Besorgnis in Syrien "Wir müssen uns auf das Schlimmste einstellen"

Die neuen Drohungen aus den USA haben in Syrien Besorgnis und Erstaunen ausgelöst. Die Vorwürfe gleichen den Anschuldigungen gegen das Saddam-Regime, die arabische Presse fühlt sich an das Vorspiel des Irak-Krieges erinnert. Wegen des amerikanischen Drucks auf Syrien ist im Nachbarland Libanon Premierminister Rafik al-Hariri zurückgetreten.

Al Sailija Camp/Damaskus - Angesichts des wachsenden Drucks der USA auf den irakischen Nachbarn Syrien hat sich in der Hauptstadt Damaskus so etwas wie Trotz aber auch Skepsis breit gemacht. Demonstrationen sind an der Tagesordnung. Wie viele andere geht auch die 24-jährige Rim auf die Straße, jedesmal hat sie das rote Tuch mit Hammer und Sichel dabei. Auch ihr Bruder Ali hat sich das kommunistische Symbol um den Oberarm gebunden. Wochenlang hatten die Geschwister mit ihren Freunden gegen die "US-Aggression" im Irak demonstriert. Nach dem Sturz Saddam Husseins marschieren sie weiter - nunmehr aus Sorge um ihr eigenes Land.

Unterdessen haben mehrere Golf-Staaten - enge Verbündete der USA im Irak-Krieg - die Anschuldigungen Washingtons gegen Damaskus zurückgewiesen, Syrien besitze Massenvernichtungswaffen und gewähre Mitgliedern der irakischen Führungselite Unterschlupf. "Die Bedrohung Syriens muss aufhören. Wir lehnen jede Bedrohung der Sicherheit Syriens ab", sagte der Außenminister von Katar, Scheich Hamad bin Jassim al-Thani. Auch der Golf Kooperations-Rat (GCC) meldete sich zu Wort und verlangte den Rückzug der alliierten Truppen aus dem Irak. "So bald wie möglich" müsse die Kontrolle über das Land dem irakischen Volk zurückgegeben werden, hieß es beim GCC, dem Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrein, Katar, Kuwait und Oman angehören.

Unter dem zunehmenden amerikanischen Druck auf Syrien ist im Nachbarland Libanon Premierminister Rafik a-Hariri zurückgetreten. Ein Regierungswechsel war wegen innenpolitischer Spannungen im Libanon lange erwartet worden, doch offenbar gaben die Äußerungen Washingtons und die angespannte Situation in der Region schließlich den entscheidenden Anstoß für den Regierungschef. Libanon steht unter starkem politischem und militärischem Einfluß Syriens.

Die Kommentare in den syrischen Zeitungen zeugen von Ungläubigkeit gegenüber den amerikanischen Anschuldigungen. "Es ist schwer zu glauben, dass die Bush-Regierung ihre Anschuldigungen und Behauptungen ernst meint, sollten sie ernst gemeint sein, dann muss man sich wohl auf das Schlimmste einstellen", schrieb die staatliche Zeitung "Syria Times".

Die zu einem saudischen Verlagshaus gehörende überregionale arabische Zeitung "al-Hayat" verglich die US-Anschuldigungen gegen Syrien unterdessen mit den Vorwürfen, die Washington nach dem Sturz der Taliban in Afghanistan gegen das Regime von Saddam Hussein vorgebracht hatte. Auch damals habe Präsident George W. Bush "tausend verschiedene Gründe" präsentiert, um den Irak anzugreifen.

Die US-Administration hat der Regierung von Präsident Baschar al-Assad vorgeworfen, sie entwickle Chemiewaffen, unterstütze Terrorgruppen und gewähre Führungsmitgliedern des gestürzten irakischen Regimes Zuflucht. So soll sich nach jüngsten Angaben aus US-Regierungskreisen der irakische Ex-Geheimdienstchef, Faruk Hidschasi, in Syrien aufhalten. Hidschasi sei Mitte der neunziger Jahre Leiter der Auslandsaufklärung des irakischen Geheimdienstes gewesen, der angeblich das gescheiterte Attentat auf den früheren US-Präsidenten George Bush in Kuwait geplant hatte.

Der britische Außenminister Jack Straw forderte das Land jetzt auf, die Vorwürfe der USA zu widerlegen. Mit Blick auf die Einstufung Syriens als "Schurkenstaat" sagte Straw in Katar, Syrien habe die Gelegenheit zu beweisen, dass diese Kategorie nicht zutreffe. Er selbst verwandte diese Bezeichnung während einer Pressekonferenz im Central Command der US-geführten Truppen nicht. Syrien solle die neue Realität in der Golf-Region anerkennen, sagte Straw. Die Führung in Damaskus müsse einige wichtige Fragen beantworten, darunter die nach dem Besitz chemischer Waffen.

Die USA haben Syrien vorgeworfen, chemische Waffen zu besitzen und Terroristen zu unterstützen. Zudem hatten sie in den vergangenen Tagen die Führung in Damaskus davor gewarnt, Mitgliedern der gestürzten irakischen Regierung Unterschlupf zu gewähren. Syrien hatte die Vorwürfe der USA zurückgewiesen. Die USA hatten am Montag mitgeteilt, gegen Syrien diplomatische und wirtschaftliche Schritte zu erwägen.

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon forderte die US-Regierung indes auf, nach dem Krieg gegen den Irak massiven Druck auf Syrien auszuüben. In einem Interview mit der Tageszeitung "Jediot Achronot" sagte Scharon, das heiße "nicht unbedingt, dass (die USA) Krieg führen müssen, aber heftigen diplomatischen und wirtschaftlichen Druck". Israel wisse, dass Syrien führenden Vertretern des Saddam-Regimes Asyl gewähre und der Irak vor dem Krieg militärisches Gerät ins Nachbarland Syrien geschafft habe.

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