Beslan Bilanz des Grauens

Der Einsatz gegen die Terroristen ist von den russischen Behörden offiziell beendet worden. Verzweifelte Menschen sind über das Schicksal ihrer Angehörigen noch immer im Unklaren. Die Zahl der Opfer steigt und steigt - inzwischen rechnet man mit über 320 Toten und mehreren hundert Verletzten.


 Beslan am Samstag: Leichensammlung auf dem Schulgelände
AP

Beslan am Samstag: Leichensammlung auf dem Schulgelände

Beslan - Neben 322 Geiseln seien 26 Extremisten getötet worden, sagte der stellvertretende russische Generalstaatsanwalt Sergej Fridinski am Samstag. Unter den Toten seien 155 Kinder.

Präsident Wladimir Putin hatte zuvor die Schließung der Grenzen der Republik Nordossetien angeordnet, um die Suche nach geflohenen Kidnappern zu erleichtern.

Alle 26 an dem Überfall auf die Schule beteiligten Extremisten seien getötet worden, sagte Fridinski. Der regionale Chef des Geheimdienstes FSB, Waleri Andrejew, sprach dagegen von mehr als 30 Angreifern. Drei wurden Fernsehberichten zufolge gefangen genommen. Drei oder vier weitere seien nach der Stürmung des Gebäudes geflohen, berichteten Medien. Radio Echo Moskau meldete, eine mutmaßliche Geiselnehmerin sei vor einem Krankenhaus aufgegriffen worden. Von den getöteten Geiselnehmern stammten nach Angaben Andrejews zehn aus arabischen Staaten. Mehr als 540 Menschen wurden nach dem Sturmangriff der Sicherheitskräfte im Krankenhaus behandelt, darunter 336 Kinder, wie Ärzte berichteten. Vor dem Krankenhaus warteten zahlreiche Angehörige verzweifelt auf Nachricht von Vermissten.

Chaotische Lage

Viele Familien hatten schon Nachricht vom Tod ihrer Angehörigen erhalten. Unverletzt gebliebene Geiseln versuchten sich zu Hause von den Strapazen zu erholen. Im Unfallkrankenhaus im nahe gelegenen Wladikawkas, der Hauptstadt Nord-Ossetiens, drängten sich die Menschen vor der Intensivstation. Drinnen operierten Ärzte ununterbrochen.

"Wir behandeln vor allem Schuss- und Brandverletzungen", sagt Chefarzt Kasbek Gussow. Medikamente und Blutkonserven gebe es genug. Doch auch der Arzt ist verzweifelt. "Wer seine Hand gegen Kinder erhebt, ist doch kein Mensch, sondern ein Monstrum", sagt er.

Zynische Bewertung

Am Kulturhaus von Beslan, der Nachrichtenbörse der vergangenen Tage, versammelten sich am Samstagmittag erneut die Familien. Viele haben die ganze Nacht alle Krankenhäuser der Region abgesucht. Einige Frauen schreien ihre Verzweiflung über die Geiselnahme und das blutige Ende heraus. "Wie konntet ihr das zulassen?", rufen sie.

Der eigentlich angekündigte Vertreter der Staatsmacht, der nordossetische Präsident Alexander Dsasochow, ließ sich vor der erregten Menge nicht blicken. Stattdessen sprach der Geheimdienstchef der Teilrepublik, Waleri Andrejew, von einer "erfolgreichen Operation" zur Vernichtung der Terroristen. Er beklagte die Verluste bei den Eingreiftruppen. Zu den Hunderten getöteten und verletzten Geiseln sagte er kein Wort.

Putin bricht sein Schweigen

Die Geiselnehmer hatten am Mittwoch, am ersten Schultag, hunderte Kinder und Erwachsene in ihre Gewalt gebracht, um die Freilassung tschetschenischer Kämpfer zu erpressen.

"Ich habe angeordnet, dass Beslan abgeriegelt, die Grenzen Nord-Ossetiens geschlossen und Kontrollen durchgeführt werden, um alle zu finden, die in Verbindung mit dem Terrorakt stehen", sagte Putin im russischen Fernsehen bei einem dreistündigen Besuch in Beslan, nachdem am Freitag von ihm keine Stellungnahme kam.

