Bassidsch-Brigaden "Wir lieben den Tod"

Hunderttausende iranische Kindersoldaten kämpften im Krieg gegen den Irak und liefen mit Begeisterung in den Tod. Das Regime in Teheran setzt auch heute auf die bedingungslose Loyalität seiner Anhänger.
Von Matthias Küntzel

Hamburg - Zu Beginn des Krieges hatten die Mullahs keine Menschen, sondern Tiere in die Minenfelder geschickt: Esel, Pferde, vor allem Hunde. Vergeblich. "Die Esel galoppierten in Schrecken davon, nachdem einige ihrer Artgenossen in die Luft gesprengt worden waren", berichtet Mostafa Arki in seinem Buch "Acht Jahre Krieg im Nahen Osten".

Diese Esel reagierten normal. Die Angst vor dem Tod ist ein Teil der Natur. Die Bassidsch hingegen marschierten klaglos, furchtlos, wie von unsichtbarer Hand gesteuert in ihren Tod. Befremdlich klangen schon die Parolen, mit denen sie in die Schlacht zogen: "Gegen den Yazid unserer Zeit!", "Die Karawane Hussein zieht weiter!", "Ein neues Kerbala wartet auf uns". Yazid, Hussein und Kerbala sind Schlüsselbegriffe der schiitischen Religion. Ihr Ursprungsmythos ist die im Jahr 680 in Kerbala ausgefochtene Schlacht zwischen den Gründern des sunnitischen und des schiitischen Islam.

Die Hauptfigur der Schiiten ist Imam Hussein, der Enkel des Propheten Mohammed. Hussein hatte einen Aufstand gegen den "unrechtmäßigen" Kalifen Yazid riskiert. Husseins Aufstand wurde jedoch von denjenigen verraten, die ihm zuvor die Treue geschworen hatten. Diese "Erbsünde" der Schiiten generiert bis heute bedingungslose Loyalität. Auf der Ebene von Kerbala, am zehnten Tag des Monats Muharrem wurden Hussein und sein Gefolge von einer unbesiegbaren Übermacht unter Yazids Führung angegriffen und niedergemacht. Husseins Leichnam wies die Spuren von 33 Lanzenstichen und 34 Schwerthieben auf. Sein Kopf wurde abgeschlagen und der Rumpf von Pferden in den Boden gestampft.

Selbstgeißelung mit Eisenketten

Seither ist das Martyrium Husseins der Kern der schiitischen Theologie und der Ashura-Tag das höchste Fest der Schiiten. Männer schlagen sich mit Fäusten auf die Brust oder geißeln ihren Rücken mit Eisenketten, um sich in das Leiden Husseins hinein zu versetzen.

Diese Rituale sind vor-islamischer Natur: Die Schia hatte sie von heidnischen Traditionen adaptiert. Der Nobelpreisträger für Literatur, Elias Canetti, beschreibt in "Masse und Macht" das Ashura-Fest in Teheran, wie es etwa 1850 stattgefunden hat. Dieser Bericht nimmt einiges von dem, was uns am Kriegsverhalten der Bassidsch so unverständlich erscheint, vorweg: "500.000 Menschen, vom Wahne gepackt, bedecken sich das Haupt mit Asche und schlagen mit der Stirn gegen den Boden. Sie wollen sich der freiwilligen Marter unterwerfen, sich in Gruppen umbringen und raffiniert verstümmeln. (...) Zu Hunderten kommen Männer in weißen Hemden herbei, das Gesicht ekstatisch zum Himmel gewandt. Von diesen Männern werden mehrere am Abend tot sein, viele verstümmelt und entstellt und die weißen Hemden, rot verfärbt, werden Leichentücher sein. (...) Es gibt kein schöneres Los, als an dem Festtag der Ashura zu sterben, die Pforten der acht Paradiese stehen für die Heiligen weit offen, und jeder sucht hineinzugelangen."

Wenn auch Exzesse dieser Art im gegenwärtigen Iran verboten sind, hat doch Ajatollah Chomeini den spirituellen Kern des auch heute noch gepflegten Rituals übernommen und ihn politisiert. Er hat die nach innen gerichtete Leidenschaft auf den äußeren Feind gelenkt. Er hat die passive Klage in aktiven Protest überführt. Er machte die Schlacht von Kerbala zum Prototyp des Aufbegehrens gegen Tyrannei. Schon bei den Anti-Schahprotesten von 1978 trugen viele Teilnehmer Leichengewänder, um den Ashura-Kult mit den aktuellen politischen Kämpfen zu verbinden. Noch stärker wurde dann im Krieg gegen den Irak an Kerbala angeknüpft: Hier der Bösewicht Yazid in Gestalt des Saddam Hussein, dort der Propheten-Enkel Hussein, für dessen Leid die Zeit der schiitischen Rache jetzt gekommen war.

