spanische Baskenland erstreckt sich an der Atlantikküste von Bilbao bis zur französischen Grenze. Malerisch wirkt die grüne Landschaft mit ihren Steilklippen und Buchten. Kaum etwas deutet darauf hin, dass in diesem Landstrich bis vor kurzem der letzte bewaffnete Unabhängigkeitskampf Westeuropas ausgefochten wurde. 51 Jahre herrschte hier die Angst vor Terroranschlägen. Das sollte mit der Erklärung der Eta vom 20. Oktober 2011, ab sofort definitiv die Waffen schweigen zu lassen, eigentlich ein Ende haben. Eigentlich. Denn so recht glauben viele direkt Betroffene noch nicht an die Waffenruhe.

"Natürlich ist das eine gute Nachricht, aber solche Erklärungen gab es schon viel zu viele", sagt zum Beispiel Fernando Lecumberri. Er ist stellvertretender Bürgermeister in Ermua, der Gemeinde, in der die Eta im Sommer 1997 Miguel Angel Blanco entführte. Zwei Tage später fand man den jungen Lokalpolitiker angeschossen im Wald. Einen Tag später, am 13. Juli 1997, erlag er seinen Kopfverletzungen. Miguel Angel Blanco hatte nichts Anderes getan, als Mitglied der PP, der konservativen Volkspartei, zu sein. Das machte ihn zur Zielscheibe für die Terroristen.

Genau wie Fernando Lecumberri. Und obwohl die meisten Bodyguards mittlerweile im Baskenland abgezogen wurden, lebt Lecumberri noch immer mit seinen beiden Schatten. Er zählt zu den besonders gefährdeten Personen, weil er nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Für ihn sind die Terroristen nichts anderes als Mörder, die nach Gutdünken Menschen töten, nur weil die eine andere politische Meinung vertreten. "Für mich ist die Sache klar: da gibt es nichts zu verhandeln, " sagt er. "Warum sollte man denen jetzt etwas geben? Nur weil sie plötzlich, nach Hunderten Morden* verkünden, sie werden nicht mehr töten?"

Demonstration für die Verlegung der Eta-Gefangenen

Das sieht Juanjo Txurruka ganz anders. Er ist Bürgermeister von Markina, keine 20 Kilometer von Ermua entfernt, und gehört Bildu an, der Partei, die aus einem Bündnis von Eusko Alkartasuna, den baskischen sozialdemokratischen Nationalisten und Alternatiba, Vertretern der radikaleren linken Unabhängigkeitsbewegung entstand. "Die izquierda abertzale (linke baskische Nationalisten) hat den ersten Schritt getan, nun müssen die spanische und die französische Regierung den nächsten tun." Meint Txurruka.

Spontan hatte Txurruka unlängst zusammen mit anderen Lokalpolitikern seiner Partei bei strömenden Regen für die Verlegung der insgesamt fast 800 Eta-Gefangenen demonstriert. "Die Verlegung der Gefangenen ins Baskenland ist ein notwendiger erster Schritt, um zu einem dauerhaften Frieden zu gelangen", glaubt er. Für Samstag hatte seine Partei deshalb zu einer Großdemonstration in Bilbao für die Rechte der Gefangenen aufgerufen. Tausende kamen, hinter einem Spruchband mit der Aufschrift "Baskische Häftlinge ins Baskenland" bildeten rund 3000 Angehörige von Gefangenen die Spitze des Marsches.Theoretisch nämlich muss in Spanien jeder Häftling seinem Heimatort so nah wie möglich untergebracht werden. Dieses Regel galt bisher nicht für Terroristen.

Die Fronten scheinen so verhärtet wie eh und je. Die einen wollen jetzt bereits Zugeständnisse, die anderen fordern die Eta auf, die Waffen nicht nur ruhen zu lassen, sondern diese endlich auch zu übergeben, wie es zum Beispiel in Irland getan wurde. Eine typische Pattsituation würde man meinen. Und dennoch ist eine winzige Veränderung zu spüren, wenn man durch die Straßen der Ortschaften im spanischen Baskenland läuft. Die Atmosphäre wirkt entspannter.

Hoffnung liegt in der Luft

Selbst in die Hochburgen der Nationalisten kann man sich neuerdings als Tourist mit Kamera um den Hals trauen. Unternehmer versichern außerdem, schon seit einigen Monaten keine erpresserischen Briefe mehr zu erhalten, in denen ihnen von der Eta eine revolutionäre Steuer abverlangt wird. Das ist neu. Während früherer Waffenruhen wurden solche Briefe weiterhin verschickt. Nach einer Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Mikel Buesa wurden so in den Jahren 1978 bis 2010 etwa 115 Millionen Euro erpresst.

"Wir sind überzeugt davon, dass die Eta ihre bewaffnete Aktivität definitiv beendet hat", hofft Xabier Mikel Errekondo. Er ist Sprecher des jüngst in den spanischen Kongress eingezogenen Parteienbündnisses Amaiur, zu dem auch die in Markina regierende Partei Bildu gehört. Die Koalition ist heute schon Gewinner der neuen Situation. Denn nur einen Monat nach der verkündeten Waffenruhe fanden in Spanien Parlamentswahlen statt, aus denen Amaiur im Baskenland als großer Wahlsieger hervorging.

Gewinner sind schon jetzt all jene Basken, die bisher nicht direkt von dem Konflikt betroffen waren, der Großteil der Bevölkerung, der einfach nur in Frieden leben will. Brennende Autobusse, jugendliche Krawallmacher, das alles gehört vorerst der Vergangenheit an. Bleibt zu hoffen, dass auch die Attentate mit tödlichem Ausgang endgültig der Vergangenheit angehören. Der Taxifahrer Manuel Albizu Idiáquez war eines der ersten Todesopfer der Eta. Das letzte der französische Polizist Jean-Serge Nerin, der am 16. März 2010 erschossen wurde.

"Die Wahrheit ist, dass es keinen einzigen Toten hätte geben sollen", erklärte Xabier Mikel Errekondo Ende Dezember in einem Interview mit der spanischen Tageszeitung "El País". Das sehen auch Cristian Matías Albizu und Fernando Lecumberri nicht anders.

*Laut der spanischen Nachrichtenagentur EFE beläuft sich die Zahl der durch baskische Terroristen getöteten Menschen auf 858.

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