Bin-Laden-Video Die Verhöhnung der Opfer

Ein lachender Bin Laden, menschenverachtende Kommentare - das Video, das vor kurzem veröffentlicht wurde, belegt aus Sicht der amerikanischen Regierung eindeutig die Schuld des Terroristenführers an den Anschlägen von New York und Washington.


Bin Laden Video: "Sie explodierten vor Freude"
AP//Department of Defense

Bin Laden Video: "Sie explodierten vor Freude"

Washington - Mit einem Tag Verspätung war es so weit: Vertreter der US-Regierung zeigten der Öffentlichkeit das Video, das die Urheberschaft Bin Ladens an den Terroranschlägen vom 11. September belegen soll. Am Mittwoch war das Band wegen technischer Probleme entgegen ursprünglicher Planungen nicht gezeigt worden.

Gleich zu Beginn der Aufzeichnungen wackelt das Bild, später wird die Bildqualität etwas besser. Auf dem neuen 40-minütigen Video, das US-Soldaten in einem Haus in Dschalalabad in die Hände gefallen war, brüstet sich der al-Qaida-Chef im Gespräch mit einem Religionsführer mit den Anschlägen und lacht über die Entführer, von denen nach seinen Angaben einige den genauen Auftrag nicht kannten. "Die Brüder, die die Operation geleitet haben, wussten nur, dass es eine Märtyrermission war."

US-Stellen haben die arabische Unterredung mit englischen Untertiteln versehen. Diese beschreiben, wie Osama Bin Laden sich auf die Berichterstattung über die Terroranschläge am 11. September in New York und Washington vorbereitete. Sie belegen, dass er genau über Zeit, Ort und Methode der Attentate informiert gewesen war.

"Wir beendeten unsere Arbeit an dem Tag und schalteten das Radio ein. Es war 5.30 Uhr unserer Zeit, als das Ereignis stattfand... Am Ende sagten sie im Radio dann, dass ein Flugzeug das World-Trade-Center getroffen habe." Der Kommentar des Scheichs: "Allah sei gepriesen".

Nach einigen Minuten beginnen die Männer zu essen. Von Zeit zu Zeit lacht der Terrorchef. Auch seine Anhänger seien "vor Freude explodiert". Das sei vergleichbar mit der Freude, die man beim Sieg seines Fußballvereins empfinde. Bin Laden sagt: "Sie waren außer sich vor Freude, als das erste Flugzeug das Gebäude traf. Ich sagte Ihnen: "Seid geduldig" - offenbar, um ihnen zu signalisieren, dass er von den weiteren Anschlägen wusste, die kurz darauf folgten.

Er amüsiert sich, dass selbst einer seiner engsten Vertrauten vorher nichts gewusst hatte und am Tag der Anschläge mit der Neuigkeit zu ihm gerannt kam. Bin Laden bestätigt zudem, dass Mohammed Atta Anführer der 19 Entführer war, die am 11. September vier Flugzeuge entführten. "Die Anschläge nützen dem Islam", sagt er. Immer wieder werden die Gespräch der beiden Männer, zu denen sich schließlich ein dritter gesellt, von kurzem Husten unterbrochen.

"Allah sei gepriesen"

Genaue Details über Art und Methode der Anschläge: Osama Bin Laden freut sich über die Terrorakte vom 11. September
AFP/DPA/US Department of Defense

Genaue Details über Art und Methode der Anschläge: Osama Bin Laden freut sich über die Terrorakte vom 11. September

Einer der Anwesenden geht schließlich zu einer Kiste und holt eine Gasmaske hervor. Wenig später schwenkt die Kamera auf einen anderen Kasten mit der Aufschrift "aeronautical systems". Im weiteren Verlauf der Aufzeichungen werden Szenen aus der Umgebung gezeigt, die zum Teil unscharf sind. Neben spielenden Kindern sind auch Geschütze, Häuser und ein Geländewagen zu sehen. Eine Gruppe von etwas zehn Männern sitzt vor einem Jeep und betet. In den Händen halten die Männer Waffen. In einigen Agenturberichten ist zudem von der Absturzstelle eines Hubschraubers die Rede.

