Betancourt-Befreiung Triumph des Unbeirrbaren

Ingrid Betancourt schließt ihre Kinder nach sechs Jahren endlich wieder in die Arme, die Nation atmet auf: Die spektakuläre Befreiung der berühmten Geisel ist ein Triumph für Kolumbiens Hardliner-Präsident Uribe. Die Farc-Guerilla kommt unter Druck - aber auch Venezuelas Staatschef Chávez.
Von Tobias Käufer

Bogotá - "Das Paradies, das Nirwana muss so sein, wie ich im Moment empfinde." Ingrid Betancourt tut sich immer noch schwer, ihre wiedererlangte Freiheit zu begreifen, als ihre Kinder in Bogotá ankommen. Lorenzo, 19, und Mélanie, 22, sind noch in der Nacht nach der spektakulären Rettungsaktion für ihre Mutter aus Frankreich angereist, um sie wiederzusehen - und dann, nach sechs Jahren, liegen sie sich endlich wieder in den Armen, auf dem Militärflughafen der kolumbianischen Hauptstadt.

Betancourt (M.), Kinder: "Die beiden sind mein Licht"

Betancourt (M.), Kinder: "Die beiden sind mein Licht"

Foto: AFP

Betancourt bricht in Tränen aus. "Die beiden sind mein Licht, mein Mond und meine Sterne", sagt sie. Wegen des Sohns und der Tochter habe sie ihren Willen aufrechterhalten, aus "diesem Dschungel zu entkommen". Als sie die beiden das letzte Mal gesehen habe, seien sie noch Kinder gewesen.

Es ist ein Moment unermesslichen Glücks für Betancourt - und ein Moment von Erfolg und Stärke für Álvaro Uribe. "Es war oft sehr schwer, angesichts von Rückschlägen die Linie zu halten", sagt der kolumbianische Präsident, als die spektakuläre Befreiung von Betancourt geglückt ist und die trickreiche Aktion seines Militärs mit Glückwunschbotschaften aus aller Welt gefeiert wird. Ohne Blutvergießen, ohne einen einzigen Schuss haben Regierungssoldaten die berühmte Geisel nach sechs Jahren aus den Händen der Farc befreit - mit untergeschobenen E-Mails und einer dramatischen Hubschrauberaktion.

"Wir sind zu Friedensverhandlungen bereit"

In der Stunde seines Triumphs streckt der Staatschef, der seit jeher auf Härte gegenüber der Guerilla setzte, seinen Gegnern die Hände hin: Die Farc solle nun die Waffen strecken und Friedensverhandlungen aufnehmen. "Wir sind dazu bereit." Die Hubschrauberbesatzung hätte auf die 13 Bewacher der Geiseln schießen können, sagt er - aber man habe eine Botschaft der Versöhnung übermitteln wollen.

Uribes Aussagen und die spektakuläre Befreiungsaktion zeigen, wie weit es der Präsident im einst scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die Guerilla gebracht hat. Große Teile des Landes waren bei seiner Wahl 2002 Zonen der Todesgefahr, heute sind sie friedlich - die Farc ist schwer angeschlagen und der Staatschef, der an diesem Freitag 56 wird, auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Man kann die Guerilla unterwandern und überlisten, sie verliert Zug um Zug an Boden - das hat Betancourts Befreiung endgültig gezeigt. Eine Reaktion der Farc auf die "Operation Schachmatt" gibt es noch nicht. Experten allerdings warnen vor einer drastischen Vergeltung für die erlittene Schmach, denn die geschwächte Organisation könnte sich gezwungen fühlen, Stärke zu zeigen.

Klar ist: Uribes Trümpfe der vergangenen Monate haben allesamt gestochen, die Befreiungsaktion hat den kolumbianischen Staatspräsidenten endgültig aus der Defensive gebracht. Vorausgegangen waren mehrere Angriffe auf die Farc-Führung und die öffentlichkeitswirksame Fahnenflucht einer ranghohen Guerilla-Kommandantin.

