Beklemmendes New York Terror-Angst an der Heimatfront

Amerika erwacht im Krieg. Von Begeisterung keine Spur, viele Bürger sind unzufrieden mit dem Kurs ihres Präsidenten. Stur versuchen die New Yorker, ihren Alltagsgeschäften nachzugehen. Doch die Straßen der Stadt wimmeln vor Polizisten, die Anschläge verhindern sollen.

Von Lutz C. Kleveman, New York


New York City: Versuch eines Alltags am Tag nach dem Angriff
GMS

New York City: Versuch eines Alltags am Tag nach dem Angriff

New York - Amerika ist im Krieg an diesem wolkenverhangenen Morgen, und die Menschen von New York versuchen, das ganz normal zu finden. "War!" brüllt ihnen die Boulevard-Gazette "New York Post" entgegen, "War!" hat auch "Newsday" getitelt. Doch in der Stadt, die sich bereits seit dem 11. September 2001 in einer Art Kriegszustand fühlt, lässt sich niemand leicht aus der Ruhe bringen. "Jetzt müssen wir mal wieder etwas vorsichtiger als sonst sein", sagt Elisabeth Jones, eine Berufspendlerin auf dem Weg nach Manhattan. "Aber ich versuche mir vorzustellen, dass der Krieg ganz weit weg ist."

Wie Millionen andere Amerikaner, hat Frau Jones gestern Abend die ersten Raketenangriffe auf Bagdad live im Fernsehen gesehen. Alle TV-Sender fieberten dem Ablauf des 48-Stunden-Ultimatums geradezu entgegen. Ein bisschen wie Sylvester war das, CNN blendete sogar eine Uhr im Bild ein. Fast Erleichterung war den Nachrichtensprechern dann anzusehen, als es anderthalb Stunden später, zur Prime Time, am Himmel über Bagdad knallte. Der Krieg, der so lange wie kaum ein anderer in der Geschichte öffentlich vorbereitet, diskutiert, angekündigt und erwartet wurde, ist endlich los.

Und so marschieren an diesem Morgen, wie vor zwölf Jahren, wieder die grauhaarigen Generäle a. D. in die Fernsehstudios und erläutern auf Landkarten des Mittleren Ostens, was wohl als nächstes geschehen wird. "Unsere Bodentruppen werden viel früher losschlagen als vor zwölf Jahren", prophezeit ein Ex-Armeegeneral. "Die Frage ist, ob sich die Iraker dann überhaupt noch verteidigen werden." Selbst die Wettervorhersager der Nachrichten haben einstweilen ihr Interesse an den Schneestürmen in Colorado vergessen und zeigen jetzt zuerst die Aussichten für den Irak. "Über dem Süden tobt gerade ein Sandsturm", sagt ein Meteorologe. "Der Himmel über Bagdad ist leider wolkenverhangen, das behindert die Sicht unserer Piloten."

"Blut für Öl"

In einer Cafebar im New Yorker Stadtteil Brooklyn starren einige Gäste auf die Kriegsbilder im Fernseher an der Wand. Die Aufgeregtheit der TV-Berichterstatter lässt sie kalt, die Stimmung ist eher niedergeschlagen bis resigniert. "Musste ja passieren, dieser Krieg", sagt eine junge Frau. "Das werden wir uns jetzt wohl noch wochenlang ansehen müssen." Keiner von den Bargästen möchte jetzt noch über Sinn und Unsinn dieses Kriegs debattieren. Alle hoffen nun, dass er schnell und siegreich zu Ende geht und dass die Truppen heil nach Hause kommen. Der Barkeeper schlägt vor, auf einen Sportkanal umzuschalten.

Doch nicht überall in der Stadt reagieren die Menschen derart phlegmatisch auf den Krieg. An der Wall Street Börse legten Händler eine Schweigeminute für "Operation Iraqi Freedom" ein, und nach der Eröffnungsglocke rauschte der Dow in der ersten Stunde um fast hundert Punkte nach unten.

Bereits für Sonnabend haben Friedensgruppen zu einem großen Protestmarsch in Manhattan aufgerufen. Gestern waren in New York, Washington, Boston und San Francisco tausende Menschen auf die Straße gegangen um zu demonstrieren. Sie skandierten Slogans wie "Blut für Öl", und "George Bush, CIA, wie viele Kinder wollt Ihr heute töten?" Die Polizei verhaftete Dutzende Demonstranten in allen Städten wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. In San Francisco stürzte ein Friedensaktivist beim Anbringen eines Protesttransparents von der Golden Gate Bridge in den Tod.

Der Leitartikel der heutigen New York Times drückt die gespaltenen Gefühle der Amerikaner treffend aus: "Ganz gleich ob sie das Gefühl hatten, dass ein Krieg im Irak von Beginn an eine schlechte Idee war, oder ob sie – wie wir - der Meinung waren, dass er nur mit breiter internationaler Unterstützung unternommen werden sollte; stark ist noch immer die Sehnsucht, zu einer Zeit zurückzukehren, als wir unser Schicksal im Griff zu haben glaubten. Von all den Motiven für diesen Feldzug, das unausgesprochene, tiefste und hoffnungsloseste ist, den 11. September aus unseren Herzen zu löschen."

