Berlusconis Zukunft Augen zu und durch

Seine Zeit ist um, heißt es in Italien. Doch die Abgesänge auf Regierungschef Silvio Berlusconi kommen zu früh: Er wird im Amt bleiben, weil er seinen wichtigsten Kampf noch nicht gewonnen hat - und sogar neue Pläne schmiedet.

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Sie haben ihren Regierungschef noch immer nicht verstanden: Sonst würden die Italiener in diesen Tagen nicht so oft an das Pflichtbewusstsein Silvio Berlusconis appellieren. Bischöfe empören sich über seine "sittenlosen Verhaltensweisen", die Zeitung "Corriere della Sera" sieht den Premier erdrückt von einer "tödlichen Kombination aus unerfüllten Versprechen, Skandalen, Unanständigkeiten und Unvorsichtigkeiten". Der Chefredakteur des Blattes "Il Sole 24 Ore" fordert Berlusconi auf, zu verschwinden - im Interesse des Landes.

Als ob es Berlusconi um Italien ginge.

Berlusconi wird an diesem Donnerstag 75 Jahre alt, und die Kommentatoren in Italien wie im Ausland haben keine Geburtstagsständchen angestimmt, sondern Abgesänge: Er habe nichts zu feiern, jegliches Vertrauen der Europäer verspielt, die Umfragewerte seien in den Keller gefallen. Stimmt alles. Doch wer glaubt, ein paar Bischöfe, Rating-Agenturen oder die gigantische Schuldenkrise könnten den Mann aus dem Amt drängen, kennt Silvio Berlusconi schlecht.

Er wird bleiben: Augen zu und durch die Krise. Er wird weiterregieren, weil er gar nicht anders kann. Er kämpft noch seinen größten Kampf. Um Geld oder Macht geht es ihm dabei schon lange nicht mehr.

Silvio Berlusconi, am 29. September 1936 in Mailand geboren, hat mit Immobilien ein Vermögen verdient, ein Medienimperium aus dem Boden gestampft und den Traditionsverein AC Milan gekauft. Sein Vermögen wurde im Frühjahr auf knapp sechs Milliarden Euro geschätzt. 1994 gewann er mit seiner Retortenpartei Forza Italia erstmals die Wahlen, und regierte seitdem dreimal das Land.

"Unstillbares Liebesbedürfnis"

Seine Gegner werfen ihm vor, in Italien eine Meinungsdiktatur errichtet zu haben, in der er selbst auf allen Kanälen zu sehen ist und über dem Gesetz steht. Die Justiz führt Prozesse unter anderem wegen Amtsmissbrauchs, Förderung der Prostitution Minderjähriger und Bestechung. Er streitet alles ab, seine Anhänger feiern ihn als erfolgreichen Lebemann.

Er polarisiert, doch diejenigen, die ihn wirklich kennen, sind sich in einer Sache einig. Carlo De Benedetti, dem Berlusconi einst das Verlagshaus Mondadori entriss, sagt über seinen Intimfeind: Der Schlüssel zu Berlusconis Persönlichkeit ist ein "unstillbares Liebesbedürfnis". Und der Weggefährte Giuliano Ferrara, Herausgeber der Berlusconi-freundlichen Tageszeitung "Il Foglio" sagt: "Berlusconi ist pathologisch darauf ausgerichtet, anderen Menschen zu gefallen."

Nicht die Prozesse, nicht die Schuldenkrise Italiens, sondern seine Gefallsucht ist zu Berlusconis größtem Problem geworden. Sie hat eine harmlose Seite: In den letzten Jahren hat er sein Gesicht straffen, Haare implantieren lassen. Sein Grinsen wird immer breiter, die Gesichtszüge immer künstlicher. Jeden Morgen, sagte Berlusconi einmal selbst, betrachte er sich im Spiegel und sage sich: "Ich gefalle mir, ich gefalle mir." Denn "wer sich selbst gefällt, gefällt auch anderen".

Selbst den jungen Mädchen, die er sich zum Vergnügen in seinen Palazzo Grazioli in Rom hat kommen lassen, zeigte er laut "Corriere della Sera" zunächst Videos von sich und George W. Bush in Camp David, sowie Fotos seiner Villen. Erst dann ging es ins Schlafzimmer.

Darüber mag man schmunzeln. Doch was die Gefallsucht für das Land bedeutet, das er eigentlich regieren soll, lässt sich in den Protokollen von abgehörten Telefongesprächen erahnen. Mitgeschnitten sind Telefonate zwischen Berlusconi und dem Unternehmer Giampaolo Tarantini, der ihm Prostituierte zugeführt haben soll. Mehrere Medien in Italien haben die Protokolle veröffentlicht.

Wer diese Protokolle liest, staunt nicht nur über die Vulgarität, mit der Berlusconi über Sex, Frauen ("ich habe nur acht geschafft") und Italien ("dieses Scheißland") spricht, sondern auch darüber, wie viel Mühe er sich macht, den Menschen zu gefallen.

