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22. Dezember 2007, 18:49 Uhr

Belgien

14 Terrorverdächtige wieder frei

Die Polizei hat 14 Verdächtige freigelassen, die geplant haben sollen, einen Terroristen aus einem Gefängnis nahe Brüssel zu befreien. Den Männern ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft nichts nachzuweisen. Experten sprechen von einem Fiasko.

Brüssel - Die Verdächtigen wurden nach 24 Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt. Ein Gericht entschied heute, die Beweislage reiche nicht aus, um die Männer länger festzuhalten, wie eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Brüssel mitteilte. Die nach der Festnahme verhängte Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen wegen möglicher Terroranschläge soll aber über die Weihnachtsfeiertage in Kraft bleiben.

"Wir glauben, dass die Bedrohung weiter besteht", sagte Sprecherin Lieve Pellens. Ein Sicherheitsexperte, der Präsident des European Strategic Intelligence and Security Center (ESISC) in Brüssel, Claude Moniquet, erklärte, die 24-Stunden-Frist sei in einer Terrorismus-Ermittlung zu kurz bemessen. "Die Polizei hat dieselbe Zeit, einen Terroristen zu befragen, wie einen Ladendieb. Das ist ein juristisches Fiasko."

In anderen EU-Ländern haben die Ermittlungsbehörden mehr Zeit: 48 Stunden in Deutschland, fünf Tage in Spanien, sechs in Frankreich und 28 in Großbritannien. Belgien hat dagegen keine besonderen Anti-Terror-Gesetze, die es den Ermittlern erlauben würden, Verdächtige länger als 24 Stunden festzuhalten.

Verdächtige frei, Ermittlungen gehen weiter

Die festgenommenen Männer wollten nach Ansicht von Polizei und Staatsanwaltschaft den wegen Terrorismus verurteilten ehemaligen Fußballprofi Nizar Trabelsi aus seinem Gefängnis rund 60 Kilometer östlich von Brüssel befreien. Der Tunesier, Anhänger des Terrornetzwerks al-Qaida, wurde zwei Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 festgenommen und vor gut vier Jahren wegen eines versuchten Bombenanschlags auf einen US-Stützpunkt in Belgien zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er hatte erklärt, seinen Auftrag im persönlichen Gespräch mit Osama Bin Laden in Pakistan erhalten zu haben.

Pellens erklärte, bei Durchsuchungen der Wohnungen der Verdächtigen seien keine Explosivstoffe, Waffen oder andere Beweisstücke gefunden worden. "Die Verdächtigen wurden nicht formell angeklagt, und ihre Freilassung kommt für uns leider nicht überraschend", sagte die Sprecherin weiter. Die vorliegenden Geheimdienstinformationen hätten jedoch ergeben, dass eine unmittelbare Gefahr eines Anschlags bestehe. Deswegen hätten die Sicherheitskräfte sofort handeln müssen, ohne das Sammeln weiterer Beweise abwarten zu können.

Das Krisenzentrum der Regierung stellte klar, dass die Ermittlungen weitergehen würden und nun das bei den Durchsuchungen sichergestellte Material ausgewertet werde. "Die Freilassung der 14 bedeutet nicht, dass die Ermittlungen beendet sind", betonte der Direktor des Zentrums, Alain Lefevre, auf einer Pressekonferenz. Die Identitäten der Verdächtigten wurden nicht enthüllt.

Paul Ames, AP

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