US-Wahlkampf Das Phänomen Bernie

US-Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders ist der neue Held der amerikanischen Linken. Bei der Vorwahl in New York könnte sich sein politisches Schicksal entscheiden. Kann er Hillary Clinton noch schlagen?

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Von , Washington


Klar, das ist sehr beeindruckend. Bernie Sanders steht allein auf der Bühne, Washington Square Park, Downtown Manhattan. Ein alter Herr, Brille, weiße Haare, Typ zerstreuter Professor. Und vor ihm eine jubelnde Menge von jungen Leuten. 27.000 sollen es sein. Vor neun Jahren wurde an der gleichen Stelle Barack Obama von seinen Anhängern gefeiert, bald darauf wurde er Präsident. So geht Gänsehautfeeling.

Was ist da los? Wie kann es sein, dass nach Obama nun ein rüstiger 74-Jähriger der neue Hoffnungsträger der linken Jugend ist? Sie sind extra an diesem Abend gekommen, um ihn sprechen zu hören. Sie rufen "Bernie, Bernie". Es riecht nach Marihuana. Auf den Plakaten steht: "Feel the Bern", was so viel heißen soll wie: "Spüre das Feuer".

"Es geht hier nicht nur um die Wahl eines neuen Präsidenten, sondern um den Beginn einer politischen Revolution", ruft Sanders seinen Anhängern zu. "Bernie, wir lieben dich", ruft eine junge Frau zurück.

Alle reden in diesem Wahlkampf über Donald Trump. Aber das zweite echte Phänomen ist der Erfolg von Bernie Sanders. Er versammelt mit Abstand die größten Menschenmengen, in Arizona kamen 11.000, in Seattle 15.000. Stolze 28.000 Fans waren es in Portland.

Wie kein anderer Kandidat schafft er es spielend, Millionenbeträge von Kleinspendern über das Internet einzusammeln. Allein im März kamen so 42 Millionen Dollar zusammen. Der unscheinbare Hinterbanksenator aus dem kleinen Bundesstaat Vermont hat es tatsächlich geschafft, eine Massenbewegung in Gang zu setzen.

Und doch ist Sanders jetzt in New York womöglich an der entscheidenden Gabelung seines Weges angekommen. Hier kann sich am kommenden Dienstag bei der Vorwahl die Zukunft seiner Kampagne entscheiden.

Feel the Bern: Bernie Sanders for President?
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Feel the Bern: Bernie Sanders for President?

Sanders hat in den zurückliegenden Wochen sieben von acht Vorwahlen hintereinander gewonnen. Es läuft scheinbar gut für ihn, Amerikas Linke träumen davon, dass es der Außenseiter nun vielleicht doch noch schaffen könnte, Hillary Clinton die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten zu nehmen. Ein erneuter Sieg würde Sanders beflügeln - und Clintons Kampagne würde mit Sicherheit in eine schwere Krise stürzen. Seine Anhänger, die sogenannten Sandernistas, sind elektrisiert.

Die kalten, nüchternen Zahlen sprechen derzeit allerdings eher für Clinton als für Sanders. Sie führt weiter klar bei den Delegiertenstimmen. Sie hat durch Vorwahlen bisher 1305 Stimmen eingesammelt. Er 1086 Stimmen. Hinzu kommen bei ihr aber noch mehr als 460 Stimmen von Parteitagsdelegierten, die nicht an das Votum der Parteibasis gebunden sind, sondern die beim Parteitag frei entscheiden können, für wen sie stimmen. Aus dem Kreis dieser "Superdelegierten" erhält Sanders bislang nur magere 31 Stimmen. Hillary Clinton kommt so der erforderlichen Mehrheit schon sehr nahe. In New York sind weitere 247 Stimmen zu holen. Sie könnte dort Sanders endgültig abschütteln. Und alle Umfragen sehen sie in ihrem Heimatstaat mindestens zehn Prozentpunkte vor Sanders.

Sanders großes Plus ist, dass er - im Gegensatz zu Clinton - bei vielen Anhängern der Demokraten echte Leidenschaft und Begeisterung auslöst. Bei seinem Auftritt im Washington Square Park ist das deutlich zu spüren.

Er stellt dem nüchternen Stil der liberalen Realpolitikerin Clinton und dem plumpen Konservatismus eines Donald Trump oder Ted Cruz eine linke Vision eines völlig neuen, sozial gerechten Amerikas entgegen. "Wir können das Unmögliche möglich machen", ruft er. "Lasst Euch nicht einreden, dass sich der Status quo nicht verändern lässt."

