Bassidsch-Brigaden "Wir lieben den Tod"

Von Matthias Küntzel

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Schiiten auf die Ankunft des Messias warten


Die Schiiten bezeichnen alle Nachkommen des Propheten Mohammed als Imame und schreiben ihnen einen quasi-göttlichen Status zu. Der in Kerbala von Yazid ermordete Hussein war der dritte Imam, dessen Sohn und Enkel der vierte und fünfte. Am Ende dieser Linie steht der Zwölfte Imam mit Namen Mohammed. Einige bezeichnen ihn als den "Mahdi" ("der Rechtsgeleitete"), andere als "Imam Zaman" ("der Herr der Zeit"). Er wurde 869 als einziger Sohn geboren und verschwand 874 spurlos. Biologisch brach die Linie Mohammeds damit ab. Die Schiiten aber setzten sie mythologisch fort. Sie sind davon überzeugt, dass sich der Zwölfte Imam im Alter von fünf Jahren lediglich zurückgezogen habe, um in naher oder ferner Zukunft aus seiner Verborgenheit aufzutauchen und die Welt von allen Übeln zu befreien.

Wie stark die Hoffnung auf die Ankunft des schiitischen Messias in der iranischen Bevölkerung verwurzelt ist, beschrieb der Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul. Überall hingen Plakate, schreibt Naipaul aus dem nachrevolutionären Teheran, deren Motive an den Maoismus erinnerten: Eine Menschenmenge zum Beispiel, die wie zum Gruß Gewehre und Maschinengewehre in die Luft hält. Die Textzeile aber war immer gleich. "Zwölfter Imam, wir warten auf dich." Die Verehrung für Chomeini habe er intellektuell noch nachvollziehen können, schreibt Naipaul. "Der Gedanke hingegen, die Revolution solle darüber hinaus eine Opfergabe an den Zwölften Imam sein, der 874 n. Chr. von der Bildfläche verschwand und sich seither ,im Verborgenen’ hielt, war schwerer zu begreifen."

Nach schiitischer Tradition darf eine legitime islamische Herrschaft erst beim Wiederauftauchen des Zwölften Imam errichtet werden. Bis dahin bleibt den Schiiten nichts anderes übrig, als zu warten, sich mit der illegitimen Herrschaft abzufinden und dem Schicksal des Prophetenenkels Hussein in Trauer zu gedenken. Chomeini aber dachte gar nicht daran zu warten. Er gab dem Mythos einen gänzlich neuen Sinn. Der Zwölfte Imam werde erst dann aus der Verborgenheit zurückkehren, wenn die Gläubigen damit begonnen haben, das Böse zu beseitigen und dem Guten zum Sieg zu verhelfen. Um die Wiederkehr des Mahdi zu beschleunigen, müssten sich die Muslime aus ihrer Erstarrung befreien und kämpfen. Dieser chomeinistische Aktivismus war vom Aufbruchsgedanken der ägyptischen Muslimbrüder inspiriert.

Gehirnwäsche und materieller Anreiz

Chomeini waren die Texte dieser Bruderschaft seit den Dreißigerjahren vertraut. Man war sich einig, was als "das Böse" zu bewerten sei: all die dem Leben zugeneigten Errungenschaften der Moderne, die anstelle der göttlichen Bestimmung die Selbstbestimmung setzen, anstelle blinder Gläubigkeit den Zweifel und anstelle der Scharia-Moral die Sinnesfreude. Yazid verkörperte dem Mythos zufolge all das, was streng verboten war: Er trank Wein, hatte Freude an Musik und Gesang und amüsierte sich mit Jagdhunden und Affen. Und war es nicht bei Saddam Hussein ganz ähnlich? "Das Böse" war im Krieg gegen den Irak klar definiert und der Sieg über das Böse die Voraussetzung, die Ankunft des geliebten Zwölften Imams zu beschleunigen. Wenn er sich dann auf seinem Schimmel für Minuten wenigstens blicken ließ, potenzierte sich die Bereitschaft zum Märtyrertod.

Natürlich wird uns der Verlust des Selbsterhaltungswillens bei den Bassidsch immer unbegreiflich bleiben. Dennoch gibt es Erklärungen: Erstens Chomeinis religiöse Doktrin vom "jenseitigen Leben". Zweitens die in der Schia verankerte Kultur der Märtyrerverehrung und des Märtyrerseins. Drittens die mit der Vorstellung vom Zwölften Imam verbundene Hoffnung auf Erlösung, und viertens schließlich jene Mischung aus Gehirnwäsche und materiellem Anreiz, mit der das Mullah-Regime dieses kulturelle Erbe für seine Kriegsinteressen zu instrumentalisieren verstand.

Chomeini hat die Religion der Schiiten, die Schia, die über Jahrhunderte für Gewaltlosigkeit und Quietismus stand, dschihadistisch radikalisiert. Opfermythos und Erlösungsidee schaukeln sich bei ihm gegenseitig auf: Je selbstloser das von den Muslimen erbrachte Opfer, desto präsenter die Verheißung des Imam. Je verheißungsvoller die Erlösung durch den Mahdi, desto selbstloser die Bereitschaft zum Märtyrertod. Kein Muslim aber und auch kein Islamist hatte vor Chomeinis Machtantritt an einen "Märtyrertod" durch "suicid bombing" gedacht.



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