Chávez gerät unter Druck

Den Durchbruch zum Erfolg ermöglichte jedoch Ende Februar ein völkerrechtlich höchst umstrittener Militärschlag jenseits der kolumbianischen Grenze auf Ecuadors Hoheitsgebiet - bei dem die Nummer zwei der Farc, Raúl Reyes, getötet wurde. Damit wurde nicht nur die interne Kommunikation der Rebellen empfindlich gestört. Vielmehr enthielt Reyes' bei der Aktion entdeckter Computer nach kolumbianischen Angaben Hinweise darauf, das Venezuelas Staatschef Chávez enge Kontakte zu den Rebellen unterhielt, ihnen offenbar Rückzugsräume und Hilfen anbot.

Indirekt bestätigte später Interpol die Vorwürfe. Chávez freilich wies sie brüsk zurück. Doch einmal in der Welt musste er sich wegen des Verdachts fortan immer wieder von der Farc distanzieren. Vor einigen Wochen schließlich die Kehrtwende: Chávez forderte die Farc faktisch zur Aufgabe ihrer bisherigen Positionen auf und zur Freilassung aller Geiseln.

Betancourt, Uribe (nach Befreiung): Präsident auf dem Machthöhepunkt

Betancourt, Uribe (nach Befreiung): Präsident auf dem Machthöhepunkt

Foto: DPA

Chávez dürfte nun erleichtert sein, sich neu positioniert zu haben. Für ein Treffen zwischen Chávez und Uribe, das für den 11. Juli avisiert ist, dürfte es jedenfalls genug Gesprächsstoff geben.

Die vergangenen Monate haben auch die geostrategische Lage in der Region verändert, zugunsten Uribes, zu Lasten der Farc - und auch der Nachbarländer Ecuador und Venezuela. Sie hatten sich zuletzt mit Kolumbien heftige diplomatische Auseinandersetzungen wegen des Vorgehens gegen die Farc geliefert und sind nun erst recht unter Druck, jede Unterstützung für die Guerilla einzustellen.

"Demokratie in Kolumbien unterstützen und nicht die Guerilla"

Auch die befreite Geisel Betancourt nahm gleich nach ihrer Befreiung die Staatschefs Chávez und Rafael Correa in die Pflicht, "die Demokratie in Kolumbien zu unterstützen und nicht die Guerilla". Ecuador reagierte zurückhaltend auf ihre Aufforderung, die Beziehungen zu Kolumbien wieder zu normalisieren - nach dem Angriff auf Reyes hatte Ecuador die diplomatischen Beziehungen aus Protest abgebrochen. Innenminister Fernando Bustamante sagte jetzt nur, sein Land habe die "Legitimität Uribes" stets anerkannt. Betancourts Ratschlag sei "unnötig".

Auch aus Venezuela liegt bisher nur eine dünne Presseerklärung vor, in dem die Regierung die Befreiung der 15 Geiseln vom Mittwoch "bejubelt". Echte Freude über die Freilassung Betancourts drückt man anders aus. Klar ist: Mit ihrer indirekten Kritik an Ecuador und Venezuela bringt Betancourt die Linksregierungen in den Nachbarländern in Zugzwang.

Interessant wird nun für Kolumbien, wie Uribe die Situation politisch nutzt und welche Rolle Betancourt künftig spielt. Das Regierungslager will, dass der Präsident 2010 noch einmal wiedergewählt werden kann, obwohl dies die Verfassung eigentlich nicht erlaubt - die Befreiung kommt da nun zupass.

Zugleich könnte sich Betancourt zur Rivalin des Präsidenten entwickeln. Kaum in Freiheit, bastelt sie schon an einer Rolle als oberste moralische Instanz Kolumbiens. Außer ihren Ermahnungen an die beiden Nachbarländer kündigte sie an, sich künftig für Entführungsopfer weltweit einsetzen zu wollen. Sie will eine "Liga von Ländern" gründen, die sich um die Befreiung von Geiseln kümmern soll.

Sie spüre, das Ende der Entführungen in Kolumbien sei gekommen, sagte sie - Menschenrechtsorganisationen zufolge sind derzeit in dem Land noch rund 3000 Gefangene in der Hand illegaler Gruppen.

mit Material von dpa/AP

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