Sanders in Poughkeepsie, New York
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Sanders in Poughkeepsie, New York

Sanders lädt Amerikas Linke zum Träumen ein. Sein Programm sind die gängigen linken Gassenhauer. Er fordert massive Steuererhöhungen für Reiche und Unternehmen, die Abschaffung von Studiengebühren, mehr Gerechtigkeit bei Gehältern, eine Anhebung des Mindestlohns von sieben auf 15 Dollar. Er will die großen Wall-Street-Banken zerschlagen, den Klimawandel bekämpfen, Fracking verbieten und hält globale Handelsabkommen für Teufelszeug.

Sanders größte Stärke ist zugleich auch sein größtes Problem. So sehr er etliche Wähler mit seinen Visionen begeistert, so sehr verstört er andere. Er polarisiert. Höhere Steuern und die Aussicht auf mehr staatliche Regulierung wirken auf etliche Amerikaner abschreckend. Sie ziehen Clintons kühlen Stil vor: Sie verspricht ein wenig Veränderung, etwas mehr soziale Gerechtigkeit, eine bessere Gesundheitsversorgung, aber bitte nicht zu viel. Höhere Steuern oder eine Neuverhandlung von Handelsabkommen sind bei ihr kein Thema. Frei nach dem Motto: keine Experimente.

Hinzu kommt: Clinton kann bei Frauen und Afroamerikanern eher punkten. Das ist ihre Basis. Im Eifer des Gefechts sprach Sanders Clinton unlängst die Qualifikation für das Präsidentenamt ab. Später relativierte er die Aussage zwar, aber da war es schon zu spät - unter vielen weiblichen Wählern löste er mit der harschen Attacke einen Aufschrei aus.

Sanders und seine Sandernistas kämpfen trotzdem weiter. Sie glauben fest daran, dass sie noch siegen können. Ihr Szenario geht jetzt so: Falls Sanders in New York oder auch Ende April in Pennsylvania gewinnt, würden die Superdelegierten, die jetzt noch Hillary unterstützen, in sein Lager wechseln.

Eine ähnliche Dynamik habe es auch im Präsidentschaftsrennen 2008 gegeben, raunen Sanders Strategen. Tatsächlich wechselten damals viele Superdelegierte noch während der Primarys von Clintons Lager zu Barack Obama. Am Ende wurde der so Kandidat. Das will auch Sanders schaffen.

"Wir haben das Momentum auf unserer Seite", ruft Sanders im Washington Square Park in Manhattan. "Wir werden gewinnen. Wenn wir zusammenhalten, kann uns niemand aufhalten." Außer eben vielleicht: Hillary Clinton.

Video: Sanders und sein Versuch, in Ruhe einen Hot Dog zu essen

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Christian Thiel
Roland Nelles ist Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros sowie Mitglied der Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Roland_Nelles@spiegel.de

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jogi1709 14.04.2016
1. Wenn Sanders Kandidat wird,
wird Trump Präsident. Einen 74 jährigem " Visionär " tun sich die Amis nicht an. So bescheuert sind sie nun auch wieder nicht.
Brillalein 14.04.2016
2. FeelTheBern!
Nach Angaben des NYPD waren es 48.000 Leute am Washington Square Park. https://twitter.com/JamesFTInternet/status/720442478399266816 Und SO utopisch, wie Sander's Gegner seine Steuerpläne malen, sind die nicht. Es ist eher so die Frage, wie eigentlich ganz vernünftige Ansätze von seinen Gegnern (uA. HRC) als nicht machbare Satansideen verkaufen, wobei das Quatsch ist, weil es in anderen Ländern (europäischen) funktioniert. Es würden einfach nur die Steuersätze für die sehr gehobene Mittelklasse (moderat) und Großverdiener (stärker) angehoben.
GSYBE 14.04.2016
3. Journalismus
Sehr geehrter Herr Nelles, halten Sie dies für objektiven und seriösen Journalismus?: "Sein Programm sind die gängigen linken Gassenhauer."
Joschka 14.04.2016
4. Unabhängig
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Spiegel-Online im US-Wahlkampf immer sehr Pro-Clinton berichtet. Hier schon wieder. Der Artikel über Sanders Erfolg beginnt mit einem ernüchternden "Klar, das ist sehr beeindruckend" und endet mit "Hillary Clinton". Kein Wort darüber, dass Clintons Wahlkampf von Großspenden lebt und dass sie immer wieder in der Kritik steht käuflich zu sein.
Mister Stone 14.04.2016
5.
Der Clinton-Clan mit all den Lobbyisten wird mit Sicherheit noch einen Skandal ausgraben, um Bernie zu verhindern. Positiv punkten können Frau Clinton und ihre Geldgeber ja längst nicht mehr (mit welchen Themen wollten diese Eliten bei normalen Menschen punkten?), aber bashen können sie wie niemand sonst.
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