Kampf um Bergkarabach Plötzlich wieder Krieg

Ein vergessener Konflikt flammt auf: In den Streit um Berg-Karabach könnten sich dieses Mal auch die Nachbarmächte einmischen - die Rivalen Russland und Türkei.
Armenische Stellung in Berg-Karabach

Armenische Stellung in Berg-Karabach

Foto: VAHRAM BAGHDASARYAN/ AFP

Nur scheinbar war er verstummt - der Krieg um Karabach, jenem mehrheitlich von christlichen Armeniern bewohnten Bergland im muslimischen Aserbaidschan.

20 Jahre lang hatte der Westen kaum noch Notiz genommen von der 4400 Quadratkilometer großen Region im Südosten des Kaukasus, in der gerade mal so viele Menschen leben wie im westdeutschen Paderborn. Aber nun wird seit Sonnabend wieder geschossen - so heftig wie nie seit Verkündung des Waffenstillstands im Jahre 1994. Panzer rückten vor, Raketenwerfer feuerten ihre Salven ab, die Luftwaffe war im Einsatz. Mehr als 30 Tote soll es bereits gegeben haben.

Die Gefahr, dass sich der schwelende Konflikt um Berg-Karabach erneut zu einem richtigen Krieg auswächst, ist nicht von der Hand zu weisen. So sah es auch der armenische Präsident, als er am Montag in Jerewan die OSZE-Botschafter empfing. Dieser Krieg würde eine ohnehin an Spannungen reiche Region betreffen, zu der Iran ebenso gehört wie die Türkei. Der russische Verteidigungsminister und der Außenminister haben deswegen am Wochenende mit ihren aserbaidschanischen und armenischen Amtskollegen telefoniert.

Wer hat angefangen? Unklar

Die Armenier sprechen von einem "Angriff der aserbaidschanischen Seite", die Aserbaidschaner sagen, ihr militärisches Vorgehen sei die "erzwungene Antwort auf eine armenische Provokation". Wer zuerst geschossen hat, ist wieder mal schwer auszumachen.

Verbürgt ist nur: Seit über einem Vierteljahrhundert stehen sich die Völker an dieser Nahtstelle zwischen Orient und Okzident in blindwütigem Hass gegenüber. Begonnen hatten die Zusammenstöße im Februar 1988, noch zu Zeiten der Sowjetunion. Da hatte sich das Lokalparlament des damaligen Autonomen Gebiets Berg-Karabach an die Führung in Moskau gewandt, ihre Region offiziell Armenien zu übergeben. Der Kreml lehnte dies ab, worauf es Proteste in der armenischen Hauptstadt Jerewan gab. In der Folge begannen schreckliche Pogrome zwischen beiden Bevölkerungsgruppen. Im Februar 1988 lynchte ein aufgehetzter Pöbel im aserbaidschanischen Sumgait dort ansässige Armenier. Die Meute stürmte durch die Straßen, plünderte Läden und Wohnungen der Mitbürger christlichen Glaubens, erschlug Männer, vergewaltigte Frauen, verstümmelte selbst noch Leichen.

Fotostrecke

Streit um Berg-Karabach: Alter Konflikt flammt wieder auf

Foto: HO/ AFP

Im Dezember desselben Jahres erklärte Armenien einseitig das Gebiet Berg-Karabach zu seinem Besitz. Knapp zwei Jahre später rief Berg-Karabach eine eigene Republik aus, die von keinem einzigen Land der Welt anerkannt worden ist. In der Folge begann ein Krieg, der bis zu 25.000 Menschenleben forderte. Er endete mit einer Niederlage Aserbaidschans.

Hochgerüstete Armeen

Die zurückliegenden 20 Jahre haben beide Seiten zur Aufrüstung genutzt, vor allem Aserbaidschan. Das an Öl und Gas reiche Land hat neueste Waffen angeschafft. Bakus Armee zählt derzeit 67.000 Mann, sie verfügt über 220 Panzer und mehr als 100 Flugzeuge. Armenien hat etwa 49.000 Mann unter Waffen, besitzt aber nur 144 Panzer und 33 Flugzeuge.

Pikanterweise werden beide Länder militärisch von Russland ausgerüstet. Politisch jedoch steht Moskau hinter Jerewan, während die Türkei Schutzpatron der Aserbaidschaner ist. Da sich die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara im Zuge der Syrienkrise dramatisch verschärft haben, vermuteten Beobachter am Wochenende schnell die Hand Erdogans hinter den Gefechten in Berg-Karabach. Der türkische Präsident hatte den Aserbaidschanern Unterstützung "bis zum Ende" zugesagt.

Aber die Gemengelage im südöstlichen Kaukasus ist komplizierter. Fest steht nur, dass Baku eher an einer Wiederaufnahme der Kämpfe interessiert ist als Jerewan: Präsident Ilcham Alijew steht unter Druck, um jeden Preis die verlorenen Gebiete zurückzuholen. Es hat seine Petrodollar für die Wiederaufrüstung genutzt und immer stolz wiederholt, das Militärbudget seines Staats sei inzwischen größer als der gesamte Staatshaushalt Armeniens. Der Verfall des Ölpreises hat jedoch auch in Baku die Kassen geleert, sodass Alijew versucht sein könnte, durch außenpolitische Abenteuer von inneren Schwierigkeiten abzulenken. So verkündete er bereits gestern einen großen "militärischen Sieg" Aserbaidschans.

Russland hat in den letzten Jahren mäßigend auf die Streitparteien einzuwirken versucht. Es hat am Wochenende auch anders als die Türkei reagiert. Während Erdogan dem aserbaidschanischen Präsidenten sofort das Beileid für die gefallenen aserbaidschanischen Soldaten aussprach und Alijew Hilfe versprach, wartete Jerewan vergeblich auf ein vergleichbares Signal aus Moskau. Russland würde auch kaum begeistert sein, wenn es im Falle eines umfassenden Kriegs seinen Verpflichtungen gegenüber Armenien nachkommen müsste. Das Land ist Mitglied in der Organisation des Vertrags für kollektive Sicherheit, einem Militärpakt postsowjetischer Länder.

Moskau müsste im Fall der Fälle Militärhilfe leisten und schnelle Eingreiftruppen schicken. Damit würde eine russisch-armenische Front gebildet, der eine türkisch-aserbaidschanische gegenübersteht. Politisch wäre das eine Katastrophe.

Im Video: Berg-Karabach - Dutzende Tote nach Kämpfen

SPIEGEL ONLINE