Italiens Politik als Seifenoper Berlusconis große Comeback-Show

Er geht öffentlich joggen, verzichtet auf Strandurlaub und entsorgt seine Altlasten: Silvio Berlusconi fährt noch einmal die ganz große Show. Die Inszenierung seiner Rückkehr in die Politik gleicht einer Seifenoper.

AP

Rom - Alles nur ein Scherz, hieß es plötzlich. "Silvio kandidiert doch nicht mehr", titelte die Zeitung "Libero" am Sonntag. Das Mailänder Blatt müsste es eigentlich wissen, schließlich hielt es Silvio Berlusconi in guten wie in schlechten Tagen die Treue. Große Aufregung also in Italien, dann Auftritt Berlusconi: Die Meldung sei falsch, ließ er noch am Sonntag verlauten.

Seit zwei Wochen hält das mögliche Comeback des Ex-Regierungschefs Italien in Atem. Die angekündigte Rückkehr des Silvio Berlusconi auf die politische Bühne gleicht einer Seifenoper. Es gibt Missverständnisse, große Gesten, bitteren Streit und immer wieder neue, mitunter haarsträubende Szenen. Es geht hin und her. Auf Ankündigungen folgen Dementis, selbst Diätpläne haben politische Bedeutung. Und auf die Frage, ob der Skandalpolitiker nun wirklich wieder Regierungschef werden will, gibt es zur Zeit drei verlässliche Antworten: Ja, nein, vielleicht.

Das Echo auf die große Silvio-Show ist verheerend. Der britische "Economist" nannte allein die Diskussion über eine mögliche Rückkehr Berlusconis "das Letzte, was Italien braucht". Nichts sei schädlicher für Italiens Glaub- und Kreditwürdigkeit als sich monatelang zu fragen, ob Berlusconi wirklich wieder Premier werden wolle, schrieb das Blatt. Berlusconi klammere sich verzweifelt an die Macht, heißt es bei Freunden und Gegnern. Der 75-jährige Skandalpolitiker sei zu alt, korrumpiert von persönlichen Verfehlungen und wäre schlussendlich in der tiefen Krise eine Katastrophe für sein Land, darüber sind sich Beobachter einig.

Berlusconis ganz eigene Realität

Nur: Die Silvio-Show erschafft gerade eine ganz andere Realität. In der großen Inszenierung namens Comeback kontern Berlusconi und seine Getreuen seit zwei Wochen jeden dieser Kritikpunkte, mal subtil, mal ganz deutlich.

  • Berlusconi klammere sich an die Macht? Im Gegenteil, heißt es aus seinem Lager. Er selbst betonte, er werde von Freunden und Wirtschaftsmanagern regelrecht zum Comeback gedrängt. Selbst sein auserkorener Nachfolger Angelino Alfano, der eigentlich selbst als Spitzenkandidat ins Rennen gehen sollte und nun vom Ziehvater vor den Kopf gestoßen wurde, musste der Regie folgen: "Viele haben ihn zur Rückkehr gedrängt, auch ich", twitterte Alfano artig.
  • Berlusconi habe keine Chance bei den Wählern? Von wegen, nur der "Cavaliere" könne seine Partei retten. Die Entscheidung wieder anzutreten, sei wegen einer Umfrage gefallen, die er bei seiner Stammdemoskopin Alessandra Ghisleri in Auftrag gegeben hatte. Demnach hängt das Ergebnis von Berlusconis Partei bei den Wahlen 2013 stark vom "Cavaliere" selbst ab. Trete sie wie ursprünglich vorgesehen ohne ihn an, lande sie bei nur acht bis zwölf Prozent, mit dem designierten Nachfolger Alfano als Spitzenkandidat und Berlusconi als Parteiboss seien rund 18 Prozent drin. Sollte allerdings der "Cavaliere" selbst als Spitzenmann antreten, käme die Partei auf knapp 30 Prozent. Natürlich gelangte die interne Umfrage umgehend an die Öffentlichkeit.
  • Berlusconi sei korrumpiert? Um sich von den Sünden der Vergangenheit reinzuwaschen, trennt sich Berlusconi gar von alten "Bunga Bunga"-Lieblingen wie Nicole Minetti. Die 27-Jährige, die laut Staatsanwaltschaft Berlusconi Mädchen zuführte, drängt er seit der Ankündigung des Comebacks zum Rücktritt als Regionalabgeordnete seiner Partei.
  • Der "Cavaliere" sei zu alt? Der Politikrentner, der im September 76 wird, fühlt sich fit fürs Comeback. Er habe vier Kilo abgenommen, ließ er duchblicken. Dann ließ er sich beim Joggen mitten in Rom in den Gärten der Villa Celimontana blicken. Und schließlich gab der Leibarzt, in aller Öffentlichkeit natürlich, grünes Licht fürs Comeback - denn das nutze Berlusconis Gesundheit. "Ein Leben in der ersten Reihe fördert seiner Gesundheit", verkündete Alberto Zangrillo im Radio, "in der dritten und vierten Reihe deprimiert ihn."
  • Italien kann sich in der Krise Berlusconi nicht leisten? Bleibt noch der größte Einwand gegen den "Cavaliere", den die Silvio-Show entkräften muss. Immerhin sind sich die Experten einig, dass Berlusconis tatenlose Ankündigungspolitik das Land erst so tief in die Schulden- und Wirtschaftskrise manövriert hat. Italien ächzt unter hohen Zinsaufschlägen auf Staatsanleihen. Und was macht Berlusconi? Hat seine Facebook-Seite mit einem Plakat geschmückt, auf dem eine Kurve nach oben zeigt. "Die Zinsaufschläge steigen weiter - dabei sollte das doch Berlusconis Schuld gewesen sein", steht dort sinngemäß. Ohnehin betonte Berlusconi kürzlich in einem Interview, dass er als erster "führender westlicher Politiker die Gefahren der Finanzkrise erkannt" habe.

