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Liliane Bettencourt: Die L'Oréal-Erbin und das Geld

Foto: Remy de la Mauviniere/ AP

Bettencourt-Affäre Sarkozy schlittert in Spendenskandal

Welche Rolle spielte Frankreichs Präsident im Spendenskandal um L'Oréal-Erbin Bettencourt? Laut einer Zeugin bedachten die Besitzer des Kosmetikkonzerns konservative Politiker jahrelang mit Bargeld - darunter auch Nicolas Sarkozy. Die Affäre wird zur ernsten Gefahr für den Staatschef.

Bisweilen muss in den Salons der vornehmen Villa am Pariser Stadtrand regelrecht Andrang geherrscht haben: Hinter den diskreten Mauern im Parterre fanden sich hochrangige Politiker der konservativen Parteien ein, um aus den Händen der Bettencourts prall gefüllte Umschläge mit Barem im Empfang zu nehmen. Mal 10.000, mal 20.000, aber auch 50.000 und 100.000 Euro wechselten so den Besitzer. Die milliardenschweren Unternehmer des Kosmetikkonzerns L'Oréal pflegten auf diese ganze private Weise das politische Gesicht der Fünften Republik.

Liliane Bettencourt

Nicolas Sarkozy

So jedenfalls schildert Claire T., ehemalige Buchhalterin der Erbin , die Vorgänge im Hause ihres Arbeitgebers, die der Internetdienst "Mediapart" an diesem Dienstag veröffentlichte. Sie hatte diese Angaben zuvor gegenüber der Kriminalpolizei gemacht, die Claire T. vergangenen Montag als Zeugin anhörten. Zu den glücklichen Empfängern der Bargeschenke, die im Stadtpalais des Ehepaars Bettencourt ein- und ausgingen, zählten vornehmlich Prominente der Rechten. Und zu den ständigen Gästen beim Stelldichein im Hause Bettencourt gehörte offenbar auch der damalige Bürgermeister des Nobelvorortes Neuilly-sur-Seine, , Frankreichs amtierender Präsident.

Die sensationellen Details in der Saga um die Familie Bettencourt und ihr Verhältnis zu Frankreichs politischer Führung kommen für Sarkozy zu einem denkbar ungünstigen Moment: Bislang trafen die Vorwürfe um Interessenvermischung und Steuerhinterziehung bei L'Oréal den amtierenden Arbeitsminister Eric Woerth und damit den Architekten der Rentenreform. Dessen Frau Florence stand als Vermögensverwalterin im Dienst der Bettencourts und könnte um deren illegale Schweizer Konten gewusst haben, just als Woerth, seinerzeit Budgetminister, mit lautstarkem propagandistischem Begleitaufwand Jagd auf Steuersünder machte.

Inzestuöses Verhältnis von Macht und Kapital

Der Élysée-Palast hat diese Darstellungen rundweg und mit Nachdruck dementiert. Auch Vorwürfe, dass Sarkozy Bares aus den Händen der Bettencourts erhalten habe, seien "völlig falsch", hieß es in einer prompten Stellungnahme. Dennoch ist die Regierung durch die beinahe täglich neuen Meldungen in der Affäre angezählt: Gerade noch hoffte Sarkozy, die Enthüllungen über die möglichen Verwicklungen seines Arbeitsministers und Schatzmeisters seien mit der Entlassung von zwei Staatssekretären übertüncht. Doch jetzt drohen die Einblicke in das inzestuöse Verhältnis von Kapital und Macht die Führung der Nation tief zu erschüttern. Weil jetzt auch erstmals der Präsident persönlich in den Strudel der Affäre hineingezogen wird, könnte der Skandal vom Woerth-Gate zum Sarkogate eskalieren.

"Ein richtiges Defilee", so berichtet Claire T. über das Kommen und Gehen im Hause ihres spendablen Arbeitgebers André Bettencourt. Claire T. holte das Bargeld laut eigener Aussage in einer Filiale der Bank BNP im 16. Arrondissement von Paris ab; wenn nötig, mussten die Kassen auch mit Barem aus der Schweiz nachgefüllt werden. Das besorgte meist Bettencourts Finanzberater Patrice de Maistre. Von der Großzügigkeit profitierten die Verantwortlichen der konservativen RPR - etwa Ex-Premier Édouard Balladur oder in jüngerer Vergangenheit Eric Woerth, Schatzmeister der UMP, der für die Präsidentschaftskampagne von Sarkozy satte 150.000 Euro erhalten haben soll.

"Auch Nicolas Sarkozy bekam seinen Umschlag", zitiert Mediapart die Buchhalterin. "Das geschah in der Regel nach dem Essen; jeder im Haus wusste das." Sarkozy war in den neunziger Jahren Bürgermeister von Neuilly und zählte zu den ständigen Besuchern. "Das passierte in einem kleinen Wohnzimmer im Erdgeschoss, und weil die Bettencourts schwerhörig waren, sprachen die Politiker laut, man konnte alles verstehen."

Code-Begriff für die Zuwendungen in Bar

Eine Nachprüfung dieser Darstellung durch die Justiz dürfte freilich schwierig werden. Denn auch wenn Claire T. die ausgehändigten Beträge akribisch in drei kleine Kassenbücher eintrug, wurden die Empfänger der Spenden nicht namentlich aufgeführt. Für politische Zuwendungen in Bar galt durchweg der Code-Begriff "Bettencourt", damit, so Claire T. "keine Spuren der Zuwendungen an Politiker zurückblieben."

"Sie ist sich der Schwere ihrer Anschuldigungen bewusst", sagt Edwy Plenel, Direktor von Mediapart, und erklärt die Motive für die Aussagen von Claire. T. "Sie ist bestürzt über die Vermischung von öffentlichen und privaten Interessen auf den höchsten Ebenen des Staates - bis hin zur Präsidentschaft."

Sarkozy, der angesichts der Skandale und Affären ungewöhnlich zurückhaltend reagierte und für den Herbst eine Regierungsumbildung versprochen hatte, will sich nun offenbar in einer Fernsehansprache direkt an seine Landsleute wenden. Als möglicher Termin wird der 13. Juli genannt: Am Tag, an dem die Rentenreform im Parlament beraten wird und am Vorabend des Nationalfeiertags, wenn die Nation bei Feuerwerk, Musik und Tanz der Französischen Revolution gedenkt.

Viel zu feiern hat Sarkozy dieses Jahr nicht.

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