Spekulationen über Berlusconi Sehnsucht nach Antigua

Sein Fußballklub steht zum Verkauf, die Partei hat ihn verstoßen, aber seinen Pass hat er wieder: In Rom wird spekuliert, ob sich Silvio Berlusconi absetzt - und Italien Richtung Karibik verlässt. Nur ein Grund spricht dagegen.

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Er versicherte es immer wieder: "Niemals", versprach Silvio Berlusconi, ehemaliger Regierungschef und einst mächtigster Mann Italiens, werde er seinen Fußballklub AC Mailand, "an Ausländer verkaufen". Anders als sein ewiger Rivale, der Ölmagnat Massimo Moratti, der die Mehrheit an Inter Mailand einem Milliardär aus Indonesien überließ, habe er seinen AC "im Herzen eingraviert". Und er habe keine Absicht, sich "einer Herztransplantation zu unterziehen". Doch jetzt, so scheint es, liegt er unterm Messer.

Seit Wochen verhandeln Berlusconis Anwälte mit dem thailändischen Geschäftsmann Bee Taechaubol, dem Wortführer einer Gruppe reicher Chinesen, über einen Verkauf der Kicker-Truppe. Das berichten italienische Medien. Schon für die erste Tranche, einen 20-Prozent-Anteil, wolle "Mr. B.", wie er in Thai-Kreisen genannt werde, knapp 200 Millionen Euro zahlen. Nach und nach würden dann weitere 45 Prozent in asiatische Hände gehen. Das ist viel Geld für einen Verein, der hochverschuldet und sportlich nur noch mittelmäßig ist. Der aktuell Achte der italienischen Serie A ist nach Punkten näher am Tabellenletzten als an Spitzenreiter Juventus Turin.

Früher hätte Berlusconi in solch einer Lage viele Millionen in die Hand genommen und seinen Verein mit Stars aufgepäppelt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Berlusconi vergeht die Lust, und vielleicht geht ihm auch das Geld aus.

Millionen an Ex-Gattin, Mädchen und Anwälte

Denn der Mann hat hohe Ausgaben. 1,4 Millionen Euro muss er an seine Ex-Gattin zahlen, monatlich versteht sich. Dabei hat ein Gericht im Herbst 2013 die Apanage bereits reduziert. Vorher war es das Doppelte. Unsummen verschlingen auch die Kosten für seine zahlreichen Villen und das entsprechende Personal.

Dazu die Unterstützung jener etwa zwei Dutzend junger Damen, die beharrlich vor Gericht wiederholen, bei den als "Bunga Bunga"-Feten weltbekannt gewordenen Meetings mit "Papi" Silvio sei es nie um Sex gegangen. Es habe sich um festliche Abendessen mit kultureller Unterhaltung gehandelt. Manche der Mädchen wollten anfangs zwar etwas anderes erlebt haben, überlegten sich die Sache aber bald. Und für ihre Wahrheitsliebe richtete Berlusconi ihnen kostenfrei Villen und Wohnungen ein, schenkte ihnen dicke Bargeld-Bündel und Autos.

Die ihm besonders ans Herz gewachsene Karima El Mahroug, Künstlername "Ruby Rubacuore" (übersetzt etwa: "Herzensbrecherin"), stattete er so üppig aus, dass die beispielsweise 69.000 Euro für einen Malediven-Urlaub ausgeben kann. So steht es nämlich in den Akten der Staatsanwaltschaft. Dann kommen noch die horrenden Kosten für die Anwälte des vielfach Angeklagten hinzu. Mehr als 400 Millionen Euro habe er an Honoraren gezahlt, sagte Berlusconi im Sommer 2013. Seitdem erhöhte sich die Summe noch.

Urlaub auf Sardinien

Auch das politische Imperium des inzwischen 78-Jährigen löst sich auf. 28 Parlamentarier haben seine Partei Forza Italia in dieser noch recht jungen Legislaturperiode bereits verlassen, das sind mehr als 20 Prozent. Weitere stehen kurz davor. Die verbleibenden Abgeordneten streiten miteinander.

Auf Berlusconi hört schon lange keiner mehr. Selbst alte Getreue wenden sich ab, zuletzt Sandro Bondi, der Treueste der Treuen. "Il Dottore" hatte dieser Berlusconi stets genannt und gehuldigt: "Er trägt die Sonne in seiner Tasche." Doch jetzt ist auch der Mitgründer der Partei gegangen.

Berlusconi dagegen macht Urlaub in seiner Megavilla auf Sardinien. "Wir haben das Gefühl", zitiert die römische Tageszeitung "La Repubblica" anonym ein anderes Mitglied der alten Berlusconi-Garde, "er will alles hinter sich lassen, die Partei genauso wie den AC Mailand und sich vielleicht nach Antigua zurückziehen". Das denken oder vermuten derzeit viele im römischen Politik-Geschäft, vor allem aus dem Berlusconi-Lager.

