Befreiungsspekulationen Betancourt, der Mossad und der Millionentrick

Hatte der Mossad die Finger im Spiel? Oder war es am Ende gar keine Befreiung, sondern schlicht ein Freikauf für 20 Millionen Dollar? Während Ingrid Betancourt einen emotionalen Frankreich-Besuch beginnt, blühen die Spekulationen um ihre Rettung - und werden sogleich dementiert.

Von und , Tel Aviv


Hamburg/Tel Aviv - Folter, Demütigung, Erniedrigung. So beschreibt Ingrid Betancourt zwei Tage nach dem Ende ihrer sechsjährigen Geiselhaft die Zeit im kolumbianischen Dschungel. Rund drei Jahre lang sei sie angekettet gewesen, sagte die Franko-Kolumbianerin dem Sender Europe 1. Eigentlich wollte sie über ihre Qualen schweigen, aber soviel sagte Betancourt dann doch: "Es ist schwierig, schön zu sein, wenn man am Hals angekettet ist. Man muss den Kopf senken und sein Schicksal ertragen, ohne dass die Erniedrigung soweit geht, dass man vergisst, wer man ist."

Betancourt bei Sarkozy und Bruni-Sarkozy in Paris: Die Pein ist zu Ende - die Spekulationen beginnen
AP

Betancourt bei Sarkozy und Bruni-Sarkozy in Paris: Die Pein ist zu Ende - die Spekulationen beginnen

Deshalb dürfte ihr im Moment gänzlich egal sein, was nun an Spekulationen zwischen Israel, Schweiz und Kolumbien zirkuliert: Weil sie frei ist, weil sie in Sicherheit ist, weil sie bald zuhause ist. Am Nachmittag landete Ingrid Betancourt auf dem Pariser Flughafen, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy empfing sie zusammen mit Gattin Carla Bruni-Sarkozy höchstselbst.

"Fast sieben Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet", sagte Betancourt. "Im Dschungel habe ich vor Schmerzen geweint, heute weine ich vor Freude." Und dann wandte sie sich direkt an Sarkozy: "Ich will Sie stellvertretend für ganz Frankreich an der Hand fassen und Ihnen in die Augen schauen - ich liebe Frankreich." Der Präsident reagierte beinahe ergriffen. Sarkozys Replik: "Ihre Befreiung ist eine Botschaft der Hoffnung, dass es immer ein Licht am Ende des Tunnels gibt."

Die Umstände von Betancourts Befreiung aus den Lagern der kolumbianischen Farc-Rebellen aber stehen jetzt im Mittelpunkt von Spekulationen. Einmal heißt es, der Mossad stecke dahinter. Dann wieder wird berichtet, die so heldenhaft beschriebene und dokumentierte Befreiung habe es nie gegeben - stattdessen seien 20 Millionen an Lösegeld geflossen.

Beide Gerüchte wurden umgehend dementiert. Die offizielle Version lautet weiterhin: Betancourt wurde befreit, weil ein Militärangehöriger die Rebellen unterwandert hatte.

Aber was heißt das schon in der Welt der Geheimdienste?

Geisel-Freikauf für 20 Millionen Dollar?

Die Schweizer Rundfunkanstalt Radio Suisse Romande - der öffentlich-rechtliche Sender für den französischsprachigen Teil des Alpenlandes - ist sich mit ihrer Meldung jedenfalls sehr sicher: RSR zufolge war die spektakuläre Befreiung von Betancourt inszeniert. Anführer der Farc hätten demnach für die Freilassung von Betancourt und 14 weiteren Geiseln rund 20 Millionen Dollar (12,6 Millionen Euro) bekommen, berichtete RSR am Freitag unter Berufung auf eine "glaubhafte und in den vergangenen Jahren mehrfach erprobte" Quelle.

Aber die Geschichte wird noch spektakulärer: Hinter dem Handel stecken laut RSR nämlich die USA. Tatsächlich kamen am Mittwoch zusammen mit Betancourt auch drei US-Bürger frei, die mit dem US-Verteidigungsministerium zusammengearbeitet hatten und vor mehr als fünf Jahren von der Farc verschleppt worden waren.

Die "glaubhafte" Quelle lieferte RSR auch weitere Details der Freikauf-Version: So sei die Frau eines Wächters der Geiseln der Schlüssel zu der Aktion gewesen. Die Frau sei nach ihrer Festnahme durch die Armee wieder in die Reihen der Farc eingeschleust worden und habe ihren Mann überzeugt, die Seiten zu wechseln.

RSR liefert zudem Argumente für die Glaubwürdigkeit dieser Version. Dem Sender zufolge sei Kolumbiens Präsident Avaro Uribe durch die "Inszenierung" der Befreiung in der Lage, "seinen Kurs zu halten, der jegliche Verhandlungen mit den Rebellen ausschließt, während die Geiseln nicht freigelassen sind". Vor den geplanten vorgezogenen Präsidentschaftswahlen stärke ihn "dieses Bravourstück".

