Befreiungsaktion Taliban drohen mit neuen Gefängnis-Angriffen

Absprache per Handy, Haupttor gesprengt, Wachen erschossen: Mit einem generalstabsmäßig geplanten Angriff haben die Taliban in Kandahar rund tausend Gefängnisinsassen befreit. Die Islamisten feiern ihre Aktion als Triumph über die afghanische Regierung - und kündigen an, weitere Knäste zu stürmen.

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Hamburg - Kari Mohammed Jusif Ahmadi war am Samstag außer sich vor Freude. "Wir haben sehr lange geplant, sehr genau beobachtet, und wir haben gewonnen", sagte er SPIEGEL ONLINE per Telefon von einem unbekannten Ort in Afghanistan, "unsere Brüder sind nun in Sicherheit". Bisher hätten die Kommandeure rund 400 ehemals inhaftierte Taliban-Kämpfer wieder in ihre Reihen aufgenommen, die anderen würden bald wieder zu den Truppen der Islamisten stoßen, so Ahmadi selbstsicher.

Als der Sprecher der Taliban in Afghanistan, der in der Vergangenheit oftmals die Operationen seiner Leute übertrieb, über die Aktion vom Freitagabend sprach, musste er nicht dick auftragen. Auch in westlichen Militärkreisen wurde der Angriff auf das Gefängnis in der südafghanischen Provinzhauptstadt Kandahar als "Alptraum" eingestuft. Rund tausend Häftlinge, darunter um die 400 Kämpfer und kleinere Kommandeure der Taliban, wurden bei der Kommandoaktion befreit.

Nur zu gern berichtete Ahmadi über die Aktion der Taliban. Rund 80 Kämpfer hätten sich an der Attacke beteiligt und zunächst das Haupttor des Gefängnisses mit einem Bomben-Laster aufgesprengt. Danach seien Dutzende von Kämpfern mit Motorrädern in den Innenhof des Knastes gefahren, hätten die Wachen erschossen und die Gefangenen befreit. Augenzeugen aus Kandahar beschrieben sogar, dass die Bereiten später mit Kleinbussen abtransportiert worden seien.

"So etwas macht man nicht alleine"

Der Angriff ist für die Taliban ein großer Erfolg - für die afghanische Regierung aber auch die Schutztruppe Isaf ist es nach dem versuchten Anschlag auf den Präsidenten in Kabul vor einigen Wochen und der Attacke auf das "Serene"-Hotel in der Hauptstadt der dritte schwere Rückschlag dieses Jahr. Carlos Branco, der sonst stets ruhige Pressesprecher der Nato, musste dann eingestehen, dass die Taliban eine "sehr erfolgreiche Operation" durchgeführt hätten.

Eine erste Analyse der Attacke bekräftigt die massiven Zweifel an der Fähigkeit der Afghanen, mit eigenen Kräften für Sicherheit im Land zu sorgen. Westliche Geheimdienste vermuteten wie bei den beiden Aktionen zuvor auch jetzt, dass die Operation nur mit Hilfe von Informanten oder gar Kollaborateuren innerhalb der afghanischen Sicherheitskräfte möglich war. "So etwas macht man nicht alleine", sagte ein deutscher Geheimdienstbeamter SPIEGEL ONLINE.

Der stellvertretende afghanische Innenminister, nach der Attacke eilig nach Kandahar gereist, wies am Samstag solche Vermutungen noch als Spekulation zurück. Bisher, so Munid Mangal, habe man keine Hinweise auf eine Beteiligung afghanischer Polizisten gefunden. Allerdings wird schon jetzt gegen den Gefängnischef ermittelt. Fest steht, dass die Angreifer, seit Tagen in Wartehaltung um den Knast herum, ihren Sturm über Mobiltelefone detailliert mit den Insassen koordiniert hatten.

Taliban-Sprecher Ahmadi nutzte die Gelegenheit am Telefon, um sofort neue Drohungen auszusprechen. "Die befreiten Kämpfer werden sich umgehend wieder einreihen und die nächsten Angriffe gegen die Isaf und alle planen, die mit der afghanischen Regierung zusammenarbeiten", sagte er. Ebenso kündigte er an, dass die Taliban in den kommenden Wochen versuchen würden, weitere Gefängnisse zu stürmen, "um alle Brüder und Schwestern endlich zu befreien".

"Die Geflohenen werden nun Helden"

Dass die geflohenen Insassen, von denen rund 400 der Taliban-Bewegung angehören sollen, wieder eingefangen werden können, gilt als unwahrscheinlich. "Unsere Leute sind in Sicherheit, in Gebieten, in die sich auch die Nato nicht traut", tönte der Sprecher vollmundig. Die Nato kündigte zwar an, die afghanische Armee mit Überwachung aus der Luft und auch mit Soldaten zu unterstützen. Experten allerdings bezweifelten, dass man so zu Erfolgen kommen könnte.

Der Befreiungsaktion war bereits im Mai ein spektakulärer Hungerstreik der Gefangenen vorausgegangen, der zwar im Westen kaum wahrgenommen wurde, in Afghanistan aber große Aufmerksamkeit erzeugte. Hunderte von Häftlingen verweigerten das Essen, um gegen angebliche Folterpraktiken zu protestieren, und forderten faire Prozesse. Medienträchtig nähten sich schließlich einige Dutzend Taliban in der Haft die Münder zu.

Die Nato mühte sich, den Erfolg herunterzuspielen. "Wir sollten keine Rückschlüsse auf eine Störung unserer Operation in dem Gebiet ziehen", so der Sprecher, "und wir sollten nicht über eine Stärkung der Taliban spekulieren." Gleichwohl sagten Beobachter, dass die Operation "psychologisch große Wirkung" haben werde. "Die Taliban haben gezeigt, dass sie nicht nur Selbstmordattentäter schicken können, sondern zu komplizierten Operationen in der Lage sind", sagte ein hochrangiger Geheimdienstmann, "das wird Folgen haben."

Passend dazu organisierte der Sprecher der Taliban über den Samstag hinweg mehrere Interviews mit geflüchteten Kameraden. Auch wenn die Angaben der Männer, die sich stets nur mit ihren Kampfnamen identifizierten, nicht überprüft werden können, haben solche Interviews in Afghanistan eine starke Wirkung, befürchten westliche Militärs. "Die Geflohenen werden nun Helden und zu Symbolen, dass die Regierung mehr als schwach ist", sagte ein US-Offizier.



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