Bergier-Kommission Die Schweiz hätte 24.000 Juden retten können

Ohne Not passte sich die Schweizer Regierung Hitlers Rassenpolitik an. Von 1938 an wurden die Pässe von Juden mit speziellen Stempeln gekennzeichnet, von 1940 an wurden jüdische Flüchtlinge an der Grenze abgewiesen. Damit machte sich die Schweiz mitverantwortlich für den Tod tausender Juden. Zu diesem Ergebnis kam eine unabhängige Expertenkommission unter Vorsitz des Schweizer Historikers Jean François Bergier.


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Bern - Ihre Studie "Schweiz - Zweiter Weltkrieg" stellte die Kommission am Freitag in Bern vor. Darin heißt es: "Eine am Gebot der Menschlichkeit orientierte Politik hätte viele Tausende Flüchtlinge vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten und ihre Gehilfen bewahrt."

Die Schweizer Bundespräsidentin Ruth Dreifuss entschuldigte sich im Anschluss an die Präsentation des Berichts im Namen der Regierung für die damalige Asylpolitik der Schweiz, die von Fehlern und Unterlassungen geprägt gewesen sei. Sie betonte jedoch, der Schweiz sei es damals trotz allem gelungen, "inmitten eines der Nazibarbarei ausgelieferten Europas ein Hort der Freiheit und der Demokratie zu bleiben".

"Wir sollten die Geschichte so akzeptieren wie sie ist und die Verantwortung dafür nicht zurückweisen", sagte dagegen der Leiter der internationalen Historikerkommission, der Schweizer Jean-François Bergier. Er war wegen des Inhalts des Berichts bereits vor der Veröffentlichung von mehreren rechten Politikern angefeindet worden.

Der Bericht wirft der damaligen Regierung vor, sie habe für die Flüchtlinge zusätzliche Hindernisse geschaffen und somit - beabsichtigt oder unbeabsichtigt - dazu beigetragen, dass das deutsche NS-Regime seine Ziele erreichen konnte. Außerdem hält er fest: "Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Öffnung der Grenze einen Angriff der Achsenmächte provoziert oder unüberwindbare wirtschaftliche Schwierigkeiten verursacht hätte. Dennoch verweigerte die Schweiz Menschen in höchster Lebensgefahr die Hilfe." Kritisiert wird auch, dass die Schweiz 1938 die Pässe deutscher Juden mit einem "Juden-Stempel" kennzeichnete. Dadurch sei ihnen die Emigration deutlich erschwert worden.

Neben etwa 100.000 geflüchteten Soldaten hat die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges rund 51.000 Zivilisten Asyl gewährt, darunter etwa 21.000 Juden oder Menschen, die wegen ihrer jüdischen Vorfahren verfolgt wurden. In der Zeit von Januar 1940 bis Kriegsende wurden jedoch mindestens 24.500 Flüchtlinge an den Grenzen abgewiesen, obwohl das Ausmaß der Judenverfolgung in Deutschland und den besetzten Gebieten bekannt war. Das Schweizer Justizministerium hielt damals in einer Direktive fest, dass "unerwünschte Elemente (Juden, politische Extremisten, Spionageverdächtige) fern zu halten" seien.

Der Generalsekretär des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Martin Rosenfeld, nannte den Bergier-Bericht am Freitag "wertvoll und ausgewogen". Ultrarechte Gruppierungen erklärten dagegen, die Schuldzuweisung an die damalige Staatsführung sei unhaltbar.



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