Berlusconi ist erpressbar

Mit Tarantini, der bis Mittwoch in Untersuchungshaft saß, spricht Berlusconi laut der Protokolle fast unterwürfig: "Ich will, dass du auch Mädchen für dich hast, sonst fühle ich mich schuldig. Bring du deine und ich bringe meine."

Bezeichnend ist auch ein Gespräch, in dem Berlusconi laut Protokoll ein Flugzeug extra in Rom landen lässt, damit Tarantini und zwei Frauen zusteigen können. Einer Tänzerin aus der Dominikanischen Republik sagt Berlusconi in einem anderen Gespräch über seine Terminflut, die ein Treffen schwierig macht: "Weißt du, Marysthell, in meiner Freizeit gebe ich den Regierungschef."

Selbst Berlusconis politische Freunde haben erkannt: Berlusconi ist ein Getriebener und nicht mehr frei in seinen Entscheidungen. Sein Verbündeter Gianni Alemanno, Bürgermeister in Rom, sagte kürzlich: Um Berlusconi habe sich "ein magischer Zirkel gebildet", der ihn beeinflusse. Er ist erpressbar, getrieben von seinen Leidenschaften für Frauen und Zuneigung, ein Opfer seines eigenen Systems der Begünstigungen und Korruption.

Für das Regieren bleibt keine Zeit

Kein Wunder, dass Euro-Hüter, Rating-Agenturen und Banken das Vertrauen in Berlusconi verloren haben. Doch der ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er für die Krise, die Italien in den Staatsbankrott treiben könnte, schlichtweg keine Zeit hat.

Die Schulden haben sagenhafte 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht, die Wirtschaft lahmt und Berlusconi scheint es nicht zu kümmern. Es ging ihm immer um sich. Er war Entertainer auf Kreuzfahrten, Schlagersänger und Staubsaugervertreter. Doch der Narziss Berlusconi blickte immer auf sich selbst, Italien ist heute genauso nebensächlich wie die Staubsauger damals.

Ihm selbst geht es damit immer noch besser als dem Land, das er eigentlich regieren sollte. Zu seinem 75. Geburtstag braucht Italien dringender gute Wünsche als Berlusconi. Auch wenn er selbst offenbar noch einen Traum hat.

Immer wieder gibt es Gerüchte aus seinem Umfeld, dass er Staatsoberhaupt werden wolle, ein repräsentatives Amt ähnlich wie in Deutschland. Berlusconi dementierte den Plan im Sommer, doch der Quirinalspalast wäre als Alterssitz wie gemacht für Berlusconi: Die Amtszeit von sieben Jahren gäbe ihm Ruhe, sein maßgeschneidertes Immunitätsgesetz sichert nicht nur dem Regierungschef, sondern auch dem Staatspräsident Schutz vor Strafverfolgung zu. Und: Ihren Staatspräsidenten lieben die Italiener in der Regel - Berlusconi könnte sogar noch sein letztes Ziel erreichen.

