Benazir Bhutto Die Gegnerin des Generals greift an

Benazir Bhutto prescht in Pakistans Machtkampf vor. Sie wird zur zentralen Figur des demokratischen Widerstands gegen General Musharraf - doch ihre Gegner unterstellen ihr Geldgier, Korruption, Betrug.

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Hamburg - Sie ist heimgekehrt. Sie ist gleich in die Hauptstadt geflogen. Denn sie hat eine Mission. Benazir Bhutto, Pakistans wichtigste Oppositionsfigur, verhandelt seit heute mit anderen Politikern über die Lage im Land - in der Krise seit Ausrufung des Ausnahmezustands wird sie jetzt zu einer Schlüsselfigur. Wird sie Militärmachthaber Pervez Musharraf die Stirn bieten?

Politikerin Bhutto: "Meine Familie hätte niemals gedacht, dass sie meinen Vater umbringen werden"
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Politikerin Bhutto: "Meine Familie hätte niemals gedacht, dass sie meinen Vater umbringen werden"

Die Familie Bhutto und Pakistans Militär, das ist eine Beziehung voller Misstrauen und Hass. Es war der Militärdiktator Zia ul-Haq, der 1977 Zulfikar Ali Bhutto stürzte, den ersten demokratisch gewählten Premierminister Pakistans. Er stellte ihn unter Arrest - und ließ ihn zwei Jahre später im Gefängnis von Rawalpindi in den frühen Morgenstunden henken.

Als ul-Haq 1988 bei einer bis heute ungeklärten Flugzeugexplosion ums Leben kam, sagte Bhuttos Tochter Benazir zum Tod des Generals: "Es ist unglaublich, dass dieser Schatten von Tod und Gefahr, in dem wir so viele Jahre gelebt haben, nun verschwunden ist. Ich hätte ul-Haq lieber in Wahlen besiegt, aber Leben und Tod sind nun einmal in Gottes Hand."

Benazir Bhutto hat heute eine Mission: Sie will das Militär unter Kontrolle bekommen - und selbst zurück an die Macht. Das Militär, das ist diesmal General Musharraf.

Sie will die posthume Ehrenrettung ihres Vaters. Sie will wiedergutmachen, was ihr damals, als 24-Jährige, gemeinsam mit ihrer Mutter Nusrat und ihren Brüdern nicht gelang: ihren Vater aus den Fängen des Militärs zu befreien.

"Als mein Vater gestürzt wurde, hätte meine Familie nie gedacht, dass sie ihn umbringen werden", sagte Bhutto einmal. An dieser Fehleinschätzung leidet sie bis heute, auch wenn sie ihren Vater kaum hätte retten können. Sie will den Glanz der Bhutto-Dynastie wiederherstellen, dieser Familie von politisch ambitionierten Großgrundbesitzern aus Pakistan.

Zweimal vorzeitig als Regierungschefin abgelöst

Ein demokratischer Sieg über den Armeechef Musharraf, der am Samstag den Ausnahmezustand verhängt hat und Kritiker unter Arrest stellen lässt, käme da gerade recht. Musharraf greift der Regierung zufolge nur deshalb hart durch, weil die Gewalt im Land in den vergangenen Tagen stark zugenommen habe. Beobachter werten die Verhängung des Ausnahmezustands dagegen als Versuch, eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs über die Zulässigkeit seiner Wiederwahl zum Präsidenten zu verhindern.

Kritiker werfen Bhutto, Chefin der größten Oppositionspartei Pakistanische Volkspartei (PPP) vor, sie wolle nur ihren Machthunger stillen und sich am pakistanischen Volk bereichern - wie von 1988 bis 1990 und 1993 bis 1996, als sie das Land als Premierministerin führte. Beide Male endete ihre Amtszeit vorzeitig: das erste Mal, weil sie Politik gegen die allmächtige pakistanische Armee machen wollte, und sechs Jahre später wegen des Vorwurfs der Regierungsunfähigkeit und der Korruption.

Ihr Mann, Asif Zardari, gilt noch heute als einer der korruptesten Männer in der Geschichte des Landes. Beide Male wurde Bhutto von ihrem Gegenspieler Nawaz Sharif von der Muslim-Liga abgelöst - dem ebenfalls Korruptionsvorwürfe aus der Bevölkerung entgegenschlugen und der schließlich 1999 von Musharraf gestürzt wurde.