Wertloses Leben, kostbarer Tod

Doch warum sollten die Bassidsch in diesem Kampf ihr Leben lassen? Hier kommt Chomeinis Theologie ins Spiel. Ihm gilt das Leben als wertlos und der Tod als der Beginn eigentlicher Existenz. "Die natürliche Welt", erklärte er im Oktober 1980, "ist der niedrigste Aspekt, der Abschaum der Schöpfung." Entscheidend sei das Jenseits, jene "göttliche Welt, die unerschöpflich" ist. Oder in den Worten des Chomeini-Nachfolgers Ahmadinedschad in seinem Brief an US-Präsident George W. Bush: "Ein böses Ende haben nur die, die das Leben des Diesseits bevorzugt haben. (...) Ewige Glückseligkeit des Paradieses gehört denen, die (...) nicht ihren Gelüsten folgen."

Ganz oben stehen hierbei die Märtyrer. Ihr Tod gilt lediglich als ein Übergang von der diesseitigen in die jenseitige Welt, wo sie in Ewigkeit und Prächtigkeit weiterlebten. Ob der Kämpfer also die Schlacht gewinnt oder ob er sie verliert und als Märtyrer stirbt – in beiden Fällen sei der Sieg gewiss: Entweder als weltlicher oder als seelischer Sieg. Auf Letzteren aber komme es in erster Linie an: "Eine ideologisch reine Armee ist besser als eine siegreiche Armee", sagte der gefeierte Pasdaran-Führer Hossein Charrazi.

Diese Einstellung hatte für die Bassidsch eine verhängnisvolle Konsequenz: Man kümmerte sich nicht darum, ob sie überleben oder nicht. Nicht einmal auf die Effizienz ihres Opfers kam es an. Militärische Siege seien sekundär, erklärte Chomeini im September 1980. "Wir müssen unsere Ziele mit heiligen Maßstäben messen und Sieg und Niederlage auf dem heiligen Schlachtfeld definieren. (...) Selbst wenn die ganze Welt gegen uns aufsteht und uns vernichtet, haben wir doch gesiegt."

Hätte Chomeinis Hass auf das Leben auch ohne den tiefverwurzelten Kerbala-Mythos im Krieg gegen den Irak seine Wirkung entfalten können? Vermutlich nicht. Mit ihren Kerbala-Parolen auf den Lippen zogen die Bassidsch erregt in die Schlacht. Und alle zogen mit. Ali Chamenei, der heutige Revolutionsführer, lobte iranische Mütter, die für die Verluste ihrer Söhne Gratulationen statt Beileidsbekundungen entgegennahmen.

Haschemi Rafsandschani, die heutige Nummer zwei in Iran, erzählte seiner Zuhörerschaft die Geschichte von den Kindern der in Kerbala getöteten Soldaten: "Die Kinder zogen sich ihr Leichentuch über, nahmen ihres Vaters Schwert und waren zum Selbstopfer bereit." Anschließend machte sich Rafsandschani über die Kommandeure der regulären iranischen Armee lustig, da diese den Familien die Entsendung ihrer Kinder zur Front verbieten wollten. Die Kinder, so Rafsandschani triumphierend, hielten sich nicht daran.

Wenn dennoch der Todesmut der Bassidsch nachzulassen drohte, inszenierte das Regime eine Show. Dann tauchte an der Front ein geheimnisvoller Reiter auf einem prächtigen Schimmel auf. Sein mit Phosphor überzogenes Gesicht leuchtete. Seine Kleidung war die eines mittelalterlichen Fürsten. Die Soldaten reagierten mit panikartiger Verzückung, berichtet der Kindersoldat Reza Behrouzi, dessen Geschichte der Journalist Freidoune Sehabjam 1985 dokumentierte. "Alle wollten dem Reiter entgegenlaufen. Dieser aber schickte sie fort. 'Kommt nicht zu mir', rief er, 'stürmt zum Angriff gegen die Ungläubigen. (...) Rächt den Tod unseres Imam Hussein und macht die Abkömmlinge Yazids nieder'. Als die Gestalt verschwindet, rufen die Soldaten: 'Ya, Imam Zaman, wo bist du?'. Sie werfen sich auf die Knie, beten und weinen. Als er wiedererscheint, stehen sie wie ein Mann auf. Wer noch bei Kräften ist, läuft dem Feind entgegen." Die geheimnisvolle Gestalt, die solche Emotionen freisetzen konnte, ist der "Verborgene Imam" – eine mythische Figur, die das Denken und Handeln Ahmadinedschads bis heute bestimmt.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Schiiten auf die Ankunft des Messias warten

Die Schiiten bezeichnen alle Nachkommen des Propheten Mohammed als Imame und schreiben ihnen einen quasi-göttlichen Status zu. Der in Kerbala von Yazid ermordete Hussein war der dritte Imam, dessen Sohn und Enkel der vierte und fünfte. Am Ende dieser Linie steht der Zwölfte Imam mit Namen Mohammed. Einige bezeichnen ihn als den "Mahdi" ("der Rechtsgeleitete"), andere als "Imam Zaman" ("der Herr der Zeit"). Er wurde 869 als einziger Sohn geboren und verschwand 874 spurlos. Biologisch brach die Linie Mohammeds damit ab. Die Schiiten aber setzten sie mythologisch fort. Sie sind davon überzeugt, dass sich der Zwölfte Imam im Alter von fünf Jahren lediglich zurückgezogen habe, um in naher oder ferner Zukunft aus seiner Verborgenheit aufzutauchen und die Welt von allen Übeln zu befreien.

