Bill Clinton in Hamburg Warme Worte vom Weltpolitik-Prediger

Großer Gast, kleines Publikum: Den Auftritt von Bill Clinton in Hamburg wollten nur ein paar hundert Menschen sehen. Dabei ist der ehemalige Präsident der USA immer noch ein Erlebnis - aber offenbar nicht mehr Geld wert als ein echter Popstar.

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Hamburg - "Als Shakira hier gespielt hat, sah das ganz anders aus", sagt der Mann im blauen Kapuzenpulli zu seiner Begleiterin und zeigt in Richtung Bühne. Es sind noch wenige Momente, bevor Bill Clinton dort zu sehen sein wird. Stark berlinernd, fährt der Besucher mit dem kurzrasierten Kopf fort: "Da war das mindestens doppelt so groß hier und voll." Dann geht auch schon das Deckenlicht in der zur Hälfte geteilten Color Line Arena aus.

Clinton in Hamburg: "Ich liebe Politik - und ich liebe Politiker"
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Clinton in Hamburg: "Ich liebe Politik - und ich liebe Politiker"

Für Bill Clinton, den globalen Polit-Popstar, hat man Hamburgs größte Halle gebucht. Aber mit den echten Popstars scheint es Clinton eben doch nicht aufnehmen zu können: Während Shakira & Co. hier Tausende auf die Ränge und den Hallenboden locken, muss er an diesem Abend froh sein, dass ein paar Hundert gekommen sind. Darunter echte Fans, wie jener junge Mann mit dem "Clinton/Gore"-T-Shirt unterm Sakko, die Farben schon ziemlich verblichen. "Das habe ich damals als Kind angehabt", sagt er. Oder der IT-Manager aus Ahrensburg, der sich an den Ex-Präsidenten als "sehr eindrucksvollen Politiker" erinnert. Auch "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, im dunkelbraunen Cord-Anzug, ist im Auditorium.

Das gibt sich jedenfalls begeistert, als der 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die Bühne betritt. Sehr weißhaarig, sehr behände und sehr elegant wirkt Bill Clinton, wie er unter stehenden Ovationen die wenigen Stufen hinter sich bringt. Schlanker als früher ist er. Dass Clinton zunächst kein einziges Mal ins Publikum schaut, während er sich für den "warmen Empfang" bedankt - vielleicht Zufall. Aber spürbar ist schon, wie er zu Beginn fremdelt.

In Amerika wäre die Halle jetzt voll.

Clinton, der trotz Lewinsky-Affäre und anderer Pleiten der Darling der amerikanischen Politik blieb, ist ein Mann der Massen, ein Mann der emotionalen Nähe und des körperlichen Kontakts. Was man auf Englisch "working the crowd" nennt - also das Bad in der Menge - hat wohl kein US-Präsident seit John F. Kennedy so praktiziert wie Bill Clinton. Weil er es brauchte, dieses Gefühl des Geliebtseins.

Aber Bill Clinton ist auch Profi genug, um das sich in der Weite der Arena verlierende Hamburger Publikum nicht zu enttäuschen. Wer die Tickets nicht geschenkt bekam - und das ist der eine oder andere, wie sich beim Gespräch mit Besuchern herausstellt - hat zwischen 90 und 290 Euro für diesen Abend ausgegeben. Einige sollen sogar für 1500 Euro VIP-Karten erstanden haben. Dafür bekommen sie zunächst vom ehemaligen Uno-Chef-Waffeninspekteur Hans Blix eine Aufwärm-Analyse und dann von Clinton eine so unterhaltsame wie präzise Darstellung der globalen Problemlage. Plus einige Lösungsvorschläge.

William Jefferson Clinton, 61, ist zudem ein höflicher Gast. Zunächst lobt er Hamburg für einen "wunderschönen Sonnenuntergang über dem Wasser", und dann immer wieder Deutschland: für seine Politik, seine Großzügigkeit, seinen Erfolg. Helmut Kohl nennt er einen "guten Freund", genauso wie dessen Nachfolger Gerhard Schröder.

Aber Clinton, im grauen Anzug mit hellgrüner Krawatte, erscheint zum Anfang seines siebten Lebens-Jahrzehnts ohnehin so altersmilde, wie es andere bis ans Totenbett nicht schaffen. Trotz aller Differenzen preist er den aktuellen Präsidenten George W. Bush als Menschen, "der wirklich an das glaubt, was er tut". Irakkrieg hin oder her. Sowieso, die Politik sei viel zu sehr von persönlichen Differenzen dominiert. "Es gibt zu viele Probleme, als dass wir uns damit aufhalten dürften", sagt er und hebt den Zeigefinger.

