Beiruts Hisbollah-Viertel Ein Stadtteil in Leichenstarre

Nach einer Woche Bombardement ist Haret Hreik eine unbewohnte Trümmerwüste. Wie schlimm die Wohnviertel der südlichen Vorstadt von Beirut getroffen sind, zeigt ein von der Hisbollah organisierter Blitzbesuch.

Beirut - Es gibt Kriege, da wird ein und derselbe zerbombte Häuserblock so oft aus verschiedenen Perspektiven gezeigt, bis jeder Fernsehzuschauer glauben muss, eine ganze Stadt läge in Schutt und Asche. In Beirut ist das nicht nötig. Wer als Kameramann die Folgen eines Krieges zeigen will, braucht in Haret Hreik nur draufzuhalten: Ganze Straßenzüge des Vororts von Beirut haben aufgehört zu existieren.

Eine Fahrt in die südlichen Vorstädte Beiruts ist wie ein Alptraum, in dem alles immer noch schlimmer kommt. Anfangs ist es nur der Brandgeruch, der einen daran erinnert, dass die Ruinen entlang der Straße nicht aus dem letzten Krieg stammen. Dann kommen die Einschlagskrater im Asphalt, dann eine ausgebrannte Tankstelle, dann eine frisch zerschossene Stadtautobahnbrücke. Doch erst wenn man die mit "TV" markierten Autos stehen lässt und sich zu Fuß aufmacht, wird einem die Apokalypse bewusst, die sich in diesen Tagen in Haret Hreik abspielt. Hinter jeder Straßenecke findet sich mehr Zerstörung, mehr Trümmer. Bis die schiere Masse an geborstenem Beton einem schlicht den Weg versperrt, daran hindert, tiefer nach Haret Hreik vorzudringen.

In Dachiye, wie die südlichen Vororten Beiruts genannt werden, sollen bis zu 700.000 Menschen leben, wie viele bis vor einer Woche Haret Hreik ihre Heimat nannten, ist nicht erfasst. Eins jedoch ist klar: Haret Hreik ist leer. Das schiitische Kleine-Leute-Viertel, diese zwischen Zentrum und dem Flughafen gelegene Hisbollah-Hochburg, ist unbewohnbar geschossen. Und immer noch fallen mehrmals am Tag die Bomben. Nur wer muss, hält sich hier auf, und das auch nur so kurz wie nötig. Autos rasen mit bis zu 100 Stundenkilometer durch Straßen, auf denen man früher im Dauerstau feststeckte. Fußgänger verfallen immer wieder in einen nervösen Trab, schauen sorgenvoll nach oben. Als ob das nützen würde: Zwei Sekunden liegen zwischen dem Flugzeuggeräusch der israelischen Kampfjets und den Detonationen am Boden, heißt es. Keine Zeit, in Deckung zu gehen.

An einigen Kreuzungen stehen bewaffnete Männer. Sie sollen Plünderer abschrecken und israelische Spione fangen. Die werden, seit wieder Krieg ist, überall vermutet. Die Hisbollah-Vertreter, die sich bereit erklärt haben, ein paar Journalisten nach Haret Hreik hineinzuführen, beraten sich mit den Milizionären. Ist das Viertel sicher? Die Antwort ist vage. Man solle sich beeilen, ja nicht zu lange stehen bleiben.

Es geht vorbei an Schlafzimmern, denen die Außenwand fehlt, an Läden, deren Stahljalousien von den Detonationen aus der Verankerung gerissen wurden. Vorbei an einem ausgebrannten "Chic-Choc, Bags and Shoes" und einem "Oxford Language Zentrum", dessen Fassade in Stücken auf der Straße liegt. Unter den Füßen knirschen zentimeterdick die Scherben der Schaufenster. Es stinkt nach Müll, die Luft schmeckt nach Betonstaub.

"Warum macht Israel das?"

Die Hisbollah-Führer sind nervös: Der letzte Angriff auf diese Straßenzüge ist erst wenige Stunden her, der nächste könnte unmittelbar bevorstehen. Über Walkie-Talkies halten die Männer Kontakt, Handys könnten über das Funksignal einen Angriff auf die Gruppe lenken. Flugzeuggeräusche sind zu hören. Drohnen, Spionageflugzeuge auf der Suche nach allem, was sich in dem Viertel noch bewegt, behaupten die Männer. Leise Echos von fernen Explosionen sind mehr spür- als hörbar. "Das ist am Flughafen, der wird wieder bombardiert", sagt einer.

Am Eingang zu einer besonders zerstörten Straße kommen der Übersetzerin die Tränen. "Ich kenne diese Straße, ich war hier oft", sagt sie. Das brennende Gebäude dort vorn sei eine Kinderklinik. Auch die Hisbollah-Männer starren die Straße hinunter. "Wenn das, was hier geschehen ist, in den USA passierte oder in Israel oder in Frankreich oder in einem anderen arabischen Staat, dann würde die Menschen weinen, schreien, wütend sein. Aber uns stärkt es und gibt unserem Hunger Nahrung, noch mehr zu kämpfen", behauptet er. Er sei froh darüber, dass der Kampf nun auch auf dem Boden begonnen habe.

Natürlich ist der von der Hisbollah organisierte Blitzbesuch eine Propaganda-Veranstaltung. Glaubt man den Hisbollah-Männern, so sind in dem gesamten Gebiet nur unbewaffnete Zivilisten umgekommen. "Es hat keine Märtyrer gegeben, nur Zivilisten sind gestorben", sagt der Anführer. "Warum macht Israel das?" Doch wer kann schon sagen, ob in diesen dicht besiedelten Wohnstraßen nicht doch mobile Raketenwerfer versteckt wurden. Dass die Hisbollah - im Libanon eine legale, im Parlament vertretene Partei - viele ihrer Büros und sozialen Einrichtungen in diesem Viertel hatte, ist bekannt. Dass auch der bewaffnete Teil der Miliz hier vertreten war, ist zumindest anzunehmen.

Doch selbst wenn die Israelis davon ausgegangen sein sollten, dass dieses Viertel als Unterschlupf und Operationsbasis genutzt wurde: Von "chirurgischen Eingriffen" allein gegen militärische Ziele kann in Haret Hreik keine Rede sein. Die Uno-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour sprach am Mittwoch davon, dass bei den Kampfhandlungen der letzten Woche möglicherweise Kriegsverbrechen verübt worden seien, die verfolgt werden müssten. Zumindest für den Tatbestand der "Vorhersagbarkeit der Tötung und Verletzung von Zivilisten" könnten die Ruinen des Wohnviertels Indizien der Anklage sein.

Ein Mann flüchtet sich zu unserem kleinen Grüppchen in den Hauseingang. Er umklammert ein Bündel Plastiktüten. "Ich dachte, ich kann darin vielleicht ein paar Sachen von Zuhause mitnehmen", sagt der Mittvierziger. Nur gibt es sein Zuhause nicht mehr. Das Appartementgebäude, auf das Khaled deutet, ist ein zertrümmertes Sandwich aus Beton, zwischen den massiven Betondecken ragen Stahlträger hervor, halbe Balkone, Möbelruinen. Der Mann, und dieses eine Mal passt das Bild, steht vor den Trümmern seiner Existenz. Vor drei Tagen noch war er aus der Schule in einem nördlichen Stadtviertel, in die er sich in der ersten Bombennacht mit seiner Familie geflüchtet hat, hergekommen. Damals stand sein Haus noch. "Es muss vorletzte Nacht passiert sein", sagt er ruhig. So, als begreife er noch nicht, was ihm widerfahren ist.