Touristen in Südkorea Grenzerfahrung mit Halsbonbon

Kriegsgepolter macht offenbar attraktiv - zumindest strömen derzeit noch mehr abenteuerlustige Touristen zur Grenze nach Nordkorea. Von dem sonderbaren Boom profitieren vor allem die Reiseleiter.

SPIEGEL ONLINE

Aus Panmunjom berichtet Heike Sonnberger


In Jogginganzügen sind Richard und Betty Podol an die Grenze zum Feindesland gekommen. Vor den Rentnern aus Washington stehen südkoreanische und amerikanische Soldaten reglos wie Wachspuppen. Die blauen Baracken in Panmunjom, durch die die militärische Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea läuft, leuchten dahinter im Sonnenlicht. "Es ist so friedlich hier", sagt Richard Podol, 84, und blinzelt verträumt.

Vor 60 Jahren, als er die Truppen an der Front mit Nahrungsmitteln versorgte, konnte der Kriegsveteran Podol auf seinem Stützpunkt in Seoul das Artilleriefeuer hören. Heute ist nur die Stimme der Reiseleiterin zu vernehmen. "Zwei Reihen, bitte, zwei Reihen. Fotos nur nach vorne, nicht vom Gebäude hinter uns!" 30 internationale Touristen laufen im Gänsemarsch in die Baracke, in der vor 60 Jahren das Ende des Korea-Kriegs verhandelt wurde.

Zehn Minuten zum Knipsen und Gucken. "Wir müssen wieder gehen, wir müssen wieder gehen", mahnt die Reiseführerin schrill. Schließlich wartet auf der anderen Seite, wo die nordkoreanischen Soldaten stehen, auch eine internationale Touristengruppe. Und wer wann in die blaue Baracke darf, ist ein durchdekliniertes Ritual. Es funktioniert gut wie eh und je, obwohl Nordkoreas Diktator Kim Jong Un den USA mit einem Atomschlag droht und den Industriepark in Kaesong, das letzte gemeinsame Projekt mit Südkorea, geschlossen hat.

Beide Seiten profitieren vom Touristenspektakel

Noch bevor der Reisebus um die Ecke gebogen ist, räumen die Soldaten vor der Baracke ihre Posten. Sie machen Platz für ihre nordkoreanischen Kollegen, die ihren Besuchern in diesem historischen Ort ihr eigenes Theaterstück vorführen.

Umgerechnet 80 Euro kostet die Tour aus dem Süden an die "gefährlichste Grenze der Welt". In Zeiten großer Spannungen zieht sie besonders viele abenteuerlustige Touristen an. Wie gut, dass die Baracken erst kürzlich frisch gestrichen wurden.

Der Bus, in dem auch Leland Sakai, 63, sitzt, ist fast bis auf den letzten Sitz ausgebucht. "Meine Freunde in den USA haben gesagt, ich sei wohl verrückt und solle bloß den Kopf einziehen", sagt der pensionierte Lehrer aus Colorado. Dabei sei es doch gerade jetzt spannend, hierher zu fahren. "Ich habe den größten Teil meines Lebens sowieso schon hinter mir", scherzt er. Ein Netz aus Lachfalten zieht sich über sein braungebranntes Gesicht.

Es sieht nicht so aus, als hätte Sakai heute etwas zu befürchten. "Hier ist alles wie immer, Madam", sagt US-Soldat Cody, 27 - gutaussehend, perfekt rasiert und eloquent. Vier bis acht Touristengruppen schleusen er und die anderen fotogenen Soldaten täglich durch Panmunjom. Manchmal hört Cody in der Ferne eine Explosion. Dann ist wieder ein Hirsch oder ein Wildschwein auf eine der Minen getreten, die in der demilitarisierten Zone vergraben liegen. Aber nervös sei hier niemand, sagt der Soldat aus Oregon. Denn Kim Jong Un werde einen Krieg, der ihn zweifellos selbst die Macht kosten würde, niemals riskieren.

Auf dem Spiel steht auch die Lizenz der Reiseleiterin

Angesichts dieser beruhigenden Worte wirkt die Aufgeregtheit der hübschen Reiseleiterin Jeongwon, 35, um so skurriler. Sie ruft jedes Verbot mindestens zweimal sehr laut in ihr tragbares Mikrofon. Am Abend wird sie heiser sein. "You cannot take pictures here, you cannot take pictures!" Keine Fotos! Und natürlich darf niemand mit dem Finger in Richtung Nordkorea fuchteln.

Es geht dabei nicht nur darum, die jahrzehntealte Routine der beiden verfeindeten Koreas am 38. Breitengrad einzuhalten. Es geht auch um Jeongwons Lizenz. Alle Reiseführer würden regelmäßig vom Militärkommando an der Grenze bewertet, sagt sie - und wer seine Touristen nicht im Griff hat, verliere die Arbeitserlaubnis.

