Clinton wirbt für Clinton In Liebe, Bill

Eine Liebeserklärung vor der gesamten Nation: Bill Clinton empfiehlt beim Demokraten-Parteitag seine Ehefrau für das Amt der US-Präsidentin. Ein politisch etwas merkwürdiger, aber zuweilen brillanter Auftritt.

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Aus Philadelphia berichtet


Irgendwann gegen Ende seiner Rede merkt Bill Clinton, dass dem Saal etwas Stimmung gut tun könnte. Er hat mehr als zwanzig Minuten über seine Liebe zu Hillary Clinton gesprochen, darüber, welch großartige Mutter und begabte Politikerin sie sei. Dann fragt der Ex-Präsident in den Saal: "Wie passt das alles zusammen mit dem, was ihr vergangene Woche bei den Republikanern über Hillary gehört habt?"

Gemurmel.

"Nun: Gar nicht. Die eine Hillary gibt es wirklich. Und die andere ist erfunden." Eine Karikatur. "Gut für euch: Ihr habt heute die echte nominiert!"

Der Satz wirkt wie eine kleine Befreiung für die Delegierten. Auch jene, die der Ex-Außenministerin skeptisch gegenüberstehen, gehen plötzlich aus sich heraus. Alles wird gut.

Man kann jetzt sagen: Klar, Bill Clinton halt. Muss ja reden, kann auch reden. Aber es gibt bei diesem Auftritt in Philadelphia eben auch diesen leicht surrealen Aspekt, dass da jemand für seine Ehefrau wirbt, damit sie das gleiche hohe Amt bekommt, das er schon einmal hatte. Das ist in einer Demokratie an sich schon nicht ohne. Bei den Clintons ist das besonders delikat, weil man ja erstens weiß, welche Machtmenschen sie sind und weil man zweitens noch in Erinnerung hat, wie ihre Ehe zwischenzeitlich abgelaufen ist. Sie haben sie teils sehr öffentlich geführt oder vielleicht auch führen müssen. Weißes Haus, Oval Office, Monica Lewinsky. Was für eine Geschichte.

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Parteitag der US-Demokraten: "Im Frühling 1971 traf ich ein Mädchen"

Die Geschichte von Hillary und Bill

Die Amerikaner sind Meister darin, derlei Bedenken für den Moment zu vergessen und sich ganz dem Pathos hinzugeben. Und man muss sagen, dass es Bill Clinton den Zuschauern auch nicht schwer macht. Es ist ein bemerkenswerter Auftritt. Charmant, leise, mitunter etwas schleppend, aber phasenweise brillant ist die Rede. Und altmodisch. Keine Soundbites, die sich mal eben wegtwittern lassen, keine plumpen Angriffe auf den Gegner. Stattdessen eine Geschichte. Die Geschichte von Hillary und Bill. "Im Frühling 1971 traf ich ein Mädchen", beginnt Clinton seine Rede, und eigentlich hat er schon mit diesem feinen Satz den Saal für sich eingenommen.

Der 69-Jährige will an diesem Abend den Mentor für seine Frau spielen, will den Amerikanern ihr Misstrauen gegenüber Hillary Clinton nehmen. Dafür setzt er früh an. Kennenlernen, Studium, gemeinsame Träume. "Zwischendurch hab ich daran gearbeitet, sie zu heiraten", scherzt Clinton. Sie sagte ab. "Beim zweiten Mal habe ich gesagt: Ich will dich wirklich heiraten, würde dir aber nicht empfehlen, das zu tun." Sie solle doch lieber für ein Amt kandidieren. "Sie lachte und sagte: 'Bist du verrückt geworden? Niemand würde mich wählen.'"

Der Ex-Präsident stellt seine Frau als linke Kämpferin vor, die sich schon während ihrer Zeit an der Yale-Universität für benachteiligte Kinder und für gleiche Bildungschancen einsetzte. Ein geschickter Zug, denn die Präsidentschaftskandidatin gilt vielen in ihrer Partei heute als Vertreterin des rechten Flügels. Hillary hat auch eine andere Seite, so die Botschaft ihres Ehemanns. "Sie hat immer schon das Leben der Menschen besser gemacht. Sie ist die beste Agentin des Wandels, die ich jemals getroffen habe", ruft er.

Im Video: Bill schwärmt, Bernie weint

Was soll er auch anderes sagen? Bill Clintons Auftritt zeigt, wie schwierig es ist, wenn ein Partner dem Land seine bessere Hälfte empfehlen soll. Aber der Auftritt berührt die Delegierten. Nicht zuletzt deshalb, weil er sich selbst zurück nimmt. Seine eigene Amtszeit streift er nur in zwei Sätzen - was für einen, der seine Rede sonst so gerne mit dem Satz "Als ich Präsident war…" beginnt, ein hohes Maß an Selbstdisziplin erfordert. Clinton, der Ehrenpräsident: Statt an seine Erfolge zu erinnern, hält er eine Laudatio auf die politischen Errungenschaften seiner Frau - als Senatorin und Außenministerin. Ihr Einsatz nach dem Terror vom 11. September, das Abrüstungsabkommen mit Russland, die Grundlage für den Atomdeal mit Iran. Kaum etwas lässt er aus.