Doch während Sharif mit der Regierung von Musharraf aushandelte, dass seine Verurteilung wegen Korruption aufgehoben wird, wenn er freiwillig das Land verlässt, wurde Bhutto nach eigenen Aussagen nie vor Gericht gestellt. Sie ging nach London, weil sie den Westen aus ihrer Jugend kannte und schätzte. Sie hatte in Harvard und in Oxford studiert, wo sie anfing, Jeans zu tragen, Apfelcidre zu trinken und Rockkonzerte zu besuchen, wie sie in ihrer 1988 veröffentlichten Autobiografie mit dem Titel "Tochter des Ostens" schreibt.

Gute Kontakte zur politischen Elite der USA

Nach dem Tod ihres Vaters hat Bhutto weitere Schicksalsschläge hinnehmen müssen. 1985 starb ihr jüngster Bruder Shah Nawaz unter mysteriösen Umständen in Südfrankreich - vermutlich wurde er vergiftet. 1996 wurde ihr Bruder Murtaza erschossen - in Pakistan hält sich das Gerücht Bhuttos Mann Zardari stecke dahinter, weil Murtaza seiner Schwester politisch gefährlich wurde.

In London verbrachte Bhutto schon zwei Jahre im Exil, nachdem sie 1984 nach fünf Jahren aus der Haft entlassen wurde - ul-Haq hatte mehrere Mitglieder der Bhutto-Familie ins Gefängnis werfen lassen. Als sie 1986 nach Pakistan zurückkehrte, wurde sie von Tausenden jubelnder Menschen auf den Straßen begrüßt - so wie am 18. Oktober, als sie nach acht Jahren im Exil in London und Dubai in ihre Heimatstadt Karatschi zurückkehrte und als mitten im Freudentaumel ihrer Anhänger Bomben mehr als 130 Menschen töteten.

Das Machtkalkül der USA und der Machthunger Bhuttos passen zueinander: Bhuttos guten Kontakte zur Elite der US-Politik aus ihrer Studienzeit dürften dazu beigetragen haben, dass die USA ihre politischen Ambitionen derzeit unterstützen. Es war das Weiße Haus, das Musharraf kürzlich drängte, Bhutto ins Land zu lassen und seine Macht mit Bhutto zu teilen. Die USA erkennen, dass Musharraf auf Dauer kein zuverlässiger Partner ist. Islamisten trachten ihm nach dem Leben, der Westen akzeptiert ihn wegen seiner undemokratischen Machtübernahme nicht.

Opposition hält sich mit Kritik seltsam zurück

Aber ist Bhutto die richtige Partnerin, nur weil sie es versteht, im Wahlkampf die Massen und den Westen zu begeistern?

In Pakistan glauben viele, dass Bhutto nur deshalb zögerlich und erst seit heute zu Protesten gegen Musharraf aufruft, weil die USA ihr zugesichert haben, ihr zur Macht zu verhelfen. Auch die Chefs anderer Parteien beraten über ihr weiteres Vorgehen, halten sich aber mit öffentlichen Protesten zurück. Bislang sind es nur Juristen, Journalisten und Menschenrechtler, die auf die Straßen gehen und sich von Polizei und Armee niederknüppeln und mit Tränengas bekämpfen lassen.

Politische Beobachter sehen Nawaz Sharif, der kürzlich aus London nach Pakistan reiste und wenige Stunden später von Musharrafs Sicherheitskräften in ein Flugzeug zurück nach London gesetzt wurde, als den Gewinner der angespannten Lage. Im Gegensatz zu Bhutto habe er niemals einer Zusammenarbeit mit Musharraf zugestimmt, heißt es. Nachteil sei aber, dass Sharif ins Ausland verbannt wurde und von dort aus wenig Einfluss auf die Ereignisse in Pakistan nehmen könne.

Bhutto reiste heute in die Hauptstadt Islamabad, um dort mit anderen Oppositionspolitikern eine gemeinsame Strategie zur Beendigung des Ausnahmezustands zu entwerfen. Mit Musharraf wolle sie sich aber nicht treffen, teilte ihr Büro mit. "Ich will ein Pakistan, in dem die Menschen zusammenhalten, ein friedliches Pakistan, dessen Bevölkerung selbst über seine Geschicke bestimmt", sagte sie heute Journalisten in Karatschi. An einer Massendemonstration am kommenden Freitag werde sie teilnehmen. "Wenn wir nichts unternehmen, könnte Musharraf denken, die Nation unterstützt, was geschehen ist. Doch das tut die Nation nicht."

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