Beirut Hisbollah spaltet Friedensbewegung

Noch sind es nur ein paar hundert Libanesen, die gegen den Krieg auf die Straße gehen. Nun aber soll täglich am Märtyrerplatz demonstriert werden. Doch die Friedensbewegung ist uneins über ihre Haltung zur Hisbollah.

Von Markus Bickel, Beirut


Beirut - Sie sind wieder da. Zwar waren es am Samstagvormittag nur knapp siebzig Demonstranten, die sich am Märtyrerplatz im Zentrum Beiruts versammelten: 25 in Weiß gekleidete Frauen und 40 ganz in Schwarz gekommene Protestierende, die in einer Schweigestunde der seit Beginn des israelischen Bombardements vor dreizehn Tagen getöteten libanesischen Kinder gedachten. Die anhaltenden israelischen Luftangriffe auf den Libanon aber könnten in den nächsten Tagen immer mehr Leute auf die Straße bringen.

Nicht einmal anderthalb Jahre ist es her, dass der Platz rund um das Denkmal für die am Ende des Ersten Weltkrieges von osmanischen Truppen hingerichteten libanesischen "Märtyrer" zum Sammelpunkt der antisyrischen Bewegung des "Beiruter Frühlings" wurde. Heute Abend soll mit einer größeren Kundgebung an die von CNN flugs zur "Zederrevolution" erklärten Proteste angeknüpft werden. Zur größten Demonstration am 14. März 2005 waren über eine Million Libanesen gekommen, angereist aus allen Teilen des Landes.

Doch Zeina el-Khalil glaubt nicht, dass die Teilnehmerzahlen auch nur annähernd an die vom Frühjahr 2005 heranreichen könnten. "Es ist natürlich ein schöner Traum, die Massendemonstrationen von damals zu wiederholen", sagt die 30-jährige Künstlerin. "Aber viele Leute haben Angst, ihr Zuhause zu verlassen. Außerdem sind unzählige Beiruter entweder ins Ausland oder in die Berge hinter der Stadt geflohen." El-Khalil zählt zu den Organisatoren des ersten Protestmarschs gegen die israelischen Luftangriffe am vergangenen Mittwoch. Rund 300 meist junge Libanesinnen und Libanesen marschierten vom Hauptquartier der Vereinten Nationen im Zentrum Beiruts am Märtyrerplatz vorbei zum direkt am Hafen gelegene Gebäude der EU-Vertretung.

"Humanitäre Katastrophe"

Ein buntes Völkchen, meist etwas alternativer gekleidet noch als die Besucher des von Spöttern schnell als "Gucci-Revolution" geschmähten Aufstands gegen die syrischen Besatzungstruppen voriges Jahr. Zu den vielen westlichen Cafés im christlich dominierten Stadtteil Gemayzeh sind es vom Märtyrerplatz nur fünf Minuten. Nicht wenige der Demonstranten der im Libanon als "Unabhängigkeitsaufstand" bezeichneten Protestwelle genehmigten sich zwischen den vielen Reden und Gesängen einen Cappuccino – um dann gestärkt dem schnell lieb gewonnen Alltags als Teilzeitrevolutionäre nachzugehen.

Etwa fünfzig Nichtregierungsorganisationen (NGO) haben sich nun unter dem Namen "Lil Hayat" (Für das Leben) zusammengeschlossen. Ihr oberstes Ziel: ein sofortiger Waffenstillstand. "Wir wollen die internationale Gemeinschaft außerdem dazu bringen, so schnell und so intensiv wie möglich auf die humanitäre Katastrophe zu reagieren", sagt el-Khalil.

Unermüdlich ist die Installationskünstlerin seit Beginn des militärischen Konflikts zwischen israelischer Armee und Milizen der schiitischen Hisbollah, der "Partei Gottes" um Unterstützung für die nach Beirut Geflohenen bemüht. Auf ihrem Blog www.beirutupdate.blogspot.com führt sie ein Kriegstagebuch. "Ich war während der Angriffe vom 11.9. in NYC [New York City]", notierte sie letzte Nacht um kurz nach eins. "Noch zwei Monate nach den Angriffen roch NYC so wie Beirut heute riecht."

Ihr ganzes Künstlerleben lang hat sich el-Khalil in ihren Arbeiten mit dem Bürgerkrieg (1975-1990) beschäftigt, erzählt die umtriebige junge Frau und lacht. "Ich glaube, in Zukunft werde ich nur noch Blumen malen." Der Traum, anderthalb Jahrzehnte nach Ende der blutigen innerlibanesischen Auseinandersetzungen endlich auf dem Weg in eine normale, stabile Gesellschaftsordnung zu sein, ist erst einmal ausgeträumt. Wohl eines der Hauptmotive für die jungen Demonstranten, ihren Wunsch nach einem schnellen Ende des Krieges lautstark auf die Straße zu tragen.

Für oder gegen die Hisbollah?

Denn schon bei der ersten Demonstration am vergangenen Mittwoch waren Risse bemerkbar. Während el-Khalil mit dem Bündnis "Lil Hayat" vom Uno-Hauptquartier zum EU-Gebäude zog, blieben vielleicht fünfzig Sympathisanten vor dem oberhalb der wieder aufgebauten historischen Innenstadt gelegenen Uno-Sitz stehen. Ein Ende des Beschusses israelischen Territoriums durch Katjuscha- und Raad-Raketen der Hisbollah-Milizionäre halten sie für falsch, das Recht der "Partei Gottes" auf bewaffneten "Widerstand" ist ihnen heilig.

Thierry Levy-Tadjine, der wie seine libanesische Frau am Centre Universitaire de Technologie Franco-Libanais angehende Ingenieure unterrichtet, hält die Spaltung für "typisch libanesisch". Das Paar ist bei den Hisbollah-Sympathisanten geblieben, und wenn man ein von Levy-Tadjine verfasstes Flugblatt liest, weiß man warum. "Die jüngsten Ereignisse machen deutlich, dass Herr Olmert ein Faschist ist. Darüber hinaus ist er ein schlechter Kriegsführer, weil er nicht erkennt, dass es eine Zeit für den Frieden und eine für den Krieg gibt."

Kritische Worte über den anhaltenden Beschuss der israelischen Bevölkerung durch Geschosse der Hisbollah sucht man hier vergeblich – kein wirklich guter Bündnispartner für das gleichwohl Hisbollah-kritische Bündnis "Lil Hayat".



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