So viel schlimmer wird es mit seiner Rückkehr nicht, heißt das. Dass es für Italien besser werden könne, davon ist freilich nicht die Rede.

Von den Titelseiten der Zeitungen hat die große Silvio-Show die Krise für ein paar Tage erfolgreich verdrängt. Und schon kündigte Berlusconi an, diesen Sommer ausnahmsweise nicht in seiner Ferienvilla auf Sardinien zu verbringen, sondern in seiner Residenz bei Mailand - um intensiv politisch zu arbeiten. Was auch immer das genau heißen soll. So viel scheint klar: Die Show muss weitergehen, Fortsetzung folgt.

Der Autor auf Facebook

insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mischpot 25.07.2012
1. Ich dachte der sitzt, oder?
Ist Berlusconi nicht enteignet worden?
torben42 25.07.2012
2. Italien....
...ist und bleibt eine Bananenrepublik, anders lässt es sich leider nicht bezeichnen.Es ist mir unerklärlich, wie man sich jahrzehntelang von solch einem notgeilen, alten und machtbesessenen Sack regieren lässt.
pensatore libero 25.07.2012
3. Als Deutschscher ...
Zitat von sysopAPEr geht öffentlich joggen, verzichtet auf Strandurlaub und entsorgt seine Altlasten: Silvio Berlusconi fährt noch einmal die ganz große Show. Die Inszenierung seiner Rückkehr in die Politik gleicht einer Seifenoper. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845917,00.html
... kann man nur hoffen, dass Berlusconi sich noch einmal durchsetzt. Weitere 'Hilfspakete' für Italien würden dann noch absurder! - Selbst der neue Wirtschaftsfachmann der Grünen, Jürgen Trittin, käme dann vielleicht in Grübeln, ob man weitere Zig-Millarden in den bodenlosen Süden pumpen soll - denn auch Grüne Wähler wissen inzwischen, was BUNGA BUNGA bedeudet (jedenfalls keine Sanierungspolitik). - Allora Silvio: weiter Joggen!!
Percy-Hannes Elmar 25.07.2012
4. Passt doch !
Also ich finde die Idee passt zu Berlusconi, zu Italien und zum Zeitgeist. Das Comback eines politischen und wirtschaftlichen Brandbeschleunigers. Das ist echte spätrömische Dekadenz. Die gelebte Lust am Untergang.
FloatingTom 25.07.2012
5. Die Rückkehr des Spaßpolitikers...
Falls Bunga-Bunga-Silvio das tatsächlich schaffen sollte....kann man nur sagen: "Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient." Und ich, der ich nun wirklich nicht stolz auf die Bundesregierung bin, mutiere spätestens dann zum Europa-Gegner.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.