Blairs Berater Campbell Die unheimliche Macht der Spin-Doctors

Sie nennen sich Spin-Doctors und gelten als Wahrheits-Verdreher und Manipulatoren. Gemeint sind PR-Experten wie Tony Blairs Berater Alastair Campbell. Trickreich versuchen sie, politische Berichterstattung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Doch zu viel Spin ist gefährlich.

Von Christina Otten


 Spin-Doctor: Alastair Campbell
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Spin-Doctor: Alastair Campbell

Hamburg - Niemand hat sie gewählt, oft haben sie nicht einmal ein offizielles Regierungsamt inne - und doch gehören sie zu den mächtigsten Männern im Staat: Die Spin-Doctors. Der Selbstmord des Waffenexperten David Kelly wirft jetzt ein grelles Licht auf die Arbeit des PR-Beraters des britischen Premierministers Blair: Alastair Campbell. In britischen Medien werden schwere Vorwürfe gegen Campbell erhoben. Er habe massiven Druck auf Kelly ausgeübt und sei so für dessen Tod mitverantwortlich. Dafür, Kelly unter Druck zu setzen, hatte Campbell womöglich ein Motiv. Denn Kelly hatte dem britischen Sender BBC brisantes Material zugespielt. Seine Informationen waren die Grundlage für eine BBC-Reportage in der der Vorwurf erhoben wurde, die Regierung Blair habe Geheimdienstinformationen aufgebauscht, um einen Krieg gegen Saddam Hussein zu rechtfertigen. Autor der Dossiers, in denen die Bedrohung durch Saddam Hussein in grellen Farben geschildert wurde: Alastair Campbell. Durch das umstrittene Verhalten des Medienberaters steht nun die gesamte Regierung Blair am Pranger.

Der Begriff Spin-Doctor stammt ursprünglich aus den USA. "Spin" steht dabei für den "Dreh", der einem Sachverhalt oder Ereignis verliehen wird. Der Ausdruck "Doctor" bezeichnet jemanden, der auf fragwürdige Weise an etwas "herumdoktert" oder "zurechtbiegt". Der Erfolg der Spin-Doctors kann auf zwei Arten gemessen werden. Entweder werden ihre Kommentare von Journalisten wörtlich zitiert, oder aber Journalisten lassen sich von den Einschätzungen der Spin-Doctors überzeugen.

Alastair Campbell war bislang in beiden Bereichen überaus erfolgreich. "Tony wäre ohne mich doch völlig aufgeschmissen" soll er laut dpa erst kürzlich gesagt haben. Andere Medien schrieben in der Vergangenheit, Campbell sei der eigentliche Herr der Downing Street: Bei Pressterminen wurde beobachtet, wie Blair unbeachtet im Abseits stand, während sich die Reporter um seinen Berater versammelten, um Neuigkeiten zu hören. Campbell, der früher selbst einmal bei einer Boulevardzeitung arbeitete, ist bei den Journalisten berüchtigt. Wenn ihm ein Bericht nicht gefällt, beschwert er sich persönlich beim Chefredakteur.

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DDP

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Die Ursache für die zunehmende Macht auf Seiten der "Spin Doctors" liegt nach Meinung vieler Experten in den veränderten Strukturen von Politik und Journalismus. Die Öffentlichkeitsarbeit wird immer wichtiger. Nicht umsonst leisteten sich im Bundestagswahlkampf 2002 auch Gerhard Schröder und Edmund Stoiber ihre eigenen Spin Doctors.

Matthias Machnig sorgte für ein gutes Image des Kanzlers, der ehemalige "Bild am Sonntag"-Chefredakteur Michael Spreng rückte die Auftritte des Unionskandidaten ins rechte Licht. Vom Fernsehduell bis zum Besuch auf dem Wochenmarkt, alles wurde von den Beratern bis in kleinste Detail geplant. Ohne die Spin-Doctors geht auch in der deutschen Politik nichts mehr.

Die größte Gefahr für Spin-Doctors besteht darin, dass die Öffentlichkeit zu viel über ihre Tricks erfährt. Eine große Mehrheit der Briten fordert inzwischen den Rücktritt Campbells. Doch dieser denkt gar nicht daran, den Hut zu nehmen. Die Macht, die sich ein Spin-Doctor einmal "zurechtgedreht" hat, gibt er so schnell nicht wieder her.



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