Wie stark die Hoffnung auf die Ankunft des schiitischen Messias in der iranischen Bevölkerung verwurzelt ist, beschrieb der Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul. Überall hingen Plakate, schreibt Naipaul aus dem nachrevolutionären Teheran, deren Motive an den Maoismus erinnerten: Eine Menschenmenge zum Beispiel, die wie zum Gruß Gewehre und Maschinengewehre in die Luft hält. Die Textzeile aber war immer gleich. "Zwölfter Imam, wir warten auf dich." Die Verehrung für Chomeini habe er intellektuell noch nachvollziehen können, schreibt Naipaul. "Der Gedanke hingegen, die Revolution solle darüber hinaus eine Opfergabe an den Zwölften Imam sein, der 874 n. Chr. von der Bildfläche verschwand und sich seither ,im Verborgenen’ hielt, war schwerer zu begreifen."

Nach schiitischer Tradition darf eine legitime islamische Herrschaft erst beim Wiederauftauchen des Zwölften Imam errichtet werden. Bis dahin bleibt den Schiiten nichts anderes übrig, als zu warten, sich mit der illegitimen Herrschaft abzufinden und dem Schicksal des Prophetenenkels Hussein in Trauer zu gedenken. Chomeini aber dachte gar nicht daran zu warten. Er gab dem Mythos einen gänzlich neuen Sinn. Der Zwölfte Imam werde erst dann aus der Verborgenheit zurückkehren, wenn die Gläubigen damit begonnen haben, das Böse zu beseitigen und dem Guten zum Sieg zu verhelfen. Um die Wiederkehr des Mahdi zu beschleunigen, müssten sich die Muslime aus ihrer Erstarrung befreien und kämpfen. Dieser chomeinistische Aktivismus war vom Aufbruchsgedanken der ägyptischen Muslimbrüder inspiriert.

Gehirnwäsche und materieller Anreiz

Chomeini waren die Texte dieser Bruderschaft seit den Dreißigerjahren vertraut. Man war sich einig, was als "das Böse" zu bewerten sei: all die dem Leben zugeneigten Errungenschaften der Moderne, die anstelle der göttlichen Bestimmung die Selbstbestimmung setzen, anstelle blinder Gläubigkeit den Zweifel und anstelle der Scharia-Moral die Sinnesfreude. Yazid verkörperte dem Mythos zufolge all das, was streng verboten war: Er trank Wein, hatte Freude an Musik und Gesang und amüsierte sich mit Jagdhunden und Affen. Und war es nicht bei Saddam Hussein ganz ähnlich? "Das Böse" war im Krieg gegen den Irak klar definiert und der Sieg über das Böse die Voraussetzung, die Ankunft des geliebten Zwölften Imams zu beschleunigen. Wenn er sich dann auf seinem Schimmel für Minuten wenigstens blicken ließ, potenzierte sich die Bereitschaft zum Märtyrertod.

Natürlich wird uns der Verlust des Selbsterhaltungswillens bei den Bassidsch immer unbegreiflich bleiben. Dennoch gibt es Erklärungen: Erstens Chomeinis religiöse Doktrin vom "jenseitigen Leben". Zweitens die in der Schia verankerte Kultur der Märtyrerverehrung und des Märtyrerseins. Drittens die mit der Vorstellung vom Zwölften Imam verbundene Hoffnung auf Erlösung, und viertens schließlich jene Mischung aus Gehirnwäsche und materiellem Anreiz, mit der das Mullah-Regime dieses kulturelle Erbe für seine Kriegsinteressen zu instrumentalisieren verstand.

Chomeini hat die Religion der Schiiten, die Schia, die über Jahrhunderte für Gewaltlosigkeit und Quietismus stand, dschihadistisch radikalisiert. Opfermythos und Erlösungsidee schaukeln sich bei ihm gegenseitig auf: Je selbstloser das von den Muslimen erbrachte Opfer, desto präsenter die Verheißung des Imam. Je verheißungsvoller die Erlösung durch den Mahdi, desto selbstloser die Bereitschaft zum Märtyrertod. Kein Muslim aber und auch kein Islamist hatte vor Chomeinis Machtantritt an einen "Märtyrertod" durch "suicid bombing" gedacht.