Bhutto-Todesursache Neues Video nährt Zweifel an Regierungsversion

Benazir Bhutto wurde nicht erschossen, sondern starb an den Folgen einer Explosion - diese offizielle Regierungsdarstellung wirkt nach dem Auftauchen eines weiteren Videodokuments zunehmend unglaubwürdig. Der Film zeigt, wie die Oppositionsführerin zusammensackt, bevor die Bombe detoniert.


Karatschi/London - Für die pakistanische Regierung ist der Fall klar: Bhutto, die in ihrem Auto stehend Anhängern zuwinkte, wurde durch den Druck der Bombenexplosion gegen die Metallkante des Schiebedachs geschleudert und erlitt dadurch einen Schädelbruch, an dessen Folgen sie später starb.

Bereits in den vergangenen Tagen hatte die Opposition Zweifel an dieser These geäußert. Safdar Abbassi, einer der engsten Vertrauten und Berater Bhuttos sagte gestern, er habe die sterbende Frau in seinen Armen gehalten. Und sie sei eindeutig erschossen worden.

Ein neues Video, das dem britischen Channel 4 zugespielt wurde, untermauert die Schussverletzungs-These. In dem Film sind drei Schüsse zu hören, Sekundenbruchteile später bewegen sich Bhuttos Kopftuch und Haare nach oben, was darauf hindeutet, dass sie von Projektilen getroffen wurde. Dann sackt die Oppositionspolitikerin, deren Oberkörper aus dem Sonnendach ihres Wagens ragt, in sich zusammen. Erst danach detoniert die Bombe.

Mehrere Attentäter mit Schusswaffen

Ein weiterer, bereits veröffentlichter Film und mehrere Fotos, die pakistanische Fernsehsender verbreiten, legen nahe, dass mindestens zwei Attentäter an der Ermordung Benazir Bhuttos beteiligt waren. Auf den Fotos ist ein junger Mann zu sehen, glattrasiert, mit dunkler Sonnenbrille, bekleidet mit einem weißen Hemd und einer Anzugjacke. Er nähert sich dem Wagen, in dem Bhutto durch die Menschenmenge gefahren wird. Sie schaut aus dem Schiebedach des Autos. Der Mann richtet eine Pistole auf sie. Der Selbstmordattentäter, der sich in der Nähe von Bhuttos Wagen in die Luft sprengte, stand nach Angaben der Sicherheitskräfte an einer anderen Stelle - demnach kann er nicht der als Schütze identifizierte Mann mit der Sonnenbrille gewesen sein. Es soll auch in die Luft geschossen worden sein, damit die Menschen um Bhuttos Wagen aus Angst fliehen und so den Weg für den Selbstmordattentäter zu seinem Opfer frei machen.

Auch das erste Video, das bereits am Sonntag veröffentlicht wurde, zeigt den Ablauf des Anschlags: In der dichten, friedlichen Menschenmenge kommt das Auto nur langsam vorwärts. Bhutto scheint entspannt, sie winkt ihren Anhängern zu, lächelt. Dann fallen die Schüsse, drei Mal knallt es, die Menschen schreien, eine Explosion, ein greller Blitz - das Video bricht ab.

Witwer fordert Untersuchung

Kurz vor der gewaltigen Detonation, durch die etwa 20 Menschen starben, ist in der Menschenmenge die Hand des Schützen zu erkennen. Vor dem vorbeifahrenden weißen Auto ist die Waffe zu sehen. Der Mann trägt ein helles Hemd, die Manschette ist deutlich zu erkennen, darüber eine dunklere Jacke. Der Schütze zielt auf den Hinterkopf der Politikerin. Ein Begleiter Bhuttos, der hinten auf dem Wagen mitfährt, zuckt zusammen, als die Schüsse fallen.

Um die Todesumstände endgültig zu klären, rief Bhuttos Witwer Asif Ali Zardari gestern die Uno und Großbritannien um Hilfe an. Oppositionspolitiker fordern eine unabhängige internationale Untersuchung des Mordes an Bhutto, was die Regierung von Präsident Pervez Musharraf bisher jedoch ablehnt.

Auch an der Obduktion Bhuttos beteiligte Ärzte distanzieren sich inzwischen von der Regierungsversion und deuten an, man habe Druck auf sie ausgeübt. Athar Minallah, ein Mitglied des Verwaltungsgremiums des Krankenhauses, wo die schwer verletzte Bhutto behandelt wurde, veröffentlichte laut "New York Times" einen entsprechenden Brief.

Klarheit könnte möglicherweise eine erneute Obduktion des Leichnams schaffen. Bhuttos Ehemann sagte jedoch am Sonntagabend, er lehne eine Exhumierung seiner am vergangenen Freitag bestatteten Frau ab.

jul/hil/AP

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