Benedikt und die Medien Die Pannen und der Papst

Im theologischen Diskurs brillant, im Umgang mit den Medien unbeholfen: Die Regensburger Vorlesung war nicht die erste Panne, die Papst Benedikt XVI. während seiner noch kurzen Amtszeit unterlaufen ist. Fehlt dem Deutschen das diplomatische Gefühl für sein Amt?


Nichts in seinem langen Leben hat Joseph Ratzinger auf das vorbereitet, was nun über ihn hereingebrochen ist. Ihm liegt das scharfsinnige Dozieren vom Gelehrtenpult, die tiefe Nachdenklichkeit der Arbeit im Studierzimmer. Wie man einer Welle aus Wut und Unverständnis entgegentritt, die durch die Medien in jeden Winkel der Erde gespült und mit jedem Tag weiter aufgepeitscht wird, hat er in seiner Kirchenlaufbahn nicht gelernt.

Sein Vorgänger Johannes Paul II. wurde mit 58 Jahren zum Papst gewählt und hatte viele Jahre Zeit, sich zu dem großen Kommunikator zu entwickeln, als der er bei seinem Tod verehrt wurde. Benedikt XVI. kam im Greisenalter auf den Petrusstuhl und zeigt wenig Neigung zu modernem Medienmanagement.

"Der Heilige Stuhl ist augenscheinlich hilflos angesichts der unerwarteten Reaktion auf die theologische Vorlesung des Papstes" in Regensburg, urteilt der Vatikanexperte Bruno Bartoloni von der italienischen Tageszeitung "Corriere de la Sera". Benedikts Worte zur Rolle von Gewalt im Islam hatten eine Protestwoge angestoßen, hinter der der scheue Kirchenführer kaum mehr erkennbar war.

Nicht der erste rhetorische Fehlgriff

Nach tagelangem Schweigen zu der Diskussion ließ Benedikt am Samstag sein Bedauern erklären. "Der Heilige Vater bedauert sehr, dass einige Passagen seiner Rede die Gefühle von Moslems verletzt haben könnten", sagte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone.

Es war nicht das erste Mal, dass der Papst, an dessen enormer Bildung und Belesenheit auch Kritiker nicht zweifeln, in seiner kurzen Amtszeit mit umstrittenen Äußerungen ein negatives Medienecho hervorgerufen hat. Anfang des Jahres sprach Benedikt über Länder, die unter Terrorismus leiden, und ließ Israel dabei unerwähnt. Dort stieß die Auslassung auf Unverständnis.

Im Mai sagte er bei einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz, die Deutschen seien in der Zeit der Nazi-Diktatur einer "Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen" erlegen. Dies wurde von Kritikern so ausgelegt, als wolle der Papst die Deutschen als Opfer von Blendern darstellen und so ihre Verantwortung für die Nazi-Verbrechen relativieren.

Krise während des Wachwechsels

Innerhalb des Vatikans soll nach der Regensburger Vorlesung Benedikts und der anschließenden Empörungswelle erster Unmut aufgekommen sein. Die Turiner Zeitung "La Stampa" berichtete von "Missstimmung in der Kurie". Das Blatt zitierte ein Kurienmitglied mit den Worten: "Mit Karol Wojtyla (Papst Johannes Paul II.) wäre das nicht passiert."

Die Reaktion des Vatikans auf die Turbulenzen nach der Regensburger Rede wurde auch dadurch erschwert, dass der Papst dieser Tage die Regierung des Kirchenstaats umgebildet und wichtige Posten neu besetzt hat. Die Affäre habe den Vatikan "während des Wachwechsels" erwischt, sagte der Präsident des päpstlichen Rats für Kultur, Monsignore Paul Poupard, der Nachrichtenagentur AFP. "Die Leute sind derzeit noch dabei, ihr Büro zu erkunden."

So ist Kardinal Bertone ein renommierter Kirchenmann, hat aber wenig Erfahrung in der Diplomatie. Und der ebenfalls am Freitag ernannte neue Außenminister Dominique Mamberti war nicht einmal im Vatikan, sondern noch auf seinem Posten als päpstlicher Nuntius im fernen Sudan.

Fragwürdige Personalentscheidungen

In seiner Erklärung vom Wochenende stellte Bertone klar, dass der Papst weiterhin "uneingeschränkt den Dialog zwischen Religionen und Kulturen befürwortet". Es wird vermutlich weiterer Initiativen des Vatikans bedürfen, bis die muslimische Welt diese Botschaft wieder glaubt.

Als kritisch könnte sich bei diesem Bemühen herausstellen, dass Benedikt ausgerechnet den als namhaften Islam-Experten anerkannten Erzbischof Michael Fitzgerald vom Vatikan in die apostolische Nuntiatur nach Kairo versetzt hat. Viele Vatikan-Beobachter hatten das als Fehler bezeichnet, weil die Fachkompetenz des britischen Kirchenmanns nun im Vatikan fehle.

Möglich scheint, dass der am Freitag zum Außenminister berufene Franzose Mamberti diese Lücke füllt. Mamberti wurde 1952 im muslimisch geprägten Marokko geboren, vertritt seit vier Jahren den Vatikan im Sudan und war zuvor in Algerien und im Libanon tätig. Seine Kenntnis der islamischen Welt wird er bei seiner schwierigen Aufgabe brauchen.

Jean-François Le Mounier, AFP



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