Zwei Dinge fehlen

Bill Clinton erwähnt Bernie Sanders nicht ein einziges Mal, was angesichts der Abläufe in Philadelphia recht erstaunlich ist. Und auch die turbulenten Zeiten der gemeinsamen Ehe überspringt Clinton. Das ist verständlich. Aber hätte er sie erwähnt - seine Rede hätte möglicherweise noch ein Stück authentischer gewirkt.

Am Ende seines Auftritts wendet sich Clinton an die Amerikaner außerhalb der Halle. "Ich sage euch: Wenn ihr dieses Land liebt, hart arbeitet, Steuern bezahlt und Staatsbürger werden wollt, setzt auf eine vernünftige Einwanderungsreform anstatt auf einen, der euch zurückschicken will. Wenn ihr Muslime seid, Amerika und die Freiheit liebt und den Terror hasst, bleibt hier und helft uns zu siegen. Wenn ihr enttäuschte junge Schwarze seid, baut mit uns an einer Zukunft, in der niemand Angst haben muss, aus dem Haus zu gehen." Für einen kurzen Moment wirkt es, als würde er selbst noch einmal in den Wahlkampf ziehen wollen. Die Delegierten feiern. "Wählt sie, weil es im großartigsten Land der Erde immer um das Morgen geht", ruft Clinton und erinnert damit an den Geist seiner eigenen Kampagne 1992.

Was tun gegen Langeweile?

Es würde im Weißen Haus alles nicht ganz einfach, das ist klar. Viele, die Bill Clinton kennen, halten es für das Wichtigste, ihn irgendwie zu beschäftigen, weil sie wissen, dass er Unsinn macht, wenn er Langeweile hat. Was könnte er also machen?

Ideen gibt es viele. Er könnte sich um die Wirtschaft kümmern oder Amerikas Zar für den Klimawandel werden. Manche können ihn sich sogar als Vermittler im Nahen Osten vorstellen. Aber er würde sich im Weißen Haus auch zurückhalten müssen, um seine Frau nicht zu überstrahlen und Kabinettsmitglieder nicht zu düpieren. Nur: Kann er das?

Das wird die entscheidende Frage sein, falls er denn im Januar 2017 abermals ins Weiße Haus einziehen sollte. Seine Rede in Philadelphia zeigt immerhin, dass er grundsätzlich imstande ist, sich zurückzunehmen. Das ist keine ganz schlechte Voraussetzung.

insgesamt 205 Beiträge
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Seite 1
gordao 27.07.2016
1. Hoffentlich trügt mich mein Gefühl...
Je länger ich dieser Frau zuhöre, sie bei ihren Reden beobachte und an die Affären des "Gespanns" zurückdenke, desto weniger glaube ich dass sie eine kluge, umsichtige und erfolgreiche Präsidentin wäre.
bekkawei 27.07.2016
2.
Damit hat er keinen neuen Wähler gewonnen. Peinlich und verlogen. Oder denkt er, die Leute vergessen in nur 18 Jahren diese Schmierenkomödie von damals.
Rangitoto 27.07.2016
3. Ein tolles Paar
Der Film "Clinton Cash" zeigt einige Leistungen von Hillary und Bill - kostenlos zu sehen online.
fatherted98 27.07.2016
4. Was für ein Geschwaffel...
...Clinton...einer der unfähigsten Präsidenten...hat rein gar nichts geschafft ausser sich im Oval Office oralen Freuden hinzugeben....wenn ich Demokrat in den USA wäre, würde ich Clinton nicht wählen...weder wegen ihres Mannes noch wegen ihres Programms....Sanders wurde weggemobbt....sollen sie doch sehen wer sie wählt. Im Zweifelsfall kommt eben das Toupet dran...letztlich...wen juckts? In den USA keinen...und uns kanns auch egal sein.
Morrison 27.07.2016
5. Sex mit abhängig Beschäftigter
Ich war besonders berührt, als clinton erzählte wie es zu seinem Amtsenthebungsverfahren kam, weil er sex mit einer abhängig Beschäftigten hatte! Sehr glaubwürdig stellte er dar, dass es zwischen ihm und seiner hillary schon lange nur noch um Karriere machen geht und ihre ehe nur noch eine zweckgemeinschaft ist! Und hillary es ihm ausdrücklich gestattet hat, seine Bedürfnisse, die sie wohl garnicht mehr hat vor lauter machtgeilheit, woanders zu befriedigen! Das war gestern ein sehr emotionaler Moment!
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