Doch an diesem Tag läuft alles glatt. Veteran Podol hat nach 60 Jahren zum ersten Mal wieder den Ort besucht, an dem er in seiner Jugend viele "lehrreiche und aufregende" Erinnerungen sammelte. Sogar in einen der nordkoreanischen Geheimtunnel hat er es hinuntergeschafft. "Er ließ sich nicht aufhalten. Aber ich hätte ihn beinahe wieder hochtragen müssen", sagt seine Frau Betty.

Und der pensionierte Lehrer Sakai fliegt mit dem Gefühl nach Hause, dass der Krieg wohl doch nicht so nah ist, wie es die US-Nachrichtensprecher erzählen. "Ich werde meinen Freunden sagen: Kommt her und schaut euch an, wie es in Asien wirklich aussieht!", sagt er und strahlt. Reiseleiterin Jeongwon lutscht derweil vorn im Bus an ihrem Halsbonbon.

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pennywise_the_clown 11.04.2013
1. nun ja...
man kann auch den Ernst der Lage fatal verkennen. Wenns knallt wird dann geschrien warum man nich gewarnt wurde
jonas4711 11.04.2013
2. Langsam fragt man sich,
ob das ganze Spektakel veranstaltet wird, ob die darniederliegende Tourismusbranche zu neuem Leben zu erwecken? Es scheint ja nicht gefährlich zu sein. Wenn ein paar doofe deutsche Touristen gekinappt werden, werden sie halt mit deutschem Steuergeld und mit viel Tamtam wieder "befreit". Wie vor Jahren eine angeblich "schwerkranke" und in Deutschland arbeitsunfähige Lehrerin samt Ehemann, die es sich nicht nehmen ließ, sich irgendwo in Südostasien von einer Rebellengruppe kidnappen zu lassen. Aus Abentuerlust könnte man ja auch in den Jemen fahren...
ex_koelner 11.04.2013
3. Na ja...
Die Touren in das Grenzgebiet werden seit Jahren angeboten, das "ganze Spektakel" hat nichts mit der aktuellen Situation oder irgendeiner Krise der Tourismusbranche zu tun. Und erst recht nicht ist diese Tour mit Reisen nach Jemen, Kolumbien oder wo sonst in den letzten Jahren Touristen gekidnappt wurden, vergleichbar. Ich habe diese Tour im letzten Jahr mitgemacht, und ehrlich gesagt: Ich hätte mir etwas mehr Abenteuer gewünscht ;-) Das läuft wie ein von vorne bis hinten durchorganisierter Grundschulausflug, bei dem zusätzlich noch 5 amerikanische oder südkoreanische Soldaten dabei sind. Wie soll denn dabei jemand gekidnappt werden? Davon abgesehen, dass es in erster Linie Südkoreaner selbst sind, die Ausflüge ins Grenzgebiet unternehmen.
fortuna0815 11.04.2013
4. mal einer Insiderfrage an jemanden, der sich wirklich auskennt
In dem Bericht steht, dass die Baracken gerade erst frisch gestrichen wurden. Das Überschreiten der Grenze zwischen Nord- und Südkorea ist an dieser Stelle bekanntlich ja nur innerhalb der Baracken möglich. Da die Baracken aber ja auch außen einheitlich gestrichen wurden, würde mich mal interessieren, wie das praktisch bewerkstelligt wurde. Der Maler muss dann ja die Grenzlinie außerhalb der Baracke überschritten haben, um die gesamte Baracke einheitlich streichen zu können. Weiß jemand, ob es Sonderfälle gibt, in denen die Grenze hier überschritten werden darf? Ich erinnere mich an einen Zwischenfall in den 80er Jahren, als ein sowjetischer Besucher, der die Grenze vom Norden aus besichtigt hatte, an dieser Stelle (natürlich illegal) in den Süden gerannt ist. Das führte zwar zu schweren diplomatischen Verstimmungen, aber ich meine, mich zu erinnern, dass er im Westen bleiben durfte. Das nur mal so als kleine Anekdote.
Korken 11.04.2013
5.
"Ich erinnere mich an einen Zwischenfall in den 80er Jahren, als ein sowjetischer Besucher, der die Grenze vom Norden aus besichtigt hatte, an dieser Stelle (natürlich illegal) in den Süden gerannt ist." Das war im Nov. 84: http://news.google.com/newspapers?nid=1499&dat=19841125&id=Mm8aAAAAIBAJ&sjid=ICoEAAAAIBAJ&pg=7076,3261427
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