Vergeltung nach Raketenbeschuss Türkei setzt Angriffe auf Syrien fort

Der Konflikt zwischen Ankara und Damaskus eskaliert: Nach dem Raketenbeschuss aus Syrien mit fünf toten Zivilisten setzt die Türkei ihre Vergeltungsschläge fort - mehrere syrische Soldaten sollen getötet worden sein. International wächst die Furcht vor einem Flächenbrand.
Vergeltung nach Raketenbeschuss: Türkei setzt Angriffe auf Syrien fort

Vergeltung nach Raketenbeschuss: Türkei setzt Angriffe auf Syrien fort

Foto: ANADOLU AGENCY/ REUTERS

Damaskus/Istanbul - Das türkische Militär hat seine Luftschläge auf syrisches Gebiet am frühen Donnerstagmorgen fortgeführt. Die Angriffe zielen auf die Region um die Stadt Tall al-Abuad, 10 Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze entfernt, meldet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf türkische Sicherheitskreise. Von dort aus sollen am Mittwoch die syrischen Granaten abgefeuert worden sein, die in der Türkei fünf Zivilisten töteten. Auch staatliche Medien berichteten, dass die Artillerieangriffe wieder aufgenommen wurden.

Nach Berichten aus türkischen Sicherheitskreisen und von der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind bei den Vergeltungsschlägen der Türkei bereits mehrere Soldaten der syrischen Armee von Diktator Baschar al-Assad getötet worden.

Am Mittwochabend hatte die Türkei nur wenige Stunden nach dem Granatenangriff erstmals Ziele im Bürgerkriegsland Syrien beschossen. Der Einsatz sei eine Reaktion auf eine Attacke von Regierungstruppen, teilte das Büro des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit.

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Türkei: Vergeltungsschlag an der Grenze

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In dem Ort Akcakale unmittelbar an der Grenze zu Syrien waren zuvor nach türkischen Angaben mindestens drei aus Syrien abgefeuerte Granaten eingeschlagen, von denen eine vier Kinder und deren Mutter tötete. 13 weitere Menschen wurden verletzt, darunter mehrere Polizisten. Fernsehsender zeigten Dorfbewohner, die in Panik über die Straßen rannten oder Deckung suchten. Man habe die Angreifer mit Hilfe von Radargeräten identifiziert, teilte die Regierung in Ankara mit. Es gibt bislang keinen Beweis dafür, dass die Raketen von der syrischen Armee abgefeuert wurden.

Parlament soll Gesetz zur Intervention in Syrien beschließen

Die Türkei hat wegen des Beschusses den Uno-Sicherheitsrat zum Handeln aufgefordert. Die Attacke sei ein Verstoß gegen das internationale Recht und ein Angriff auf den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit. Der Uno-Sicherheitsrat möge die notwendigen Schritte unternehmen, um die aggressive Haltung Syriens zu beenden, verlangte Ankara.

Die türkische Regierung will einen gesetzlichen Rahmen für Angriffe auf Syrien schaffen: Das Parlament soll deshalb an diesem Donnerstag bei einer außerordentlichen Sitzung über einen Gesetzentwurf beraten, der eine Intervention in Syrien möglich machen soll. Nach türkischen Medienangaben soll der Text in ein bereits bestehendes Gesetz aufgenommen werden, das "Operationen außerhalb der türkischen Grenzen" möglich macht. Ein solches Gesetz autorisiert beispielsweise Militäraktionen der türkischen Armee im Nordirak bei der Jagd auf kurdische Extremisten.

International sorgte der Beschuss aus Syrien für Empörung und Beunruhigung. Die Nato nannte den syrischen Angriff nach einer eilig einberufenen Sondersitzung der ständigen Nato-Botschafter einen Bruch internationalen Rechts und eine Sicherheitsbedrohung für den Verbündeten Türkei. "Wie schon am 26. Juni festgestellt, beobachtet die Allianz die Situation in Syrien sehr genau", teilte das Bündnis in Brüssel mit. Damals hatte es bereits nach dem Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs Beratungen nach Artikel vier des Nato-Vertrags gegeben. Diese Konsultationen kann ein Verbündeter beantragen, wenn er seine Sicherheit als bedroht ansieht.

Die USA sagten der Türkei ihre Unterstützung zu. "Wir stehen zu unserem türkischen Verbündeten", sagte der nationale Sicherheitsberater Tommy Vietor nach Angaben des Weißen Hauses. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte, dieser neue Zwischenfall zwischen der Türkei und Syrien sei "sehr, sehr gefährlich".

Damaskus kündigt Untersuchung des Vorfalls an

Mit einem Einsatz der Nato rechnen die USA allerdings nicht. Angesichts des geringen Ausmaßes des Beschusses zwischen den beiden Staaten wäre die Ausrufung des Bündnisfalls nicht angemessen, hieß es am Mittwochabend aus US-Regierungskreisen. Sollte die Gewalt aber eskalieren, dann könnte die Einschätzung demnach in Zukunft allerdings auch anders ausfallen.

Bei einem Telefongespräch mit dem türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu nannte Bundesaußenminister Guido Westerwelle "die erneute Verletzung der territorialen Integrität der Türkei aus Syrien" einen schwerwiegenden Vorgang. Zugleich bat er seinen türkischen Kollegen, "bei aller verständlicher Empörung mit Besonnenheit und mit dem Blick für die außerordentlich gefährliche Lage in der ganzen Region zu handeln".

"Jetzt geht es um Deeskalation", sagte Westerwelle am Donnerstag in Berlin. Er äußerte die Sorge, dass der Grenzkonflikt zu einem "Flächenbrand" in der ganzen Region führen könne. Daher habe er die Türkei zur Besonnenheit aufgerufen. Zugleich stellte der Außenminister klar, Deutschland stehe an der Seite des Nato-Partners Türkei. Die Frage, ob der Konflikt mit Syrien zu einem Bündnisfall der Nato werden könne, wollte Westerwelle nicht beantworten.

Auch Damaskus reagierte auf den Vorfall: Der syrische Informationsminister Omran al-Subi kündigte eine Untersuchung des Angriffs an. Zudem drückte er im Namen der Regierung den Angehörigen und dem türkischen Volk sein Beileid aus, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Sana.

Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkriegs im Nachbarland mehr als 93.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die Forderung Ankaras, eine Schutzzone für Vertriebene auf der syrischen Seite der Grenze einzurichten, hat international keine ausreichende Unterstützung erhalten. Die türkische Regierung sympathisiert mit den Assad-Gegnern.

anr/dpa/dapd/AFP/Reuters
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