Besuch im Krankenhaus

 Russischer Präsident Putin: Harte Linie
AP / NTV

Russischer Präsident Putin: Harte Linie

Der Präsident traf in einem Krankenhaus Opfer der Geiselnahme. "Ein von den Terroristen verfolgtes Ziel ist es, Hass unter den Volksgruppen zu säen und unseren gesamten Nordkaukasus in die Luft zu sprengen", sagte Putin. "Jeder, der Sympathien für solche Provokationen hegt, wird als Komplize von Terroristen und des Terrorismus' betrachtet werden."

Nord-Ossetien ist die einzige überwiegend christlich-orthodoxe Republik im sonst weitgehend moslemischen Nordkaukasus und grenzt an Tschetschenien. Zudem dient Nord-Ossetien der russischen Regierung als Machtbasis in ihrem Kampf gegen separatistische Rebellen in Tschetschenien.

Widersprüchliche Zahlen

Über die Zahl der Verletzten gibt es nach wie vor widersprüchliche Angaben. Die Regierung un Nord-Ossetiens teilte mit, 531 Menschen würden im Krankenhaus behandelt, 92 von ihnen befänden sich in einem kritischen Zustand. Am frühen Samstagmorgen traf eines von zwei Versorgungsflugzeugen mit Ärzten und Medikamenten an Bord in Beslan ein. Nach Angaben von Ärzten erlitten die meisten Opfer Schussverletzungen und Verbrennungen. "Es war sehr schwierig in den ersten zehn bis 15 Minuten, als hunderte Menschen in Privatautos hergebracht wurden", sagte ein Notarzt. Kurz nach dem Explosionen am Freitagvormittag, die dann offenbar eine nicht vorbereitete und wohl auch nicht zu diesem Zeitpunkt beabsichtigte Geiselbefreiung auslöste, waren verängstigte Kinder schreiend aus der Turnhale, in der die Geiseln festgehalten worden waren, gerannt. Wegen der Hitze in der Halle trugen viele nur Unterwäsche.

Unklar blieb zunächst weiter, wie viele Menschen sich während der Geiselnahme in der Schule aufhielten. Ein Berater des russischen Präsidenten hatte die Zahl am Freitag auf 1.200 beziffert.

Augenzeugen berichten

 Beslan: Chaotische Lage nach den Bombenexplosionen
REUTERS

Beslan: Chaotische Lage nach den Bombenexplosionen

"Bomben hingen überall in der Turnhalle", berichtete ein Mädchen im staatlichen Fernsehen nach dem Ende der Geiselnahme. "Bei einer löste sich das Band, und sie explodierte."

"Es gab zwei schwere Explosionen", sagte eine Frau. "Wir haben die Kinder aus den Fenstern gestoßen. ... Jeder, der dort war, hat sie hinausgedrängt."

Geiselbefreiungsplan nicht vorgesehen?

Dem Inlandsgeheimdienst FSB zufolge mussten die Soldaten gewaltsam eingreifen, nachdem die Geiselnehmer auf fliehende Kinder geschossen hätten. Eine Militäraktion sei nicht geplant gewesen, versicherte FSB-Regionalchef Waleri Andrejew.

Unter den getöteten Geiselnehmern seien zehn Araber. In Regierungskreisen hieß es, möglicherweise gebe es eine finanzielle Verbindung der Geiselnehmer zur moslemischen Extremisten-Organisation al-Qaida. Am späten Freitagabend erklärte das russische Militär der Nachrichtenagentur Interfax zufolge die Operation für beendet. Die Sicherheitskräfte hätten 27 Geiselnehmer getötet. Drei Rebellen seien lebend gefasst worden.

Forderungen der Geiselnehmer

Der Präsident Nord-Ossetiens, Alexander Dsasochow, sagte, die Geiselnehmer hätten die Unabhängigkeit Tschetscheniens von Russland gefordert. In den vergangenen Wochen hatte es im Vorfeld der Präsidentenwahl in Tschetschenien mehrfach Anschläge gegeben, die mit Separatisten in Verbindung gebracht wurden.

 Verletzte in Beslan: Fast 600 Opfer in Krankenhäusern
DPA

Verletzte in Beslan: Fast 600 Opfer in Krankenhäusern

Putin, der im März mit großer Mehrheit als Präsident wiedergewählt wurde, betreibt eine unnachgiebige Politik gegenüber tschetschenischen Separatisten und hat Verhandlungen selbst mit gemäßigten Tschetschenen ausgeschlossen, die die Geiselnahme verurteilt haben.



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