Im hinteren Teil des Videos, das einer Datumseinblendung zufolge am 9. November entstand, spielt wieder im Haus, wieder unterhält sich Bin Laden mit den Männern. Detailgetreu beschreibt Bin Laden die Wirkunsgweise der Terrorflugzeuge: Bereits im Vorfeld habe man kalkuliert, dass drei oder vier Stockwerke getroffen würden. "Ich war der Optimistischste von allen. Nach meinen Erfahrungen im Feld dachte ich, dass das Feuer vom Flugzeugbenzin die Eisenstruktur des Gebäudes schmelzen und die Gegend um den Einschlagspunkt zerstören würde." "Allah sei gepriesen", antwortet daraufhin Bin Ladens Gesprächspartner, der Scheich.

Aus Sicht des Scheichs haben sich die Terrorakte positiv auf die Stellung Bin Laden ausgewirkt. "Hunderte misstrauten dir, doch nur einige folgten dir - bis zu diesem großen Ereignis. Nun kommen Hunderte, um sich dir anzuschließen."

Nach Einschätzung von US-Experten war das Video - im Gegensatz zu früher aufgetauchten Videos Bin Ladens - nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Das Band wurde in einer verkehrten Reihenfolge ausgestrahlt. Zunächst wird das Ende des treffens gezeigt, dann der Mittelteil draußen unter freiem Himmel. dann folgt der Beginn des Treffens. Nach Angaben des Pentagon war diese Reihenfolge auch auf dem in Afghanistan gefundenen Band zu sehen.

Bush: "Keine Seele"

"Denjenigen, die das Video sehen, wird klar, dass er nicht nur des Massenmordes schuldig ist. Er hat kein Gewissen und keine Seele und ist das Schlimmste, was die Zivilisation hervorgebracht hat", hatte US-Präsident George W. Bush Anfang der Woche nach der Ansicht des Videos gesagt. Ein Regierungssprecher betonte, das Video zeige, wie kalt und grausam Bin Laden sei.

Die schlechte Qualität des Bandes behinderte nach Regierungsangaben die Übersetzung. Der Sprecher von US-Präsident George W. Bush, Ari Fleischer, hatte am Mittwoch gesagt, vier regierungsunabhängige Übersetzer prüften im Auftrag des Pentagons die Aufnahmen, bevor sie der Welt präsentiert würden. Sie sollten das Video ins Englische übersetzen und sich auf eine Version der Äußerungen Bin Ladens einigen. Außerdem sollte auch eine arabische Version veröffentlicht werden.

Verschlüsselte Botschaften?

Mehrere Mitglieder der Geheimdienstausschüsse von Abgeordnetenhaus und Senat hatten Präsident Bush aufgefordert, das Band zu veröffentlichen. Die Abgeordnete Jane Harman erklärte dagegen, sie sei besorgt, das Video könne der amerikanischen Sicherheit schaden. Es könne den USA gezielt in die Hände gespielt worden sein und verdeckte Botschaften Bin Ladens an seine Anhänger enthalten. US-Regierungsvertreter äußerten in der Vergangenheit ähnliche Bedenken, doch waren die früher aufgetauchten Videos Bin Ladens ganz offensichtlich für eine Veröffentlichung gedacht gewesen. Washington bat daraufhin die US-Fernsehsender, die Bänder nicht in voller Länge auszustrahlen.

Bei dem jüngsten Video hat die US-Regierung diese Vorbehalte offenbar nicht. "Es gibt deswegen immer weniger Sicherheitsbedenken", sagte Bush-Sprecher Fleischer. Dennoch wurde auch dieses Band vom Geheimdienst auf mögliche verschlüsselte Botschaften an Terrorzellen untersucht.



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