Internationale Reaktionen auf Berlin-Anschlag Blumen, Mitgefühl, Maschinenpistolen

Kerzen vor der deutschen Botschaft, Trauer im Netz und mehr Polizei vor Weihnachtsmärkten: So reagiert das Ausland auf die Bluttat von Berlin. Rechtspopulisten instrumentalisieren den Anschlag für ihre Zwecke.

AFP

Wenn Terroristen morden, stehen die Menschen zusammen - auch über Grenzen hinweg. Das war die Botschaft vieler Reaktionen aus der ganzen Welt, nachdem zwölf Menschen bei einem Attentat in Berlin gestorben sind.

Spitzenpolitiker aus Ländern in Europa, Amerika, Nahost und Asien drückten ihr Mitgefühl aus. In Dänemark legten Menschen vor der deutschen Botschaft in Kopenhagen Blumen und Kerzen nieder.

Viele Länder sind in diesem Jahr Ziel von Gewalttaten geworden, auch davon waren die Reaktionen geprägt. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sprach von einer "Serie bösartiger Angriffe", die türkische Regierung von einem "frischen Schmerz aus ähnlichen Vorfällen".

Zahlreiche Städte haben reagiert, indem sie nun Sicherheitsvorkehrungen verschärft haben. Weihnachtsmärkte auf der ganzen Welt werden strenger bewacht, etwa in Belgien, Österreich, den USA und Kanada. In Spanien sind mehr Polizisten im öffentlichen Raum unterwegs, in Großbritannien werden die Straßen vor dem Buckingham-Palast in London künftig während der täglichen Wachablösung gesperrt.

Der französische Innenminister Bruno Le Roux rief die Bürger zur Wachsamkeit auf. "Ich bitte Sie, sich zu vergnügen und auszugehen, aber ich appelliere auch an Sie, vorsichtig zu sein."

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So reagiert die Welt: "Mir fehlen die Worte"

In Frankreich gedachten die Abgeordneten des Parlaments am Dienstag in einer Schweigeminute der Opfer von Berlin - und erinnerten dabei auch an den Anschlag von Nizza. Am 14. Juli raste dort ein Mann mit einem Lastwagen über die Strandpromenade und tötete 86 Menschen. Nach dem Anschlag von Berlin verglich der Bürgermeister von Nizza beide Taten: "Gleiche Vorgehensweise. Gleiche blinde Gewalt. Gleicher Hass auf glückliche Menschen", twitterte Philippe Pradal.

Bereits wenige Stunden nach dem Angriff hatten französische Nutzer in sozialen Netzwerken mit Solidaritätsbekundungen reagiert. Nach "Je suis Charlie" oder "Je suis Paris" hieß es nun in Anspielung auf den berühmten Satz von John F. Kennedy: "Ich bin ein Berliner". Aber angesichts vieler Bluttaten 2016 schrieben andere auch: "Je n'ai plus de mots" - mir fehlen die Worte.

Ausländische Medien beschäftigen sich auch mit der Symbolik des Anschlags. "Wenn die Festtage näher rücken, breitet sich in Deutschland eine selten friedliche und harmonische Stimmung aus", schreibt etwa die spanische Zeitung "El País". "Das Ereignis vom Montagabend hat das Land in Trauer gestürzt und auf schockierende Weise offenbart, dass eine der der ältesten und beliebtesten Traditionen, der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, sich in eine tödliche Falle verwandeln kann."

Ähnlich kommentiert die Londoner "Times": "Dies war nicht allein ein Anschlag gegen die Deutschen oder die westliche Welt. Es war ein Angriff auf die Gesellschaft, auf Familien, auf die Stabilität sowie auf Weihnachten und das Christentum."

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Stimmen nach dem Anschlag: "Ich fühle Machtlosigkeit"

Die amerikanische "New York Times" misst dem Ort des Angriffs eine andere Bedeutung zu - weil dieser Teil der Stadt an Geschichte besonders reich sei. Vor dem Krieg sei er das "pulsierende Herz von Westberlin" gewesen, nach dem Krieg "Einkaufsmeile in einer geteilten Stadt, die westliche Version etwa vom Piccadilly Circus". Ein emotionaler Ort also, zumindest für die Westberliner. Nicht zuletzt erinnere die Gedächtniskirche als Mahnmal an die Schrecken von Krieg und Gewalt.

Ähnlich äußerte sich auch der niederländische König Willem-Alexander, als er den Opfern sein Beileid aussprach. "Am Fuß der Gedächtniskirche, jenes Symbols, das uns an die Werte von Frieden und Versöhnung erinnert, sind gestern wehrlose Menschen Opfer einer Gewalttat geworden."

"Heimsuchung für Merkel"

Längst hat auch international eine hitzige politische Diskussion begonnen - auch über die Folgen des Anschlags für die Politik von Kanzlerin Angela Merkel. Nach Ansicht der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" könnte der Angriff der Stabilität Deutschlands und der Stärke Merkels schaden und damit auch Europa weiter schwächen. Die belgische Zeitung "De Tijd" meint, für Merkel sei der Anschlag "eine Heimsuchung" und für Deutschland ein "Wendepunkt": "Der Umgang mit diesem Anschlag und das weitere Vorgehen werden das Urteil der deutschen Wähler im September 2017 stark beeinflussen."

Rechtspopulisten nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa nutzen den Angriff für ihre politischen Ziele. Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders twitterte das Bild einer blutverschmierten Bundeskanzlerin, die seiner Ansicht nach für den Anschlag verantwortlich sei. In Großbritannien sorgte der Rechtspopulist Nigel Farage für Ärger, als er sagte: "Merkel hat direkt eine ganze Zahl von sozialen und terroristischen Problemen in Deutschland verursacht." Rechtspopulisten in Frankreich, Dänemark und Italien warfen EU-Regierungen vor, zahlreiche Migranten einreisen zu lassen, obwohl unter ihnen islamistische Terroristen seien.

Warnung vor der rechten Taktik

Noch bevor die deutschen Behörden offiziell von einem Anschlag ausgingen, gab der neu gewählte US-Präsident Donald Trump zu verstehen, "islamistische Terroristen" hätten die Tat begangen: "Islamistische Terroristen schlachten fortwährend Christen in ihren Gemeinden und Andachtsorten ab als Teil ihres globalen Dschihad."

Die "New York Times" warnte nach diesen Stimmen, die populistische Rechte habe keine Zeit verloren, "Kanzlerin Angela Merkel für ihre menschliche Asylpolitik scharf zu kritisieren und die eigene fremdenfeindliche Agenda voranzutreiben". "Diese gefährliche - wenn auch vorhersehbare - Reaktion spielt direkt in die Hände des 'Islamischen Staats', der nichts mehr will als einen Krieg zwischen Christen und Muslimen in Europa."

kgp

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