Manche wagen es sogar schon offen zu formulieren. Es sei allein "seine Entscheidung", sagt die 32-jährige Forza Italia-Europaabgeordnete Lara Comi. Aber wenn er gehe, gäbe es Raum "für eine große italienische Volkspartei".

Berlusconi darf bald wieder reisen, wenn er das möchte. In den kommenden Tagen bekommt er seinen Reisepass zurück, den ihm die Justiz nach der Verurteilung im sogenannten Mediaset-Prozess (da ging es um Schwarzgeld-Konten, falsche Rechnungen und Steuerbetrug) abgenommen hatte. Zu vier Jahren Haft war er im Sommer 2013 verurteilt worden. Drei Jahre fielen unter eine Amnestie, das restliche Jahr durfte Berlusconi altersbedingt gegen ein paar Tage Sozialdienst eintauschen. Jetzt ist die Strafe getilgt.

Berlusconi darf also auch wieder ins Ausland - vielleicht zieht es ihn ja nach Antigua. Das ist eine hübsche kleine Insel in der Karibik mit knapp 70.000 Einwohnern. Zufällig hat Berlusconi dort eine Hütte, die mehr als den Regen abhält. Auf Fotos sieht es eher wie eine ganze Siedlung mit vielen Häusern und etlichen Swimmingpools aus, drum herum natürlich Palmen, Strand und Meer.

Nur eines spricht gegen Berlusconis Umzug ins Idyll: Das Vorbild seines politischen Mentors Bettino Craxi. Der Ex-Regierungschef kam im Zuge eines gigantischen Schmiergeld-Skandals - bekannt unter dem Tarnnamen der Staatsanwaltschaft "Mani pulite" (Saubere Hände) - in Bedrängnis. Er floh 1994 vor der Justiz nach Tunesien und entkam somit zwar einer 28-jährigen Gefängnisstrafe. Bald war er dort freilich ziemlich vergessen, starb 2000 einsam und verbittert. "Das Schicksal von Craxi" sagte Berlusconi immer wieder, wolle er "nie erleiden". Dann sollte er besser nicht nach Antigua übersiedeln.

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Zusammengefasst: Der verurteilte Silvio Berlusconi bekommt seinen Reisepass zurück. Schon wird in Italien über die Pläne des früheren Regierungschefs spekuliert. Zieht es ihn womöglich nach Antigua?



insgesamt 9 Beiträge
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Katharina Merowing 09.04.2015
1. Eine einzige Farce
Dass dieser sogennante Ex-Politiker seit Jahren überhaupt noch in den Medien auftaucht, spiegelt nur die Lächerlichkeit der früheren Regierung Italiens wider. Trotz Korruptionsskandale, Vetternwirtschaft und einer verantwortungslosen Sackgassen-Politk wurde Berlusconi wieder gewählt... von den Bunga-Bunga Partys mal abgesehen, war die fehlende Motivation in der italienischen Bevölkerung ihn zu entmachten einfach nur dämlich. Hat jemand Gegenargumente? danke
symolan 09.04.2015
2.
wie man SB kennt, wird er auch in Antigua nicht einsam sein.
laotse8 09.04.2015
3. Berlusconi hat das Pech,
italienischer Regierungschef gewesen zu sein. In Deutschland wird niemals aufgeklärt, woher die 20 Millionen Euro stammten, die der alte Regierungschef auf einmal für die insolenzbedrohte Regierungspartei aus dem Hut zauberte, während zugleich die heutige Regierungschefin merkwürdigerweise ganz netzwerk- und hausmachtfrei an seine Seite rücken durfte. In Deutschland gilt eben noch das Politikerehrenwort mehr, als schnöde Gesetze. Und wenn dann doch mal einer samt Schwarzgeldkoffer in flagranti erwischt wird ... dann machen wir den zum Bundesfinanzminister!
nell2 09.04.2015
4. und CIAO
Soll er doch gehen. Gutes hat er eh nicht gebracht, sondern eher dazu beigetragen die Gesamtsituation in Italien zu verschlechtern / zu verschleppen und vermissen wird ihn bis auf einige Verblendete und einige Profiteure (wie seine reichen Anwälte und so) doch eh keiner. Was für eine tragische Figur.
HaioForler 09.04.2015
5.
Ich fand Berlusconi genau an der richtigen Position, weil ich dann immer so schön über Italien lachen konnte. Berlusconi und Italien, das war eins: viel Schaum um nichts, große Sprüche, aber dann doch immer wieder auf die Füße fallen und etwas auf die Beine stellen. Ganz großes Tennis. Drama. Irgendwelche Millionen Italiener müssen den ja gewählt haben.
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