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30. Oktober 2008, 19:28 Uhr

Besuch in London

Merkels Kamingespräch mit der Queen

Von Sebastian Borger, London

Ihr Vorgänger hatte nie die Ehre: Angela Merkel ist von Queen Elizabeth II. empfangen worden. Die Kanzlerin war nach London gereist, um mit Premier Brown über die Finanzkrise zu sprechen - doch verglichen mit der Audienz im Buckingham Palast blieb das Treffen seicht.

London - Den britischen Premierminister trifft Angela Merkel in diesen Krisen-Wochen häufig – an diesem Donnerstag in London, nächste Woche in Brüssel, übernächste Woche in Washington. Die beiden "können persönlich sehr gut miteinander", wie ein Vertrauter Gordon Browns versichert. Ernsthafte Konflikte gibt es derzeit nicht in den deutsch-britischen Beziehungen - gemeinsam arbeite man an einer "globalen Lösung für das globale Problem der Finanzkrise", beteuert Brown, und Merkel sekundiert: Es gebe "große Übereinstimmung". So weit, so gut.

Aber was hat die Bundeskanzlerin eigentlich mit der Queen besprochen?

Vor dem Routinebesuch zum Mittagessen in der Downing Street war die deutsche Regierungschefin Gast im Buckingham-Palast – eine protokollarisch ungewöhnliche Geste der Briten, die Merkels Vorgänger Gerhard Schröder nie gewährt wurde.

Dementsprechend geschmeichelt lächelt Merkel in den Saal. Über die Inhalte ihres Kamingesprächs mit Ihrer Britannischen Majestät könne sie natürlich nichts sagen, kokettiert die Kanzlerin. Aber soviel steht fest: "Über die Einladung habe ich mich sehr gefreut, das war eine große Ehre."

Sie habe der Königin versichert, wie sehr die Bundesrepublik Deutschland auf die Freundschaft mit London baue. "Und wir freuen uns, dass Großbritannien Mitglied der EU ist." Der Beitritt ist zwar schon 35 Jahre her, aber im Gespräch mit der 82-jährigen Monarchin, die seit 1952 auf dem Thron sitzt, ging es offenbar um die langfristige Perspektive. Dass Elizabeth II. auch ganz auf der Höhe des aktuellen Geschehens ist, konnte der deutsche Botschafter Georg Boomgaarden kürzlich bei seiner eigenen Audienz feststellen: "Sie stellte sehr präzise Fragen, wie wir Deutschen mit der Finanzkrise umgehen."

Merkel: "Jeder muss national handeln"

In jener fern zurückliegenden Zeit, als die Banken beiderseits des Kanals noch Rekordgewinne machten, hatte der deutsch-britische Dialog über die Regulierung der globalen Finanzmärkte wenig Sinn. Dass Merkel das Thema 2007 auf die Tagesordnung des G-8-Gipfels in Heiligendamm setzte, quittierten die Briten damals mit Augenrollen – schließlich hatte die City of London den Rang als wichtigster Finanzplatz der Welt nicht zuletzt dadurch erreicht, dass dort beinahe unkontrolliert mit Milliarden jongliert werden konnte. Jetzt erwähnt Brown ausdrücklich Merkels Initiativen für mehr Transparenz, und die Kanzlerin erwidert das Kompliment: Großbritannien und Deutschland seien "gemeinsam dazu bereit, für eine globale Lösung zu arbeiten".

Woraus die bestehen soll? Brown hat gerade eine Initiative vorgelegt, den Internationalen Währungsfonds (IWF) mit mehr Kapital auszustatten. Bezahlen sollen die neuen ökonomischen Riesen China und Indien, dafür aber auch in der internationalen Finanz-Architektur mehr Einfluss erhalten. Merkel macht sich Browns Gedanken zu eigen, plädiert für "größere Verantwortung für den IWF" und "Unterstützung durch Schwellenländer", ohne die entsprechenden Namen zu nennen.

Über all den Gemeinsamkeiten will Merkel aber nicht vergessen, dass "jeder national handeln muss". Das könnte eine Anspielung sein auf ihren nationalen Alleingang zum Schutz deutscher Sparkonten zu Monatsbeginn, mit dem sie sich in London nicht gerade Freunde gemacht hat. Vorbei, vergessen: An diesem Donnerstag proben Brown und Merkel den Schulterschluss – "für freien Welthandel, weil wir ohne gut laufende Weltwirtschaft gar nicht existieren können", wie die Kanzlerin erläutert. Immerhin seien mindestens 60 Prozent der deutschen Automobil-Branche, sogar 70 Prozent des Maschinenbaus vom Export abhängig.

Schulterschluss gegen Sarkozy

Überhaupt gehe es bei der Lösung der Finanzkrise darum, "die Auswirkungen auf die Wirtschaft möglichst gering zu halten". Vergnügt lächelnd lässt sich die Kanzlerin von Brown für Deutschlands Arbeitsmarktreformen loben: "Dass die Arbeitslosigkeit jetzt unter die Drei-Millionen-Zahl gefallen ist, werte ich als großen Erfolg", sagt der Schotte.

Das Einvernehmen ist mit Händen zu greifen. Die Kanzlerin und der Premierminister haben nicht nur die persönliche Herkunft als Pfarrerskinder gemeinsam. Beide gehören auch, anders als ihre Instinkt-geprägten Vorgänger Schröder und Tony Blair, eher zum Typus des technokratischen, kopfgesteuerten Politikers.

In der Krise wollen sie zusammenhalten – nicht zuletzt gegen Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy, der von der Teilverstaatlichung europäischer Schlüsselindustrien träumt. Wenn der derzeitige EU-Ratspräsident am kommenden Freitag zum Krisengipfel nach Brüssel bittet, wird sich die Tragfähigkeit der deutsch-britischen Gemeinsamkeit erweisen.

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