US-Präsidentschaftswahl Was für Bernie Sanders spricht - und was nicht

Donald Trump bekommt einen neuen alten Widersacher: Bernie Sanders setzt auf eine Neuauflage seiner Präsidentschaftskampagne von 2016. Kann das funktionieren?

Bernie Sanders (2016)
AFP

Bernie Sanders (2016)

Von , Washington


Der Mann brennt, so viel steht fest. Donald Trump sei ein pathologischer Lügner, schimpfte Bernie Sanders im lokalen Radiosender seines Heimatstaates Vermont. "Ich glaube, er ist außerdem ein Rassist, ein Sexist, er ist schwulenfeindlich, fremdenfeindlich, er macht billige Punkte, indem er auf Minderheiten herumhackt."

Sanders redete sich richtig in Rage - und gab dann im selben Interview bekannt, dass er erneut für das Präsidentenamt kandidieren wolle: "Ich trete wieder an."

Kann das funktionieren? Kann Bernie Sanders, der Überraschungskandidat der Wahl von 2016, erneut die große linke Koalition zusammenbringen, die ihn bei den Vorwahlen der Demokraten fast zum Sieg gegen Hillary Clinton trug? Wird er erneut dieses berühmte "Bernie-Momentum" erzeugen? "Feel the Bern", Teil zwei? Wäre er der richtige Kandidat, um im November 2020 Donald Trump zu besiegen?

Sanders und seine Anhänger meinen natürlich: Ja. Deshalb hat der Senator seit Monaten systematisch auf diesen Moment hingearbeitet. Er will seine bittere Niederlage gegen Clinton vergessen machen. Damals, als er sich im Sommer 2016 zunächst tagelang weigerte, anzuerkennen, dass sie die Nominierung der Demokraten gewonnen hatte - nicht er, der Außenseiter, der Liebling der Jugend und der Linken.

Video: US-Präsidentschaft - Bernie Sanders tritt noch mal an

Sanders hat klare Vorteile

Tatsächlich gibt es einige Punkte, die klar für Sanders sprechen. In dem schier unüberschaubaren Feld der potenziellen Kandidaten auf der Seite der Demokraten sticht der Altlinke - noch - hervor. Gemeinsam mit dem früheren Vizepräsidenten Joe Biden, der sich noch nicht offiziell zu seinen Plänen geäußert hat, führt Sanders in allen Umfragen zur Stimmung in der Partei. Es folgen abgeschlagen: Kamala Harris, Elizabeth Warren, Beto O'Rourke, Amy Klobuchar.

Sanders ist ein bekanntes Gesicht, er muss sich nicht erst noch ins Gespräch bringen. Die Wähler wissen, wofür er steht. Vor allem in den Staaten des Mittleren Westens und des Nordens, in Michigan, Ohio oder Wisconsin spricht er mit seiner globalisierungskritischen Agenda ähnliche Wähler an wie Trump: weiße Arbeiter, kleine Angestellte, Ältere. Dort könnte er diese Wähler von Trump zurückerobern. An den Küsten, in New York oder Kalifornien, erreicht er wiederum jüngere linke Aktivisten, Studenten. Das sind klare Vorteile.

Viele Umfrageexperten in Washington glauben, dass Sanders in den Staaten, in denen im Frühjahr 2020 die ersten Vorwahlen abgehalten werden, also in Iowa und New Hampshire, punkten könnte: Wenn er dort einen guten Start erwischt, wäre er automatisch in einer Favoritenrolle.

Gut für Sanders: Kaum ein Kandidat auf der Linken hat eine so umfassende Kartei mit E-Mail-Anschriften und Kontaktdaten von potenziellen Unterstützern wie er. Bei der letzten Wahl konnte er mit seinen Forderungen nach einem Mindestlohn von 15 Dollar und höheren Steuern für die "Reichen von der Wall Street" Zehntausende Kleinspender dazu bringen, ihn mit Geld zu unterstützen. So sammelte er den märchenhaften Betrag von hundert Millionen Dollar ein. Aus dieser Zeit kann Sanders auf ein gut organisiertes Netzwerk zurückgreifen. In Zeiten des Internetwahlkampfs kann das wichtige Punkte bringen. Vor allem könnte er so die Dollar-Summen einsammeln, die notwendig sind, um gegen die Wahlkampfmaschinerie von Trump zu bestehen.

Viele übernehmen seine Programmatik

Doch gleichzeitig sind da natürlich auch etliche Punkte, die gegen einen Erfolg von Sanders sprechen: 2016 war er im Ringen mit Hillary Clinton mit seinem linken Programm und seinem Außenseiter-Image noch ein Unikat. Heute haben die meisten Kandidaten der Demokraten Kernelemente seines Programms längst übernommen. Fast alle wollen sie höhere Steuern für Reiche, eine günstige Gesundheitsversorgung und eine Abschaffung von Studiengebühren. Sanders' Erfolg von 2016 ist in gewisser Weise so für ihn selbst zu einem Nachteil geworden: Er hat die gesamte Partei nach links gerückt, sein Alleinstellungsmerkmal ist verschwunden.

