Besuch in Moskau Obama umschmeichelt die russische Seele

Balsam für russische Patrioten: Beim Abrüstungsgipfel im Kreml darf sich Moskau als Partner der USA auf Augenhöhe fühlen. Barack Obama folgt seinem wichtigsten Russlandberater und hofiert den jungen Präsidenten Medwedew - doch im Hintergrund zieht ein anderer die Strippen.

Von


Hamburg - Dmitrij Medwedew ist Hausherr im Kreml. Und doch ist es sein US-Kollege Barack Obama, der ihm die Bühne inmitten des goldenen Pomps aus der Zarenzeit überlässt. Der amerikanische Präsident - gewohnt, dass bei jeder seiner Reden nicht nur Amerika, sondern die Welt auf ihn blickt - nimmt sich bewusst zurück. Er spricht konzentriert, ernst, stets darauf bedacht, mit seiner Präsenz den etwas verspannten Medwedew nicht in den Schatten zu stellen.

US-Präsident Obama, Amtskollege Medwedew: "Wir tragen Verantwortung"
AP

US-Präsident Obama, Amtskollege Medwedew: "Wir tragen Verantwortung"

Während die Generalstabschefs der beiden Länder ein Kooperationsabkommen der Streitkräfte unterzeichnen, fasst Obama den russischen Staatschef vertraulich an der Schulter und raunt ihm etwas zu. Der Auftritt im Kreml soll vor allem eines demonstrieren: Hier sprechen zwei Partner auf Augenhöhe, die gleichberechtigt die Geschicke der Welt bestimmen.

Zu Beginn des Treffens in den Mittagsstunden wirkt Medwedew noch steif und befangen. Nervös verbessert er den Dolmetscher, weil ihm scheint, der habe seine Worte an Obama nicht korrekt übersetzt.

Dann aber wächst Medwedew. Er kann vor aller Welt Russlands Anspruch und Selbstverständnis Russlands untermauern, Ordnungsmacht von globaler Geltung zu sein. Er nennt den Kampf gegen die Verbreitung von Kernwaffen "eine der wichtigsten Aufgaben unserer Staaten". Es gebe Regionen, in denen Atombomben kolossale Probleme verursachen könnten. Ein klarer Fingerzeig Richtung Iran und Nordkorea. Russland werde mit seinen Partnern an Lösungen arbeiten. "Wir tragen Verantwortung", verspricht Medwedew.

Zwar konnten die beiden Staatschefs noch keine Unterschrift unter einen neuen, bindenden Abrüstungsvertrag setzen. Doch sie verfassten eine Absichtserklärung mit sehr detaillierten Zielvorgaben, die Russland und die USA bei einer nächsten Abrüstungsrunde erreichen wollen. Es dürfte schwer für beide werden, die Verhandlungen zu einem Nachfolgeabkommen für den Start-I-Vertrag nun noch scheitern zu lassen, ohne das Gesicht zu verlieren - zumal Obama verkündete, die Einigung werde noch in diesem Jahr erfolgen.

In Moskau legten beide den Rahmen dafür fest: Die Zahl der Sprengköpfe soll demnach auf 1500 bis 1675 sinken, die der Trägersysteme auf 500 bis 1100. Wenn es so käme, würde dies eine Verringerung des Nukleararsenals beider Staaten um rund ein Drittel bedeuten. Obama käme der Erfüllung seiner Vision ein gutes Stück näher - und auch Russland könnte sich im Glanz dieses Erfolges sonnen und als gleichwertiger Partner der USA fühlen.

Denn nichts schmerzt Russland dieser Tage mehr als der Verlust des Status' einer Super-, wenn nicht gar der einer Großmacht. Obama hat es verstanden, auf dieses patriotische Grundbedürfnis einer Mehrheit der Russen einzugehen. Mit seinen Avancen umschmeichelt er die russische Seele. Obwohl weiter davon überzeugt, dass die in Polen und Tschechien geplante Stationierung von Abfangraketen kaum etwas gegen das russische Nukleararsenal ausrichten kann, zeigt Obama Verständnis für die russische Position. "Präsident Medwedew hat mir gesagt, dass ihn das sehr besorgt", betont Obama - und stellt in Aussicht, gemeinsam mit Russland nach einer Lösung zu suchen. Auch wenn eine Übereinkunft Zeit brauchen werde. Medwedew wiederum jubelte, die USA folgten nun der russischen Auffassung, wonach auch defensive Waffensysteme bei der Austarierung eines internationalen Gleichgewichts berücksichtigt werden müssten.

Am Ende des ersten Tages von Obamas Visite zeigt sich, wie sehr die US-Seite bemüht ist, den jungen russischen Präsidenten zu stärken. Obama war voll des Lobes für Medwedew, dieser sei "professionell" und "geradeaus". Den ehemaligen Präsidenten und heutigen Premierminister Wladimir Putin hatte Obama dagegen abgewatscht: Putin stehe wohl noch mit einem Bein in der Vergangenheit des Kalten Krieges.

Überraschend ist Obamas Kurs allerdings nicht. Maßgeblichen Einfluss auf seine Russlandstrategie hat sein Berater Michael McFaul, renommierter Russland- und Eurasienexperte der Universität Stanford und ein scharfzüngiger Kritiker von Putin. In einem Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte McFaul im März 2008, er halte die Stabilisierung Russlands durch Putin für einen Mythos: " Putin hat sich schlicht eine Geschichte zurechtgelegt, dass die Demokratie in den neunziger Jahren schlecht für das Land war und sein Regime besser." Medwedew hingegen sei die beste Alternative.

Dieser Ansicht ist offenbar auch Obama. Bei der Pressekonferenz mit Medwedew sagte er, er werde sich zwar am Dienstag zu einem Frühstück mit Putin treffen. "Nach meinem Verständnis ist Präsident Medwedew der Präsident und Premierminister Putin der Premierminister", sagte Obama. Beide teilten die Macht in Übereinstimmung mit der russischen Verfassung und zwar "ebenso, wie wir Macht in den Vereinigten Staaten aufteilen."

Das dürfte mehr frommer Wunsch denn realistische Einschätzung sein. In Russland glaubt das jedenfalls kaum jemand. Bei einer Umfrage das Levada-Zentrums waren gerade einmal zwölf Prozent der Befragten der Meinung, Medwedew habe die reale Macht in Russland.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.