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08. Juli 2008, 10:08 Uhr

Berliner Rede

Obama will deutsch-amerikanische Freundschaft wiederbeleben

Von , Washington

Bei seinem geplanten Berlin-Besuch will Barack Obama vor dem Brandenburger Tor eine Rede zur europäisch-amerikanischen Zusammenarbeit halten. Dabei wird er nach Informationen von SPIEGEL ONLINE eine kooperativere US-Außenpolitik ankündigen - und klare Forderungen stellen.

Washington - Wann kommt er, wen trifft er, und vor allem: Was sagt er? Seit Tagen sorgten Barack Obamas Berlin-Reisepläne für Spekulationen. Nachdem der Termin 24. Juli feststeht, wird nun immer deutlicher: Der demokratische US-Präsidentschaftsbewerber plant für seinen Besuch in der deutschen Hauptstadt eine Grundsatzrede zum transatlantischen Verhältnis.

Obama: Sein Team hofft auf 100.000 jubelnde Zuhörer in Berlin
REUTERS

Obama: Sein Team hofft auf 100.000 jubelnde Zuhörer in Berlin

"Der Senator ist im Wahlkampf oft kritisiert worden, sich nicht genug für Europa zu interessieren. Diese Visite ist eine Antwort darauf, und deswegen will er sich zu dem Thema auch äußern", sagte ein Obama-Berater, der mit der Planung der Reise vertraut ist, SPIEGEL ONLINE.

Noch sei zwar nicht ausgeschlossen, dass eine solche Ansprache auch in Paris oder London - den anderen Stationen von Obamas Europa-Kurzreise - stattfinden könne. Doch Berlin und das Brandenburger Tor stehen in seinem Wahlkampfteam hoch im Kurs. "Die Kulisse wäre einfach großartig", heißt es. Auch die Erinnerung an den Besuch von US-Präsident John F. Kennedy im Jahr 1963 und seine berühmte Rede vor dem Schöneberger Rathaus schwingt in den Planungen mit. "Die Erinnerung an John F. Kennedys Auftritt ist noch lebendig. Berlin bildet eine Brücke zwischen Ost und West, und die deutsch-amerikanischen Bande sind sehr eng."

Die Bundesregierung hat den prominenten Gast bereits herzlich willkommen geheißen - doch am Dienstag auch Bedenken geäußert, ob ein Auftritt vor dem Brandenburger Tor nicht als deutsche Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf missverstanden werden könne. Die Entscheidung, ob der demokratische Hoffnungsträger dort sprechen kann, muss aber der Berliner Senat treffen, nicht der Bund. "Wir hoffen, dass es klappt", heißt es aus Obamas Umfeld. Was der Senator in seiner Rede sagen will, steht bislang erst in Umrissen fest.

Klar ist aber, dass der demokratische Präsidentschaftsanwärter einen schwierigen Spagat versuchen wird. "Obama möchte den Europäern signalisieren, dass er viel stärker als George W. Bush die Abstimmung mit den transatlantischen Partnern suchen wird. Also dürfte der Satz 'Ich kann zuhören' häufig auftauchen", verlautet aus Beraterkreisen. Eine solche Botschaft richte sich auch an die Wähler daheim. Diese sollten sehen, dass sich das amerikanische Ansehen in Europa unter einem Präsidenten Obama schlagartig verbessern würde. "Bilder von 100.000 jubelnden Zuhörern in Berlin würden dieses Argument stützen."

"Was will Obama für mich tun?"

Gleichzeitig darf der Senator aus Illinois aber nicht allzu europafreundlich erscheinen. Noch ist vielen Demokraten in Erinnerung, wie ihr damaliger Kandidat John Kerry vor vier Jahren von seinem Ansehen in Europa schwärmte - und prompt von den Republikanern als "europäisch" abgestempelt wurde. "Das Risiko sehen wir auch", sagen Berater. "Ein Wähler in North Dakota interessiert sich nicht für die transatlantische Agenda. Der fragt eher: Was will Obama für mich tun?"

Daher sei es unwahrscheinlich, dass sich der Kandidat in langen Lobeshymnen auf die europäische Vorreiterrolle beim Klimaschutz oder der Krankenversicherung ergehen werde. Auch werde er in seiner Rede vor "Klartext" nicht zurückschrecken - in Form deutlicher Hinweise, dass die Europäer mehr internationale Verantwortung übernehmen müssten. Vor allem in Afghanistan, vielleicht auch im Irak. Der Demokrat könnte zudem anmahnen, dass die Europäische Union sich nach dem Nein der Iren zum EU-Reformvertrag nicht in internen Problemen verlieren dürfe.

Obama wird in Berlin allerdings wohl höchstens einen Tag verbringen. Möglicherweise wird der Senator seinen Europabesuch nicht nur mit Reisestationen in Israel und Jordanien verbinden, sondern auch mit seiner geplanten Reise in den Irak und nach Afghanistan. Diese Stationen sind für den US-Wahlkampf ungleich wichtiger als die Deutschland-Visite.

Schwieriger Besuch

Egal aber wie kurz Obama letztendlich bleibt: In jedem Fall wird er Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen. Seine Europa-Berater versuchen zudem, Zeit für ein Gespräch mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier einzuplanen - auch um beide Lager der Großen Koalition in Deutschland zu verstehen.

Für die Bundesregierung ist der Besuch nicht unkompliziert. Zwar hoffen Merkel und Steinmeier auf schöne Bilder mit dem in Deutschland beliebten Demokraten. Doch dürfen sie nicht zu offen im US-Wahlkampf für einen Kandidaten Partei ergreifen - daher die Bedenken gegen eine symbolträchtige Bühne für Obama am Brandenburger Tor. Aus dem Kanzleramt verlautete gestern diplomatisch, man freue sich sehr auf Obama. Doch auch der republikanische Bewerber John McCain sei natürlich jederzeit herzlich willkommen.

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