Auf derselben Seite verurteilt Kommentator Bob Herbert den Krieg, mit dem die Bush-Regierung wirtschaftliche Interessen verfolge und die Öffentlichkeit täusche: "Was diesen Krieg antreibt, ist Präsident Bushs manichäistische Weltsicht und seine messianische Vision von sich selbst, die gefährlich grandiose Wahrnehmung seiner säbelrasselnden Berater von amerikanischer Macht und die unwiderstehliche Lockkraft von Iraks enormen Ölreserven."

Terror-Abwehr verstärkt

New Yorker Bürger, die keine Angehörigen unter den Soldaten haben, befürchten jetzt vor allem, dass Terroristen den Krieg an die Heimatfront tragen und Anschläge wie am 11. September 2001 verüben könnten. Schon nach Bushs Ultimatums-Rede am Montagabend erhöhte das neue Ministerium für Heimatsicherung die Terror-Alarmstufe in den USA auf die zweitoberste Stufe "Orange", bereits zum dritten Mal in den vergangenen 18 Monaten. Geheimdienstler warnen, es werde "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" mehrere Terroranschläge geben. Sie befürchten besonders Anschläge mit biologischen oder chemischen Kampfstoffen. Auch mit allein handelnden Selbstmordattentätern wird gerechnet.

Die 36,500 Beamten des New York Police Department sind in Alarmbereitschaft versetzt, unter dem Namen "Operation Atlas" wurde ein Bündel von Sicherheitsmaßnahmen gestartet. Hunderte Polizeibeamte haben an Orten Stellung bezogen, die Ziel von Anschlägen werden könnten, wie etwa Kirchen, Brücken, Tunnel und Touristenattraktionen. Besonders auf Fähren und U-Bahnen richtet sich das Augenmerk der Polizei.

Schwerbewaffnete Hercules-Teams und Einheiten der Nationalgarde, die auch über gepanzerte Truppentransporter verfügen, patrouillieren am Times Square und an der Wall Street. Andere Polizisten schreiten mit Spürhunden Mülleimer entlang der Straßen und in U-Bahnhöfen ab, auf der Suche nach versteckten Bomben. An den Ausfallstrassen haben Sicherheitskräfte Checkpoints errichtet, wo sie die Kofferräume von Autos und Lieferwagen kontrollieren.

Irakisch-stämmige Saddam-Sympathisanten vorbeugend verhaftet

"Dies ist das umfassendste Terrorabwehr-Programm, das unsere Stadt je umgesetzt hat", sagte Bürgermeister Michael Bloomberg im Fernsehen. "New York war schon einmal Ground Zero, und weil sie so eine gemischte Stadt ist, wo Menschen ihre Meinungen sagen können, wo alle Religionen der Welt ausgeübt werden, ist sie das Ziel." Bereits gestern hatte sich Bloomberg mit Präsident Bush in Washington getroffen und für seine fast bankrotte Stadt um Finanzhilfe für die Terrorbekämpfung gebeten. Seit dem 11. September hat New York mehr als 100 Millionen Dollar für Sicherheitsmaßnahmen ausgegeben, so dass die Stadt die wöchentlich fünf Millionen Dollar Kosten von Operation Atlas kaum noch selbst tragen kann.

Am Himmel der Stadt fliegen ständig mehrere Kampfflugzeuge der U.S. Air Force, verstärkt von niedrig kreisenden Hubschraubern. In einem 48-Kilometer-Radius um den JFK-Flughafen hat die US-Luftfahrtbehörde Flugbeschränkungen verhängt. Auch über Disneyworld in Florida und Disneyland in Kalifornien dürfen zivile Flugzeuge nicht tiefer als 700 Meter fliegen. "Mit der Zeit beginnen Amerikaner zu verstehen, dass es den Profis überlassen ist, ihre Sicherheit zu verbessern und zu erhöhen - und dass sie selbst weiter ihren täglichen Geschäften nachgehen sollen", versuchte Heimatsicherungs-Minister Tom Ridge das Volk zu beruhigen.

Unterdessen gab das Justizministerium bekannt, dass das FBI mehrere Dutzend irakisch-stämmige Menschen in den USA verhaftet hat, um mögliche Spionage oder Terroranschläge zu vermeiden. Als Sympathisanten von Saddam Hussein bekannt, seien die Männer schon länger von der Bundespolizei observiert worden. Offiziell wurden die Iraker wegen Vergehen von Visumsbestimmungen festgenommen. Das Recht dazu hatte bislang nur die US-Einwanderungsbehörde, aber es wurde gestern von US-Justizminister John Ashcroft auf das FBI übertragen. Die Bush-Regierung will sich keine Schwäche an der Heimatfront erlauben.

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