Jetzt gibt es da Kandidaten, die genauso reden wie er - aber zugleich jünger, frischer und interessanter wirken: Kamala Harris, Elizabeth Warren, Beto O'Rourke, Cory Booker. Auch sie sprechen die Jugend an, auch sie bauen mit Hilfe von Social Media an der Basis die berühmten "Grassroots"-Kampagnen auf, die ihnen Unabhängigkeit von Großspenden aus der Industrie sichern sollen. Im Gegensatz zu Sanders könnte es ihnen zudem besser gelingen, Wähler aus Minderheitengruppen anzusprechen, Afroamerikaner zum Beispiel. Etliche dieser Wähler wollten sich 2016 weder für Clinton noch für Sanders entscheiden - sie blieben schlicht zu Hause.

Auch mehrere Skandale belasten den Senior: Vor einigen Wochen schon wurden Vorwürfe der sexuellen Belästigung von Mitarbeiterinnen aus seinem alten Wahlkampfteam bekannt. Frauen sollen in seinem Team insgesamt schlecht behandelt worden sein, etwa auch bei der Bezahlung. Sanders sah sich zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen.

Wer besiegt Trump?

Und dann ist da natürlich noch Donald Trump. Kann Sanders ihn schlagen? Die Umfrageexperten der Website FiveThirtyEight meinen, dass viele Anhänger der Demokraten bei den Vorwahlen im kommenden Jahr ihre Entscheidung über den Kandidaten oder die Kandidatin gar nicht so sehr allein von Inhalten abhängig machen könnten. Viel mehr würde es um die Frage gehen, wem sie am ehesten zutrauen, den Präsidenten bei der eigentlichen Wahl zu besiegen.

Ist dies ein 77 Jahre alter weißer Mann, der zumindest äußerlich zahlreiche Ähnlichkeiten mit Trump aufweist? Oder wären die Demokraten nicht doch besser beraten, einen klaren Kontrapunkt zu Trump zu setzen, zum Beispiel mit einer jungen Frau à la Kamala Harris? Ist eine linke Programmatik überhaupt richtig? Oder müsste die Partei eher in der Mitte stehen? Mit einem Mann wie Biden zum Beispiel.

So oder so gilt: Bis zur Wahl im November 2020 ist es noch lange hin, Sanders und die anderen Kandidaten machen ihre Pläne früh öffentlich, um möglichst viel Geld einzusammeln und um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Die frühe Bekanntgabe kann aber auch ein Nachteil sein. So bleibt Trump und den Republikanern reichlich Zeit, um zu versuchen, die Gegner zu demontieren.

Sanders weiß auch schon, was Trump gegen ihn vorbringen wird. In seinem Radiointerview gab der Senator eine Vorschau auf den Wahlkampf: "Trump wird sagen: Bernie Sanders will aus den USA ein zweites Venezuela machen."



insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
claus7447 19.02.2019
1. Wäre eine zeitweise in den USA
Leider ist der Gute schon ein bisschen zu alt. Aber schauen wir mal.
Erythronium2 19.02.2019
2.
Sanders dürfte zu weit links stehen, um eine Chance zu haben, und zudem inzwischen zu alt sein. Überhaupt habe ich den Verdacht, dass ein zu weit links stehender demokratischer Präsidentschaftskandidat (oder eine entsprechende Kandidatin) Herrn Trump womöglich zu einer weiteren Amtszeit verhelfen könnte. Aber das ist natürlich alles Spekulation. Mit einem Sieg von Trump bei den letzten Präsidentschaftswahlen hatte ich ja auch nicht ernsthaft gerechnet.
RalfHenrichs 19.02.2019
3. Man solle die Intelligenz der Kandidaten nicht unterschätzen
Alle wissen, dass es ein Ausscheidungsrennen bei Vorwahlen ist. Nur die wenigsten Kandidaten kommen bis zum Ziel. Schätze daher, dass am Anfang geschaut wird, wer von den linken Dems am besten ankommt. Wenn es z.B. Warren ist, erwarte ich, dass Sanders zurückzieht und mit einer flammenden Rede seine Anhänger um Unterstützung von Warren bittet und ihr seine dann eingesammelte finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellt. Dafür ist es aber notwendig, dass er antritt und überhaupt wieder seine Anhänger mobilisiert - zuerst für ihn und dann für andere. Sollte Sanders anfangs besser abschneidet, erwarte ich von Warren, dass sie es umgekehrt genauso macht. Ähnliches bei den konservativen Dems. Ansonsten kann man eh noch nicht sehen, wer am Ende gewinnt. Oder hätte zu diesem Zeitpunkt jemand den Sieg von Obama oder Trump vorhergesehen?
räbbi 19.02.2019
4.
Sanders wäre bei Amtsantritt 79. Bei allem Respekt, aber der Gute hat seine besten Zeiten hinter sich. Klar, die linke Wählerschaft an den Küsten könnte er abräumen. Als die richtig linken. Bei der Mitte wird's schon schwierig. Republikaner überzeugen? Vorher friert die Hölle zu. Realistisch führt an Trump kein Weg vorbei. Die Wirtschaft läuft und die Demokraten sind ein zerstrittener Sauhaufen. Das wird die Deutsche Presse natürlich alles ganz anders sehen...wie bei der letzten Wahl eben auch.
thomas_schrecker 19.02.2019
5.
Das größte Argument gegen Sanders wird im Artikel nur am Rande erwähnt. Bernie Sanders ist Jahrgang 41. Wie kann jemand in dem Alter die körperliche und geistige Fitness mitbringen, die der Job erfordert?
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