Mitarbeit: Fabio Ghelli

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CharlieBrown8 29.09.2011
1. Die spinnen, die Römer...
Nichts persönlich gegen meine italienischen Freunde, aber ich bin der Überzeugung in einer Demokratie bekommt eine Wählerschaft die Regierung die sie verdient. Jeder einzelne der Eskapaden und Kommentare wäre in anderen Ländern längst Grund genug gewesen einen Regierungschef aus dem Amt zu jagen. Aber offensichtlich hat eine Mehrheit Berlusconi's Stil inclusive Medienmonopol befürwortet. Selber schuld.
richman2 29.09.2011
2. mein Held
Berlusconi ist mein Held. Er steht dafür, dass es an sich vollkommen Wuppe ist wer in einem demokratischen Theater an der Spitze einer Regierung steht. Das ist doch ähnlich wie mit den Ministern bei uns. Da wird auch kreuz und quer gewechselt. Gesundheit, Wirtschaft, Verteidigung, Innen...alles egal. Familienminister äußern sich zu ihrer Kernkompetenz, der Euro-Rettung, ein Außenminister der kein Englisch kann und und und. Kompetenz? Wozu? Und uiuiui Italien hat 120% Verschuldung? Na und? In Deutschland ging es seit Merkel von 60 auf 80% (was nicht an Merkel liegt, das wäre so oder so passiert) und es beschleunigt sich. Noch mal 8 Jahre und wir sind auch da. Der Unterschied zwischen DE und IT ist nicht die Fähigkeit der Regierung sondern die wirtschaftliche Basis und die Hörigkeit und Staatsgläubigkeit der Bevölkerung. Wenn hier jeder Bürger Dienst nach Vorschrift machen und nutzenmaximal handeln würde (Steuerhinterziehung bis der Grenznutzen gleich dem Erwartungswert der Strafe entspricht z.B.) spielt die Regierung keien Rolle. Unser Staat ruht nicht auf der Fähigkeit politischer Führer sondern auf der Vernunft der Bevölkerung. (Die ich zunehmend in Zweifel stelle, wenn ich mir die Entwicklung der letzten 30 Jahre und die heutige Jugend der Unterschicht ansehe) Wie auch immer: It's the people, stupid.
Mo2 29.09.2011
3. For ever and ever
Zitat von sysopSeine Zeit ist um,*heißt*es in Italien. Doch die*Abgesänge*auf Regierungschef Silvio Berlusconi kommen zu früh: Er wird im Amt bleiben, weil er seinen wichtigsten Kampf noch nicht gewonnen hat - und sogar neue Pläne schmiedet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,788894,00.html
Er wird immer im Amt bleiben, er wird sich clonen lassen, er wird der tausendjährige Teflon-Silvio. Tja, so ist das mit der Demokratie und dem mündigen Bürger...
audiomar 29.09.2011
4. Informationspolitik
Lieber CharlieBrown, ..schoen, wenn's so einfach waere... Ist es aber nicht. Sie haben auf der einen Seite vermutlich recht, immerhin haben etliche Italiener fuer Berlusconi gestimmt, wenn auch nie eine "Mehrheit der Italiener". Auf der anderen Seite irren sie sich jedoch. Um die Vorgaenge besser verstehen zu koennen, muesste man sich schon die Muehe machen, zumindest zwei Bereiche eingehend zu studieren: Die italienische Nachkriegsgeschichte und- das italienische Wahlsystem. Es wundert mich immer wieder, dass ein Nachrichtenmagazin wie "Der Spiegel" nicht besser recherchiert, mal einen umfassenden Artikel hierueber veroeffentlicht, und zwar aus folgendem Grund: Alle sind sich mittlerweile darueber einig, dass die Situation der italienischen Wirtschaft fuer Europa (und somit auch D) von entscheidender Wichtigkeit ist. Sollte es hier "krachen", wird wohl niemand in der Lage sein, Europa noch zu retten. Es ist mir von daher unbegreiflich, dass seitens der intelligenten, demokratischen Medien so oberflaechlich und salopp mit diesen Themen umgegangen wird. Italien ist ein einziger Sumpf aus Korruption, Mafia und, was vielleicht noch viel schlimmer ist, P2. Ja, wer hier lebt, kann nur mit Staunen feststellen, dass in anderen Laendern (D zum Beispiel) noch ernsthaft von Verschwoerungs-THEORIEN gesprochen wird- hierzulande laengst (erwiesene) Realitaet. Griechenland ist ein schlechter Witz dagegen. Wir beschweren uns darueber, dass Europa politisch nach wie vor keine Regierung hat, keine Einigung stattgefunden hat. Das ist aber meiner Meinung nach im Informationswesen genau so wenig der Fall. Ich hatte dem lieben Herrn Stefan Kaiser (SPON-Schreiber) nach einem recht unausgegorenen Artikel auch meine Hilfe in Form von staendiger Versorgung mit aktuellen Berichten aus italienischen Medien (inkl. Uebersetzung, gratis) angeboten, aber natuerlich keine Antwort erhalten. Lieber Spiegel, liebe Spiegel-Schreiberlinge, liebe deutsche Leser- Wacht endlich auf!! Nachrichten aus Italien sind genau so wichtig wie Nachrichten aus Deutschland! Es ist unfassbar, dass nach wie vor zwischen D und "Ausland" unterschieden wird: Wenn's hier kracht, ist D auch dran. EU-Nachrichten sollten den gleichen Stellenwert haben. Heiko
audiomar 29.09.2011
5. Nachtrag..
Noch etwas: Die Summen, um die es hier geht, Steuerhinterziehung, Mafia-Gelder, Drogen-Gelder, usw., sind derartig hoch, dass es schwerfaellt zu denken, dies finde nur auf nationalem Boden statt. Ich sag's nochmal, Berlusconi alleine schuldet dem italienischen Staat etwa 500 Millionen Euro Steuern, die Slot-Machine Industrie ist 2009 per Gerichtsurteil zu 90 Milliarden (jawohl, nicht Millionen) Euro Steuernachzahlung verurteilt worden. Notizen dieser Art kann man hier woechentlich nachlesen. Deshalb, nochmal: Wacht endlich auf! Lieber Spiegel, lieber Fabian Reinbold, hoert endlich auf, mit verklaertem Blick auf's "Ausland" zu schauen: hier werden unser aller Milliarden verbrannt! Ich biete Euch nochmals meine Mithilfe an, gratis, einfach aus Liebe zur Demokratie. Denn das ist doch der Punkt: Wenn Super-Angie den Deutschen erzaehlen wuerde, wie zB. hier in Italien die Dinge wirklich stehen, meint Ihr, dass noch irgendjemand, der bei Verstand ist, ihr beim Euro-Rettungsschirm zuzustimmen? Entweder Super-Angie weiss von nichts... ...oder sie haelt's fuer besser, es Euch nicht zu sagen. Entweder der Spiegel weiss von nicht... ...oder er haelt's fuer besser, es Euch nicht zu sagen. Vielleicht habe ich antiquierte Vorstellungen, aber fuer mich hat Demokratie nach wie vor mit Information und Wahrheit zu tun. Hier in Italien haben wir laengst keine Demokratie mehr. Und das liesse sich in einem etwas ausfuehrlicher recherchierten Artikel recht stichhaltig nachweisen. Aber vielleicht haltet Ihr das fuer nicht so wichtig. Viva la democrazia! Heiko
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