Clinton klingt dann ein bisschen wie ein Baptisten-Prediger.

Im Südstaaten-Singsang trägt der langjährige Gouverneur von Arkansas also vor: Ungleichheit, Instabilität, fehlende Identität. An diesen Schlagworten zeigt Clinton mit eindringlichen Beispielen und Zahlen die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts auf. Die zentrale These: Je mehr die Welt sich darum kümmert, desto friedlicher wird das Zusammenleben sein. Das gilt für die Klimaerwärmung wie die mangelnde Bildung in vielen Teilen der Welt. Politischen Einfluss hat er nicht mehr - aber der Ex-Präsident versucht, mit seiner Clinton Global Initiative und einer Aids-Stiftung auf andere Weise zu helfen. "Weil ich mir sonst vorwerfen müsste, nicht alles in meiner Macht stehende zu tun", sagt er unter lautem Applaus.

"Ich liebe Politik - und ich liebe Politiker", sagt Bill Clinton zwischen den Grünpflanzen links und rechts des Rednerpults. Nun ja, und weil seine Frau Hillary nun um den Einzug ins Weiße Haus kämpfe, habe er plötzlich wieder mehr und mehr damit zu tun. Wie Clinton davon erzählt, scheint er nicht wirklich traurig darüber zu sein. "Ich werde jedenfalls tun, was sie von mir verlangt", sagt der mögliche künftige First Husband - so laufe das im Übrigen schon lange im Hause Clinton. Da lacht der Saal.

Je länger Bill Clinton spricht, desto mehr scheint er das übersichtliche Hamburger Publikum zu fühlen. Lange hält am Ende der Beifall an - und dann kommt es sogar zu einem kleinen Happy End: Am Rande der Bühne gibt er schließlich ausgiebig Autogramme und signiert Bücher, während die Männer vom Secret Service finster zuschauen. Eine Frau fällt ihm sogar um den Hals.

Da strahlt Bill Clinton.



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Der Kazzar, 08.10.2007
1. Politiker als Münzenautomaten
Es gibt keinen aktiven oder schon ruhenden Politiker in der Welt, der wert ist ein einziges Euro in sein/ihr Schlitz einzuwerfen. Dann lieber in einen Cola-Automaten. Da kommt mindestens etwas brauchbares heraus. Leere Säle könnten Politiker zurück in die Wrklichkeit bringen
fredclausen, 08.10.2007
2. ...
Zitat von Der KazzarEs gibt keinen aktiven oder schon ruhenden Politiker in der Welt, der wert ist ein einziges Euro in sein/ihr Schlitz einzuwerfen. Dann lieber in einen Cola-Automaten. Da kommt mindestens etwas brauchbares heraus. Leere Säle könnten Politiker zurück in die Wrklichkeit bringen
"Wer die Tickets nicht geschenkt bekam - und das ist der eine oder andere, wie sich beim Gespräch mit Besuchern herausstellt - hat zwischen 90 und 290 Euro für diesen Abend ausgegeben. Einige sollen sogar für 1500 Euro VIP-Karten erstanden haben." - nicht das unsere aktiven Politclowns auch noch auf die Idee kommen für Ihre Wahlkampfauftritte, etc., neben den Diäten, ein Honorar zu verlangen.
thomas noller, 08.10.2007
3. Reality Check
Schon zu seinen Amtszeiten war Clinton zumindest hierzulande der vielleicht am meisten überschätzte US-Präsident aller Zeiten. Jetzt scheinen sich sogar die Deutschen nicht mehr für ihn zu interessieren. Gut zu wissen, dass Charisma alleine dann doch nicht ausreicht. You're history, dude.
the-incubus 08.10.2007
4. Kreativ - mal wieder Genörgel über Politiker
Das ist doch wieder mal so ein typischer von-oben-herab-Spiegel-Online-Artikel. Leicht bemitleidender Ton - oh nein, Clinton füllt die Halle nicht so wie Shakira. Ja und? Traurig genug, da ich mir sicher bin, dass er eindeutig mehr zu sagen hat als sowohl Shakira als auch 90% der anderen Politiker, mit denen er (auch wieder äußerst originell) in einen Topf geworfen wird. Na wenigstens wieder ein Opfer, über das man sich ungestraft lustig machen kann, da man prima mit der allgemeinen nörgeligen Stimmung im Einklang ist.
furtherinstructions, 08.10.2007
5. Charisma ist alles
Aber Bill ist ja nicht nur der charismatischte Politiker seiner Generation, er hat auch Köpfchen und Herz. Und das fühlen die Leute. Zum Glück zieht er als First Laddy ja im Januar 2009 wieder in die Washingtoner Pennsylvania Avenue, und alles wird gut.
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