Bin-Laden-Video Radikale Mullahs werfen USA Fälschung vor

Den Westen konnte US-Präsident Bush überzeugen - die islamische Welt nicht: Dort gibt es massive Zweifel an der Echtheit des am Donnerstag veröffentlichten Videos. Darin hatte sich Top-Terrorist Bin Laden mit den Anschlägen des 11. September gebrüstet.

Hamburg - Medienberichten zufolge haben pakistanische Mullahs das Video als "amerikanische Propaganda" verdammt. Es müsse sich um eine Fälschung handeln, predigten sie beim Freitagsgebet in den Moscheen. Muslime in zahlreichen Staaten äußerten sich zutiefst skeptisch: "Es ist immer noch nicht bewiesen, dass er (Bin Laden) die Anschläge befohlen, geplant oder finanziert hat", sagte Kamaruddin Jaafarm, Chef der größten Oppositionspartei Malaysias, der "Parti Islam se-Malaysia". Muhammad Rizieq, Anführer der radikalien islamischen Verteidigungsfront in Indonesien, erklärte: "Das Videoband wurde noch nicht von unabhängiger Seite untersucht. Sie wissen doch, dass die Amerikaner über all diese Technologie verfügen. Ein Video zu manipulieren ist so einfach für die".

Unterdessen wies US-Präsident George W. Bush jegliche Zweifel an der Echtheit des Videos zurück. Das Band zeige den Terroristenführer in der unbearbeiteten Fassung, sagte Bush am Freitag bei einer Pressekonferenz mit dem thailändischen Premierminister Thaksin Shinawatra. Das Band sei ein Schuldbekenntnis Bin Ladens. Es zeige, wie kaltblütig er unschuldige Menschen in den Tod schicke.

Bush erklärte, er habe zunächst gezögert, das Amateurvideo, in dem sich Bin Laden mit den Anschlägen vom 11. September brüstet, zu veröffentlichen, um den Angehörigen der Opfer Schmerz zu ersparen. Zugleich betonte der US-Präsident, er sei sicher, dass Bin Laden über kurz oder lang gefasst werde. Dabei sei es ihm egal, ob Bin Laden tot oder lebendig gefasst werde.

Doch die Umstände um den Fund des Videos sind dubios: Die Amerikaner trumpfen mit einem Videoband mit Aufnahmen Osama Bin Ladens auf, das in einem Privathaus in Dschalalabad gefunden worden sein soll. Wer kann das überprüfen? Ferner gibt die Verzögerung der angekündigten Veröffentlichung des Videos weiteren Anlass für Spekulationen darüber, ob das Video möglicherweise der größte Fake seit der Veröffentlichung der gefälschten Hitlertagebücher sei.

Sind etwa Spuren auszumachen, die darauf hinweisen, dass das Tape geschnitten wurde? Wurden Bin Laden und seinen Partnern in einem Playback-Verfahren möglicherweise Texte in den Mund gelegt? Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden wiegelt gegenüber SPIEGEL ONLINE ab: Es gebe keinen Grund, an der Sorgfalt der amerikanischen Untersuchung zu zweifeln.

Die Reaktionen auf das Band waren abzusehen: Den einen dient das Video als weitere Rechtfertigung für den Feldzug der Amerikaner und ihrer Verbündeten gegen al-Qaida-Einheiten in Afghanistan. Die anderen sehen darin einen Propagandatrick des Westens, um die islamische Welt zu verteufeln.

Beim deutschen Kanzler Gerhard Schröder etwa sind die letzten Zweifel nun ausgeräumt: Der saudiarabische Extremistenführer ist für die Terroranschläge vom 11. September verantwortlich. Die Äußerungen Bin Ladens zeigten erneut die Notwendigkeit, mit Entschlossenheit gegen den Terrorismus und besonders gegen Bin Ladens Organisation al-Qaida vorzugehen, ließ Schröder vor Beginn des EU-Gipfels in Brüssel wissen, wo die EU-Staats- und Regierungschefs just über die Lage in Afghanistan und über die Entwicklung im Nahen Osten beraten wollen.

Islamisten äußerten sich dagegen skeptisch und sprachen sogar von Manipulation. Auch der Vater des mutmaßlichen Terrorpiloten Mohammed Atta bezeichnete das Video als Fälschung. Er sagte, er habe das Video zwar nicht gesehen, doch das Ganze sei eine Farce. Mohammed al Amir al Sajed Auad Atta wandte sich besonders dagegen, dass der Name seines Sohnes als einer der führenden Köpfe des Terrorkommandos vom 11. September genannt wird. In der Video-Aufzeichnung sagt Bin Laden laut der offiziellen amerikanischen Übersetzung, dass Atta eine der Gruppen der Flugzeugentführer anführte. "Die ganze Welt nennt seinen Namen. Woher hat Bin Laden diesen Namen? Er hat ihn von den Amerikanern", zürnte der 65-jährige Vater Attas.

Der in Jordanien lebende politische Analyst Labib Kamhaui sagte dagegen, Bin Laden preise zwar die Terroranschläge, das sei aber noch kein Beweis für seine Mitschuld. Ein in Kairo lebender Islam-Experte, Dia'a Raschwan, bezeichnete das Video als Fälschung. Auch der Leiter des in Mailand ansässigen Islamischen Kulturzentrums, das dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe stehen soll, warf den USA vor, das Video gefälscht zu haben. Die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation durch die USA sei sehr groß, sagte Abel Hamid Shaari. In diesem Sinn äußerte sich auch ein Vertreter einer Mailänder Moschee, Ali Abu Shawa. Er habe den Eindruck, dass dies nicht Bin Laden gewesen sei. "Möglicherweise ist es ein Doppelgänger oder ein Schauspieler gewesen", sagte Shawa.

Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach vom Deutschen Orient-Institut in Hamburg sah sich das gestern veröffentlichte Video mit Skepsis an. Doch nach "großem Zögern" ist er von dessen Echtheit überzeugt. Die Szene - Bin Laden mit zwei engen Vertrauten und einem saudischen Scheich in lockerer Runde bei einem Erfrischungsgetränk - sei durchaus typisch im Orient, ebenso die scheinbare Beiläufigkeit, mit der über die Anschläge geredet werde, sagte Steinbach zu SPIEGEL ONLINE.

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