Bekannt ist, dass die Schweiz zusammen mit Spanien und Frankreich im Auftrag von Uribe Vermittlungen mit der Farc führten. Die Vereinigten Staaten wiederum hatten am Donnerstag erklärt, sie seien "in der Vorbereitungsphase" über die Befreiungsaktion informiert gewesen - Kolumbien habe die Aktion aber selbst entwickelt und ausgeführt. Der US-Botschafter in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, William Brownfield, sprach allerdings von einer "unmittelbaren Zusammenarbeit": Die USA hätten Informationen und "technische Unterstützung" geliefert.

Frankreichs Regierung dementierte die Freikauf-Version jedenfalls umgehend: Es sei kein Lösegeld gezahlt worden, sagte ein Sprecher des Außenministerium. Was darüber hinaus gegen die RSR-Version spricht: Die Farc hat in der Schweiz immer noch einen festen Kern von Anhängern - früher war dort der Sitz ihrer europäischen Zentrale. Insofern ist es auch möglich, dass die Information über die Freikauf-Aktion aus diesem Umfeld stammt, um Kolumbiens Präsidenten Uribe zu diskreditieren.

Dies ist auch die Meinung des kolumbianischen Militärs: Die Meldung sei ein Versuch der FARC die öffentliche Meiung zu manipulieren, sagte der Kommandant der Streitkräfte, General Fredy Padilla de León, der Tageszeitung "El Tiempo". Er erklärte, weder die USA noch Frankreich hätten auch nur einen Dollar gezahlt.

Mossad-Gerüchte aus Israel

Doch, doch, eine Befreiungsaktion habe es sehr wohl gegeben, hieß es unterdessen in Israel - und zwar unter Beteiligung israelischer Sicherheitskräfte.

Also wieder einmal der Mossad?

Wenn es eine Nation gebe, die für gewagte Rettungsaktionen und Geiselbefreiungen bekannt sei, dann doch Israel, so lautete der Tenor der Kommentare. Vermutlich war es ein im Überschwang dahergesagter Satz Ingrid Betancourts, der die Vermutungen befeuerte. "Ich kann mich an nichts erinnern, was einer solch perfekten Mission zum Vorbild hätte dienen können", hatte Betancourt unmittelbar nach ihrer Befreiung gejubelt. "Vielleicht nur die Israelis ... Ihre wunderbaren Kommandooperationen könnten an die Mission erinnern, wie sie hier durchgeführt wurde."

War die Erwähnung eines kleinen Staates am anderen Ende der Erde ein in aller Unschuld gezogener Vergleich oder eine Anspielung darauf, dass Israel bei der Rettungsaktion seine Finger im Spiel hatte? Es dauerte nicht lange, dann lieferten Israels Medien entsprechendes Futter: Tatsächlich ist Global CST, eine von ehemaligen israelischen Militärs und Mossad-Leuten betriebene Sicherheitsfirma, seit eineinhalb Jahren in Kolumbien tätig. Damals wandte sich Bogotá mit einem Hilfegesuch an Jerusalem.

Das israelische Verteidigungsministerium verwies die Kolumbianer an Privatfirmen, Global CST bekam schließlich den Zuschlag für den sieben Millionen Euro teuren Vertrag über Sicherheitsdienstleistungen. Mitinhaber der Firma ist Israel Ziv, bis vor vier Jahren Kommandeur der "Sayeret Matkal", der Elite-Truppe der israelischen Armee. Diese Einheit wurde beispielsweise 1976 nach Entebbe in Uganda entsandt, um dort in einer atemberaubenden Operation 103 zumeist jüdische Passagiere und Besatzungsmitglieder aus den Händen palästinensischer Terroristen zu befreien. Ziv war in den vergangenen Monaten mehrmals in Kolumbien – für einige israelische Medien Beweis genug, das er an der Betancourt-Befreiung beteiligt war.

Da nützte auch wenig, dass er und andere an dem Kolumbien-Projekt Beteiligten abwinkten. Man solle das israelische Engagement "nicht übertreiben", sagt Ziv. Die israelische Tageszeitung "Haaretz" zitierte eine Quelle innerhalb der Firma damit, dass man sich nicht mit fremden Verdiensten schmücken wolle. "Wir haben ihnen geholfen, den Terror zu bekämpfen. Wir haben ihnen geholfen, Operationen und Strategien und Informanten zu rekrutieren. Das ist schon was, aber sollte nicht überbewertet werden."

Die Lorbeeren, soviel ist klar, will Kolumbien ganz alleine. Kein Lösegeld, keine fremde Hilfe.

Juan Hurtado Cano, kolumbianischer Botschafter in Israel, sagte am Freitag dem Fernsehsender Infolive: "Nun, ich muss dazu sagen, dass die Operation ausschließlich von der kolumbianischen Armee durchgeführt wurde."

Es klang sehr säuerlich.

Mit Material der Agenturen



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.