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28. April 2003, 10:37 Uhr

Blairs Visionen

Europa soll Washington Demut zeigen

Der britische Premierminister Tony Blair will seine Vasallentreue zu den USA offenbar zum Modell für Europa erheben. Die europäischen Staaten, mahnte Blair, dürfen die Vormachtstellung der USA nicht in Frage stellen: Das wäre "gefährlich und destabilisierend".

Blair: "Wir brauchen eine Polarmacht"
REUTERS

Blair: "Wir brauchen eine Polarmacht"

London - Tony Blair sieht in der Vision einer multipolaren Welt des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac eine Gefahr für das Verhältnis zwischen Europa und den USA. In einem Interview mit der "Financial Times" sagte Blair zwar, er sei dagegen, Frankreich für seine US-kritische Haltung im Irak-Konflikt zu "bestrafen", doch er betonte: "Es gibt hier ein Problem zwischen Amerika und Europa, das wir lösen müssen. Ich will nicht, dass Europa sich in Opposition zu Amerika begibt. Das wäre gefährlich und destabilisierend."

Europa dürfe nicht versuchen, ein Gegengewicht zu den USA zu bilden, da dies die Regierung in Washington nur darin bestärken würde, künftig ohne Absprache mit anderen Ländern ihre Ziele zu verfolgen. Blair sagte: "Einige wollen eine so genannte multipolare Welt, in der man verschiedene Machtzentren hat, aber ich glaube, dass sich diese schnell zu rivalisierenden Machtzentren entwickeln würden. Und andere, zu denen ich auch gehöre, glauben, dass wir nur einen Machtpol brauchen."

Britische Regierungsmitglieder äußerten sich kritisch zu einem Treffen Deutschlands, Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs über eine engere Verteidigungskooperation. Von diesem Treffen könne eine "Botschaft der Uneinigkeit" ausgehen, sagte Verteidigungsminister Geoff Hoon in der französischen Presse. Der Europa-Staatssekretär Denis MacShane wurde im "Independent" mit den Worten zitiert: "Die Vorstellung einer europäischen Verteidigung auf der Grundlage von Belgien, aber ohne England - ich frage mich, ob das wirklich ernst gemeint sein kann."

Blair bekräftigte seine Überzeugung, dass der Krieg im Irak richtig gewesen sei. Er glaube weiterhin, dass der entmachtete Staatschef Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt habe. Es sei nicht überraschend, dass es einige Zeit dauere, bis dafür Beweise vorlägen.

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