Bin-Laden-Vertrauter "Al-Qaida wird sich vom Tod ihres Führers nicht erholen"

Tausend neue Bin Ladens? Dazu wird es nicht kommen, sagt Issam Darraz,  ehemaliger Vertrauter des Qaida-Chefs. Die Völker der islamischen Welt hätten gelernt, sich ohne Gewalt zur Wehr zu setzen. Und der Tod des Anführers habe das Terrornetzwerk entscheidend geschwächt.
Zeitungskiosk im pakistanischen Lahore: "Der größte Fehler seines Lebens"

Zeitungskiosk im pakistanischen Lahore: "Der größte Fehler seines Lebens"

Foto: MOHSIN RAZA/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Sie standen Osama Bin Laden sehr nahe und begleiteten ihn bei gefährlichen Kampfeinsätzen in Afghanistan. Wie traf sie die Nachricht vom Tode des Qaida-Gründers?

Darraz: Sein Tod war das natürliche Ergebnis seiner Taten. Was hat er denn nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erwartet?

SPIEGEL ONLINE: War er nicht ein Freund?

Darraz: Ich hatte ihn auf einer kleinen Pilgerreise in Medina zufällig kennengelernt und nahm das Angebot an, seine Einsätze in Afghanistan gegen die sowjetischen Besatzer journalistisch abzudecken.

SPIEGEL ONLINE: Dann hatten Sie ihn also immer wieder in direkter Nähe erlebt. Vielleicht manchmal auch mitgeschossen, aus Selbstverteidigung?

Darraz: Ich hatte in Afghanistan niemals eine Waffe in der Hand. Es stimmt jedoch, dass ich als Journalist oft in unmittelbarer Nähe mit Bin Laden blutige Zusammenstöße mit den sowjetischen Besatzern miterlebte und ungewollt nicht selten mein Leben riskierte.

SPIEGEL ONLINE: Glaubten Sie an seine Ziele?

Darraz: An seine Ziele glaubten damals auch die Amerikaner: Afghanistan von den sowjetischen Besatzern zu befreien. Ich war als einziger Journalist zugegen, als die Amerikaner den Dschihad-Kämpfern Stinger-Raketen aushändigten.

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Osama Bin Laden: Ein Leben, um zu töten

Foto: HO/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Die Ziele Osama Bin Ladens gingen aber noch weiter...

Darraz: ...es gab drei Phasen im Leben des Osama Bin Laden. Die grüne Phase bestand aus humanitärer Hilfe, Errichtung von Krankenhäusern und Unterstützungszahlungen für Kriegsopfer. Dann kam die rote Phase. Das war die Zeit des bewaffneten Kampfes gegen die Sowjets. Die dritte Phase, auch als schwarze Phase bekannt, begann mit dem strategischen Wandel Bin Ladens, als er sich nach dem Ende des Afghanistan-Krieges anschickte, alle Probleme der islamischen Welt gewaltsam lösen zu wollen. Das war der größte und zugleich gefährlichste Fehler seines Lebens. Natürlich habe ich ihm da nicht mehr folgen können.

SPIEGEL ONLINE: Osama Bin Laden hatte aber zahlreiche Anhänger in seinem "Heiligen Krieg gegen Zionismus und Amerika"...

Darraz:... allen voran der Islamistenführer des Sudan, Hassan al-Turabi, bei dem er ja sechs Jahre nach seiner Flucht aus Saudi-Arabien zu Gast gewesen war. Sein einflussreicher ägyptischer Assistent Aiman al-Sawahiri zählte natürlich auch zu seinen engsten Anhängern.

SPIEGEL ONLINE: Der jetzt sein Nachfolger geworden ist?

Darraz: Das kann jetzt noch niemand bestätigen. Doch wie dem auch sei, mit dem Tod Osama Bin Ladens ist al-Qaida stark geschwächt und wird sich von dem Ausscheiden ihres Führers nicht mehr erholen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Organisation schlägt noch immer kräftig zu im schiitisch dominierten Irak, vor allem aber auch im Jemen und selbst in Saudi-Arabien.

Darraz: Schon seit mehreren Jahren sind die Aktivitäten der Al-Qaida deutlich abgeschwächt. Die räumliche Entfernung zwischen den sich auseinander dividierenden Qaida-Gruppen in Marokko, Algerien und der Arabischen Halbinsel, wie auch das offenbare Fehlen einer einheitlichen Strategie haben die Einflussmöglichkeiten von al-Qaida schon jetzt stark beschnitten – die können langfristig nicht mehr viel ausrichten.

SPIEGEL ONLINE: Aber islamistische Sprecher brüsten sich damit, dass es bald tausend neue Osama Bin Ladens geben wird...

Darraz: Es wird ebenso wenig tausend neue Bin Ladens geben wie tausend neue Husni Mubaraks. Die Völker in unserem Teil der Welt haben es satt, von Terror und Antiterror dominiert zu werden. Die Völker der islamischen Welt wollen die Lösung ihrer Probleme selbst in die Hand nehmen - ohne Diktatoren und ohne Terroristenführer, sondern durch Demokratie und Freiheit. Die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und in anderen arabischen Ländern beweisen das. Der Anfang ist gemacht.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr, Kairo
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