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02. Mai 2011, 12:39 Uhr

Bin Ladens Tod

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Ein Kommentar von

Osama Bin Ladens Tod ist ein Sieg für Amerika und für Präsident Obama. Sein Ende nährt die Hoffnung auf eine bessere Welt. Der Westen und speziell die USA dürfen diese Chance nicht verspielen.

Die Szene ist unvergessen: US-Präsident George W. Bush saß im Weißen Haus, es war kurz nach dem 11. September 2001. Bush machte in Sheriff-Manier deutlich, dass er alles daran setzen werde, um Osama Bin Laden zu finden, ganz so wie einst die schlimmsten Übeltäter im Wilden Westen. Nämlich: tot oder lebendig.

Nun haben die Amerikaner ihn gefunden - und gleich erschossen. So bleibt die komplizierte Frage unbeantwortet, wie und wo einem solchen Massenmörder der Prozess gemacht werden sollte. Nach dem aus der Bibel übernommenen uramerikanischen Grundverständnis ist mit Osamas Tod der Gerechtigkeit genüge getan: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Man kann diese Art der Rache in Frage stellen. Doch an einer Wahrheit kommen selbst notorische Amerika-Kritiker nicht vorbei: Bin Ladens Ende ist eine gute Nachricht für die Welt und für die Freiheit.

Ende eines Revolutionärs

Osama Bin Laden, der arabische Terrorfürst, der die Welt ein Jahrzehnt lang in Atem hielt, ist gescheitert. Er war für viele ein Idol. Er trat mit dem Versprechen an, die Massen aus der Gängelung durch den Westen, durch arabische Despoten und ihre Gefolgsleute zu befreien. Doch sein Weg produzierte nur neuen Terror, neuen Krieg, neues Leid - und sein eigenes Verderben.

Die Menschen in den arabischen Staaten haben längst einen anderen, einen besseren Weg zur Freiheit gewählt - sie kämpfen für mehr Demokratie, mehr Menschenrechte. Nicht Osama bestimmt die politische Agenda, sondern die Freiheitskämpfer in Syrien, Libyen, Ägypten, Tunesien und anderswo. Sie haben erkannt: Der fanatische Islamismus, der Kampf gegen den Westen und der Terror bringen ihnen keinen Wohlstand und keine Sicherheit, sondern nur ihr eigener Kampf für die Freiheit. So wird dem Terrorismus der Nährboden entzogen, Stück für Stück.

Es wäre naiv zu glauben, der Kampf gegen den Terror wäre nun beendet. Natürlich wird al-Qaida weiter existieren, es wird andere Terrorfürsten geben. Auch wird Osama Bin Laden für viele Querköpfe zum Märtyrer werden, den sie rächen wollen. Das macht sie weiter brandgefährlich.

Doch alle Verirrten in der islamischen Welt verlieren ihren Fixstern, ihr Vorbild, ihren geistigen Anführer. Sie werden immer mehr in die Isolation geraten. So gibt es Hoffnung, dass ihre Bewegung eines Tages austrocknet. Einfach so.

Obamas Chance

Amerika darf sich nun freuen. Präsident Barack Obama wird innenpolitisch gestärkt, weil er durch die Tötungsaktion den Verdacht seiner Gegner ausräumen kann, ein außenpolitischer Weichling zu sein.

Das bedeutet aber auch, dass Obama das Momentum nutzen muss: Amerika darf nicht wieder in jene außenpolitische Hybris verfallen, mit der Washington Monstern wie Osama Bin Laden immer neue vermeintliche Vorwände für ihren Feldzug lieferte. Amerika muss helfen, die Demokratie in der islamischen Welt zu stärken. Amerika muss endlich für einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern sorgen.

Sonst wird es wieder einen Osama geben.

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