Verhandlungsstrategie in Konflikten "Es muss vorangehen, damit Vertrauen wächst"

Bertie Ahern hat das Karfreitagabkommen in Nordirland mit ausgehandelt. Nun vermittelt Irlands Ex-Premier in Papua-Neuguinea. Zwei sehr verschiedene Fälle - und doch führt der gleiche Weg zum Erfolg.
Von Sebastien Ash
Einwohner Bougainvilles vor einem Wahllokal für das Unabhängigkeitsreferendum: "Die wichtigste Lehre ist: Konflikte können gelöst werden"

Einwohner Bougainvilles vor einem Wahllokal für das Unabhängigkeitsreferendum: "Die wichtigste Lehre ist: Konflikte können gelöst werden"

Foto: Ness Kerton/ AFP

Zehn Jahre dauerte der Bürgerkrieg zwischen der Regierung von Papua-Neuguinea und den Unabhängigkeitskämpfern des Bougainville Archipels in Melanesien. 20.000 Menschen wurden bei den Kämpfen getötet, bis 1998 ein Friedensabkommen unterzeichnet wurde. Es versprach den Einwohnern von Bougainville mehr Autonomie und stellte ein Unabhängigkeitsreferendum in Aussicht. Bis Samstag findet nun die Volksabstimmung tatsächlich statt.

Zur Person
Foto: David Ramos/Getty Images

Bertie Ahern, geboren 1951, ist ehemaliger irischer Premier. Er war Unterhändler des Karfreitagsabkommens, das den Streit zwischen Nationalisten und Unionisten in Nordirland beendete und leitet das Komitee, dass das Bougainville-Referendum   organisiert.

SPIEGEL: Was ist der melanesische Weg?

Ahern: Die Menschen in der Region versuchen, Konflikte durch Verhandlung zu lösen. Das ist ihre Tradition. In Bougainville und Papua-Neuguinea ist jeder Mann Mitglied eines Clans. Die erste Anlaufstelle ist der eigene Clan, wenn es einen Konflikt gibt. Der versucht, eine Lösung zu finden. Manchmal kommt es zur Gewalt, aber der normale Weg ist, jemand bezahlt dem anderen etwas, oder es gibt eine Verhandlung.

SPIEGEL: Was können wir in Europa vom Referendum in Bougainville lernen?

Ahern: Die wichtigste Lehre ist: Konflikte können gelöst werden. Sofern Leute fair behandelt werden und man lokale Traditionen berücksichtigt. Mein größter Erfolg dieses Jahr war nicht, das Referendum zu organisieren. Viel wichtiger ist, dass ich den Premierminister von Papua-Neuguinea dazu gebracht habe, im Parlament der Autonomen Bougainville Regierung (ABG) eine Rede zu halten, und dass der Präsident der ABG umgekehrt vor dem Parlament in Papua-Neuguinea sprach. Diese Menschen haben sich vorher einfach nicht ausgetauscht, also wir haben sie dazu gebracht, miteinander zu reden und einen Dialog auf der obersten Ebene zu führen. Das hat die Stimmung wirklich verbessert.

John Momis (l.), Präsident der Autonomen Region Bougainville, schüttelt dem Abgeordneten William Nakin die Hand

John Momis (l.), Präsident der Autonomen Region Bougainville, schüttelt dem Abgeordneten William Nakin die Hand

Foto: Post Courier/ dpa

SPIEGEL: Könnte das gleiche Prinzip an anderen Stellen angewendet werden?

Ahern: Was ich immer sage, wenn ich über meine Erfahrung mit Nordirland rede: jede Situation ist einzigartig. Jeder Konflikt hat seinen eigenen Ursprung, seine eigene Geschichte. Aber es gibt allgemeine Regeln. Menschen dazu bringen, miteinander zu reden, einen Raum schaffen, in dem ein Dialog stattfinden kann, wo alles auf den Tisch kommt, beispielsweise die Auswirkungen von Gewalt und Gesetz oder Haftstrafen. Friedensprozesse müssen sich immer vorwärts bewegen, da sie scheitern, wenn sie sie zu lange dauern. So war das auch in Nordirland. Es muss voran gehen, damit Vertrauen wächst. Sonst entsteht ein Vakuum. Und wo es ein Vakuum gibt, gibt es schnell Gewalt. SPIEGEL: Wann ist Unabhängigkeit die richtige Lösung?

Ahern: Egal wie die endgültige Lösung aussieht, es muss eine Verhandlung geben. Die Unabhängigkeit muss tragfähig und nachhaltig sein. Kann sich der neue Staat finanzieren? Oder kann die Autonomie verbessert werden? Wir sollten nicht automatisch davon ausgehen, dass ein Referendum zwangsläufig zur Unabhängigkeit führt. Es gibt in Papua-Neuguinea die Sorge, dass das Land zerbricht, wenn sich ein Teil abspaltet. Wir müssen eine Lösung finden, die für alle annehmbar ist.

SPIEGEL: Es gibt 193 Mitgliedstaaten der Uno. Noch mehr haben Beobachterstatus. Warum braucht es einen weiteren Staat?

Ahern: Zusammenarbeiten in internationale Organisationen ist ein weitaus besserer Weg, um Konflikte zu lösen. Ich würde nicht nach zusätzlichen Staaten streben.