Pannen in Belgien vor Paris-Attentaten Fahnder ließen Abdeslam-Brüder aus "Ressourcen-Gründen" laufen

Das Versagen der belgischen Anti-Terror-Ermittler war offenbar noch größer als bisher bekannt. Laut einem geheimen Report hatte die Polizei die Brüder Abdeslam weit vor den Pariser Attacken im Visier.

Terroristen Brahim Abdeslam (l.), Salah Abdeslam
AFP/ Federal Police

Terroristen Brahim Abdeslam (l.), Salah Abdeslam

Von , Brüssel


Die Sicherheitsbehörden Belgiens sehen sich erneut mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Ermittler sollen schon seit Mitte 2014 Hinweise auf die Radikalisierung von Salah und Brahim Abdeslam gehabt haben. Das berichten belgische Medien unter Berufung auf einen vertraulichen Prüfbericht, der ein vernichtendes Urteil über die Arbeit der Polizei fällt.

Die Abdeslam-Brüder gehörten zu den Terroristen, die am 13. November in Paris 130 Menschen ermordet haben. Brahim sprengte sich in einem Café in die Luft, Salah konnte fliehen und vier Monate lang untertauchen, ehe er im März im Brüsseler Stadtteil Molenbeek festgenommen wurde. Am Mittwoch war er nach Frankreich überstellt worden.

(Anschläge von Paris: Die wichtigsten Texte im Überblick finden Sie hier)

Der als geheim eingestufte Report des "Comité P", eines unabhängigen Organs zur Kontrolle der belgischen Polizei, wurde am Dienstag einem parlamentarischen Gremium in Brüssel zugestellt. Seitdem gelangen immer mehr Details an die Öffentlichkeit. Schon Mitte 2014 hätten den Behörden Hinweise vorgelegen, dass die Abdeslam-Brüder einen "unumkehrbaren Akt" planten, berichtet "Politico". Im Januar 2015 erfuhren die Ermittler dann von Plänen der Brüder, nach Syrien zu reisen, berichten belgische Zeitungen. Daraufhin habe die lokale Polizei in Molenbeek die beiden befragt - und anschließend wieder freigelassen.

Haftanstalt südlich von Paris, in der Salah Abdeslam einsitzt
DPA

Haftanstalt südlich von Paris, in der Salah Abdeslam einsitzt

Die Staatsanwaltschaft habe die Anti-Terror-Einheit der Polizei daraufhin aufgefordert, Telefonate und E-Mails der Abdeslam-Brüder abzufangen. Das aber habe die Polizei abgelehnt: Es gäbe dafür keine Kapazitäten.

"Zur Nachverfolgung bei genügenden Ressourcen"

Wie der Sender RTBF berichtet, landeten die Erkenntnisse über die Abdeslam-Brüder anschließend unter den "roten Dossiers". Vermerk: "zur Nachverfolgung bei genügenden Ressourcen". Doch die gab es offenbar nicht. Kurz zuvor hatte die belgische Polizei eine Terrorzelle in Verviers zerschlagen und war ausgelastet. Zwar habe es Treffen gegeben, um zu klären, ob sich statt der Anti-Terror-Spezialisten andere Polizeieinheiten mit den Abdeslam-Brüdern befassen könnten. Doch "niemand fühlte sich verantwortlich", kritisiert das "Comité P".

Später habe die Polizei sogar noch weitere Spuren gefunden. Bei Ermittlungen zu Drogendelikten habe sie die Wohnung von Brahim Abdeslam durchsucht und einen Computer sowie Handys beschlagnahmt. Die Staatsanwaltschaft habe eine Analyse verlangt. Doch auch das sei von der Polizei abgelehnt worden, wiederum unter Verweis auf mangelnde Ressourcen.

Laut RTBF führte die Polizei Anfang 2015 zu Dutzenden Personen ähnliche Dossiers wie zu den Abdeslam-Brüdern. Sie alle rund um die Uhr zu überwachen war demnach unmöglich. Deshalb musste die Polizei Prioritäten setzen, und die Abdeslam-Brüder wurden nicht als gefährlicher eingestuft als andere. Spätestens im Juni 2015, fünf Monaten vor den Anschlägen in Paris, wurde die Akte Abdeslam endgültig geschlossen.

Kritik an belgischen Behörden und Politikern

Belgische Behörden und Politiker stehen seit den Anschlägen von Paris in der Kritik. Der Vorwurf: Jahrelang hätten sie tatenlos zugesehen, wie Problemviertel wie Molenbeek sich zu Hochburgen von Islamisten und Rückzugsorten Krimineller entwickelte. Auch dass Salah Abdeslam sich nach den Pariser Anschlägen vier Monate lang in Belgien versteckt gehalten und noch kurz vor seiner Festnahme bei einer Razzia entfliehen konnte, wurde der Polizei als Versagen ausgelegt.

Der Bericht des "Comité P" legt nun nahe, dass die Versäumnisse nicht allein der Polizei selbst anzulasten sind, sondern auch der Politik, die nach Meinung von Kritikern in den vergangenen Jahren zu wenig in die Sicherheitsbehörden investiert hat. Hinzu kommt das belgische Behördenchaos: Allein in Brüssel gibt es 19 Bürgermeister und sechs Polizeibehörden, die oft keine Informationen untereinander austauschen. Allerdings steht Belgien mit solchen Problemen nicht allein: Auch beim Informationsaustausch zwischen den nationalen Strafverfolgungsbehörden der EU herrschen ebenfalls enorme Defizite.

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