Belgien Senatorin taucht nach Morddrohung unter

Nach der Ermordung des niederländischen Künstlers Theo van Gogh droht die Gewalt auch nach Belgien überzuschwappen. Eine Senatorin, die gegen islamische Fundamentalisten in ihrem Land Stellung bezogen hat, hält sich wegen einer Todesdrohung an einem geheimen Ort versteckt. Ein anonymer Anrufer kündigte einen Ritualmord an.


Brüssel - Die 32-jährige Mimount Bousakla steht nach Angaben der Sozialistischen Partei Belgiens rund um die Uhr unter Polizeischutz. Ein anonymer Anrufer habe der Senatorin marokkanischer Herkunft am Wochenende damit gedroht, "sie rituell abzuschlachten".

Bousakla hatte zuvor die Muslimische Exekutive, die Dachorganisation der Muslime in Belgien, kritisiert, weil sie den Mord an van Gogh nicht verurteilte. Bousakla bezog mehrfach offen Stellung gegen fundamentalistische Einflüsse in belgischen Moscheen.

Nach wiederholten Morddrohungen habe Bousakla die Polizei verständigt, verlauteten Parteikreise. Sie sei von zu Hause fort an einen nicht bekannten Ort gebracht worden, aber am Mittwoch zur Arbeit im Parlament erschienen.

Das flämische Fernsehen VRT berichtete, Bousakla werde bedroht, seit sie vor zwei Jahren das Buch "Couscous met frieten" ("Couscous mit Pommes") veröffentlicht hat. Vorgestern nahm sie an einer Diskussionsrunde in Antwerpen nur unter dem Schutz von fünf Polizisten teil, bevor sie an eine geheim gehaltene Adresse gebracht wurde, berichteten die Zeitungen "Gazet van Antwerpen" und "Het Belang van Limburg".

Auch in den Niederlanden lebt eine Politikerin seit längerem unter Polizeischutz. Drei Leibwächter begleiten Ayaan Hirsi Ali ständig. Sie erhielt schon mehrfach Morddrohungen. Die letzte steckte an der Leiche van Goghs. In einem fünfseitigen Schreiben an die "sehr geehrte Frau Hirsi Ali" hieß es, die "ungläubige Fundamentalistin" und "Soldatin des Bösen" solle sich besser den Tod wünschen. Die 35-jährige beliebte und auch umstrittene Politikerin gilt als scharfe Kritikerin des Islam.

Der niederländische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende forderte angesichts der Welle von Gewalt und Gegengewalt nach dem Mord an van Gogh verstärkte Bemühungen um Integration ethnischer Minderheiten. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union müssten präventiv tätig werden, sagte Balkenende im EU-Parlament in Straßburg.

"Die heftigen Reaktionen und Gegenreaktionen nach dem Tod von Herrn van Gogh zeigen, dass es Spannungen in unserer Gesellschaft gibt", sagte Balkenende. "In Europa müssen wir im Bereich der Integration von Minderheiten voneinander lernen." Es dürfe nicht zugelassen werden, dass Glaube als Vorwand für Angriffe auf Menschen, Schulen, Moscheen und Kirchen missbraucht werde.

Als Hauptverdächtiger im Mordfall van Gogh wurde ein 26-jähriger mutmaßlicher Islamist festgenommen, der sowohl die niederländische als auch die marokkanische Staatsangehörigkeit besitzt. Hinter der Tat wird eine Terrorzelle namens Hofstad Netzwerk vermutet. Deren mutmaßlicher Kopf, der in Syrien geborene Redouan al-Issar, sei längere Zeit vor dem Verbrechen nach Deutschland abgeschoben worden, sagte Justizminister Piet Hein Donner.

Die niederländischen Ermittler vermuten, dass al-Issar sich im Ausland aufhält. Sie wollten diese Woche einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erwirken. Die Bundesanwaltschaft erklärte, man habe keine Hinweise darauf, dass sich al-Issar gegenwärtig in Deutschland befinde. Es gebe auch kein Ermittlungsverfahren gegen ihn.

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.