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US-Depeschen zu Putin und Berlusconi: Machos unter sich

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Berlusconi und Putin Macho-Freunde beunruhigen Washington

Was steckt hinter der Kumpanei zwischen Berlusconi und Putin? Das enge Verhältnis zwischen dem italienischen und dem russischen Regierungschef verwundert die USA nachhaltig. In Diplomatendepeschen finden sich gewagte Behauptungen über geschäftliche Interessen - die dementiert werden.

Der Gastgeber sah aus wie ein Unfallopfer. "Bandagiert und noch von Wunden gezeichnet" sei Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi gewesen, notierte der US-Botschafter in Rom, David Thorne, in einer Notiz an Washington. Thorne hatte Berlusconi am Neujahrstag 2010 auf dessen Landsitz in der Lombardei besucht, gut zwei Wochen nachdem ein psychisch kranker Mann dem Premier in Mailand eine Statuette ins Gesicht geschlagen hatte.

Der Besuch des Amerikaners heiterte den Premier auf. Er führte seinen Gast durch die prunkvolle Villa, kein einziges Mal habe Berlusconi um einem Gefallen aus Washington gebeten, hielt der US-Diplomat zufrieden fest, und gleichzeitig wolle er den Amerikanern eindeutig ein guter Partner sein.

Aber dann wurde die harmonische Visite unerwartet verkürzt: Das Telefon klingelte, Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin wünschte den Cavaliere zu sprechen.

Der Amerikaner wurde rasch hinauskomplimentiert. Der Russe war wichtiger.

Das Memo über den Botschafterbesuch spiegelt den schwierigen Umgang der Amerikaner mit Italiens mächtigstem Mann. Sie schätzen ihn zwar als proamerikanischen Regierungschef, doch ihre Beziehungen zu Berlusconi stufen sie als "komplex" ein, seinen Regierungsstil als "unorthodox".

"Sexskandale, Justizermittlungen, Familienprobleme und Finanzsorgen belasten seine persönliche und politische Gesundheit sowie seine Entscheidungsfähigkeit offenbar sehr", heißt es in einem Schreiben. Berlusconi, so ist nachzulesen, döste während des Antrittsbesuchs des US-Botschafters kurz weg: Die Botschaft spekuliert, dass Berlusconis harte Abende und Nächte dazu führen könnten, "dass er nicht genug Schlaf bekommt".

Berlusconi sieht in Putin angeblich einen "Tycoon-Kollegen"

Aber eins trübt die Beziehung nachhaltig: Berlusconis seltsame Faszination für Putin. Dessen Frau und Töchter sind oft bei Berlusconi zu Gast, in der Villa gibt es dann Schwertfisch und Erdbeerkuchen. Putin ruft an, um guten Appetit zu wünschen.

Umgekehrt reist Berlusconi gern zu Putins Feiern und versetzt dafür sogar schon mal König Abdullah II. von Jordanien. "Das erweckte unvermeidlich den Eindruck", notieren US-Diplomaten pikiert, "als schone er seine Kräfte für eine wilde Party in Putins Datscha." Diese Art von ausgelassenen Festen, spekulieren sie, seien für Berlusconi in Italien seit der Enthüllung früherer Exzesse inzwischen womöglich zu riskant.

Wortlaut: Die wichtigsten Depeschen zum Thema

Gezeichnet vom damaligen US-Botschafter in Italien, Ronald Spogli, heißt es Anfang 2009 in einem Neun-Seiten-Memo: "Berlusconi glaubt, dass Putin sein enger und persönlicher Freund ist - und hat mit ihm mehr Kontakt als mit irgendeinem anderen Staatsmann." Der Italiener bewundere Putins Macho-Stil und sehe in ihm wohl einen "Tycoon-Kollegen".

Die italienisch-russische Achse passt den Amerikanern überhaupt nicht. Sie sehen ihre Energieinteressen und politischen Anliegen gefährdet. Denn Berlusconi verhandle angeblich gute Konditionen etwa für den italienischen Gas- und Ölriesen Eni bei Russlands Gazprom - und unterstütze im Gegenzug eher russische Energievorhaben als westliche Projekte.

Italiens Außenminister ratlos

Gegen Einflussnahme sei Berlusconi da immun, so US-Diplomaten. Entscheidungen zu Russland treffe er meist im Alleingang, italienische Diplomaten dürften sich selten einmischen. Als der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney deswegen bei Italiens Außenminister Franco Frattini nachhorchte, habe der angeblich nur mit den Achseln gezuckt - zu Russland habe selbst er nichts zu sagen.

Ist nur Freundschaft die Basis solch enger Bande? Die Frage treibt Washingtons Diplomaten um, und sie sind anfällig für unbewiesene Verschwörungstheorien. In einer Depesche, gezeichnet von Botschafter Spogli, sind diese Unterstellungen detailliert ausgebreitet: Italienische Politiker sowie ausländische Diplomaten würden von einer angeblichen Absprache zwischen Putin und Berlusconi berichten.

"Sie glauben", referiert Spogli die ungeheuerlichen Vorwürfe, "dass Berlusconi und seine Vertrauten persönlich enorm von Energiegeschäften zwischen Italien und Russland profitieren. Der georgische Botschafter in Rom hat uns gesagt, dass die georgische Regierung glaubt, Putin habe Berlusconi einen Anteil an jeder Gazprom-Pipeline zugesagt, die in Zusammenarbeit mit Eni gebaut werde."

Putin: "Absurd oder böswillig"

Schlüsselfigur für diese Theorie: Valentino Valentini, Parlamentarier und Berlusconis wohl wichtigster Russland-Einflüsterer. Die "etwas zwielichtige Figur", heißt es in der Botschaftsdepesche, spreche Russisch und reise sehr oft nach Russland. Häufig tauche Valentini an Berlusconis Seite auf. "Was Valentini genau auf seinen häufigen Moskau-Reisen tut, ist nicht klar - aber es geht das Gerücht, dass er Berlusconis Geschäftsinteressen in Russland vertritt."

Die Quellen für diese Behauptungen sind undurchsichtig. Immerhin könnte Georgien Interesse daran haben, gegen Russland Stimmung zu machen. Die georgische Regierung bestritt jetzt gegenüber dem SPIEGEL, solche Informationen zu haben und zu streuen. Das Büro Berlusconi teilte mit, die Vorwürfe gegen den Regierungschef und Valentini seien "Produkte reiner Phantasie, ohne Fundament". Und Putin ließ dem SPIEGEL ausrichten, die Vorwürfe "entbehren jeder Grundlage". Es sei "absurd oder böswillig zu unterstellen, dass persönliche Interessen im Spiel sein könnten".

Doch Washington schien den Gerüchten zumindest auf den Grund gehen zu wollen. Im vergangenen Januar ließ das US-Außenministerium bei den Botschaften in Moskau und Rom "alle Informationen" zur Beziehung zwischen Putin und Berlusconi abfragen sowie Infos über "persönliche Investitionen", die deren Politik beeinflussen könnten - gezeichnet: Clinton. Und Barack Obama ließ sich Zeit, bis er dem Italiener eine Audienz in Washington gewährte. Bei seiner Europa-Reise im Frühjahr 2009 ignorierte er ihn.

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