Blasphemie in Pakistan Gericht verurteilt Christ wegen SMS zu lebenslanger Haft

Ein junger Christ in Pakistan soll für den Rest seines Lebens ins Gefängnis, weil er gotteslästerliche SMS an islamische Geistliche geschickt hat. Der Staatsanwalt ist mit dem Strafmaß nicht einverstanden - er fordert die Todesstrafe.

Demonstranten für Todesstrafe (2010): Blasphemiegesetz lädt zu Missbrauch ein
REUTERS

Demonstranten für Todesstrafe (2010): Blasphemiegesetz lädt zu Missbrauch ein

Von , Islamabad


Es war eine gefährliche Idee des jungen Mannes in einem Land, das harte Strafen bei Gotteslästerung ausspricht: Der 21-Jährige soll für den Rest seines Lebens ins Gefängnis, urteilte ein Gericht im Distrikt Toba Tek Singh im Osten von Pakistan. Der junge Mann hatte Textnachrichten an islamische Geistliche im Ort Gojra verschickt, in denen er den Propheten Mohammed beleidigte.

Sajjad M. wollte sich mit den SMS an einer Frau rächen, die ihm versprochen hatte, ihn zu heiraten. Doch stattdessen nahm sie sich lieber einen Mann, der in Großbritannien lebte, und ließ M. sitzen. Der stahl ihr Handy und verschickte mit dem Gerät die Textnachrichten, um ihr einen Blasphemiefall anzuhängen.

Doch der Trick flog auf, M. wurde im Dezember 2011 verhaftet. In einem geheimen Prozess sagten mehrere Mullahs gegen ihn aus. Neben einer lebenslangen Haftstrafe erlegte ihm Richter Mian Shahzad Raza eine Geldstrafe in Höhe von 200.000 Rupien,umgerechnet etwa 1500 Euro, auf, was in etwa dem Jahresgehalt eines Verkäufers in Pakistan entspricht.

Die Verletzung von religiösen Gefühlen steht unter Strafe

Staatsanwalt Sheikh Javed sagte, er sei nicht zufrieden mit dem Urteil. Er erklärte der Nachrichtenagentur dpa, er werde Revision einlegen und die Hinrichtung des Mannes fordern. Auch Sajjad M. selbst will das Urteil nicht akzeptieren. Das sagte sein Anwalt, der aus Furcht um sein Leben seinen Namen nicht genannt wissen wollte.

Das pakistanische Blasphemiegesetz war in den achtziger Jahren vom islamistischen Militärdiktator Zia ul-Haq in der jetzigen Form eingeführt worden. Es ist Teil des Strafgesetzbuches, wonach die Verletzung von religiösen Gefühlen - unabhängig davon, um welche Religion es geht - unter Strafe steht. Der Paragraf 295-C fordert jedoch ausdrücklich bei Beleidigung des Propheten Mohammed zwangsläufig die Todesstrafe.

In der Praxis wird das Gesetz ebenso gegen Muslime angewendet wie gegen Mitglieder religiöser Minderheiten. Es lädt geradezu zum Missbrauch ein und dient oft als Vorwand für persönliche Rache bei Streitereien und zur Diskriminierung von Nichtmuslimen im überwiegend islamischen Pakistan.

Für weltweite Aufmerksamkeit hatte im vergangenen August der Vorwurf der Blasphemie gegen eine junge Christin gesorgt, die angeblich Seiten aus einem Lehrbuch mit Koranversen verbrannt haben soll. Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, dass ihr, dem geistig zurückgebliebenen Mädchen, die Seiten untergeschoben worden waren, als sie den Müll wegbrachte. Aus Mangel an Beweisen und nicht zuletzt wegen des internationalen Drucks wurde sie freigesprochen. Dennoch musste sie aus Angst vor Selbstjustiz wochenlang untertauchen. Wie kürzlich bekannt wurde, lebt sie jetzt mit ihrer Familie in Kanada.

Ausschreitungen gegen Christen sind in Pakistan keine Seltenheit

Auch Ausschreitungen gegen Christen sind in Pakistan keine Seltenheit. In Gojra, wo sich der Fall des jetzt verurteilten Mannes abspielte, zündete im Sommer 2009 ein Mob von Jugendlichen 40 Häuser und eine Kirche an. Acht Menschen, darunter vier Frauen und ein Kind, kamen in den Flammen ums Leben.

Die Christen in Pakistan sind in den meisten Fällen Nachfahren von konvertierten Hindus, die im Kastensystem ganz unten standen. Durch den Wechsel der Religion erhofften diese Menschen sich einen sozialen Aufstieg - vergeblich. Noch heute stehen Christen am unteren Ende der sozialen Hierarchie und führen Arbeiten aus, die sonst niemand machen will. Der Henker von Pakistan beispielsweise ist ein Christ.

Ebenfalls weltweite Schlagzeilen machte der Fall der Christin Asia Bibi, die angeblich Beleidigendes über den Propheten Mohammed gesagt haben soll. Sie wurde im November 2010 zum Tode verurteilt und sitzt nach wie vor in Haft. Dabei handelte es sich allen Indizien nach um einen schlichten Streit zwischen Nachbarinnen. Der Gouverneur des Provinz Punjab sowie der Minderheiten-Minister, selbst ein Christ, setzten sich für die Frau ein - und mussten mit dem Leben dafür bezahlen. Sie wurden beide Opfer von Attentätern.

Hinter den Kulissen verlangen mehrere Politiker, die Paragrafen zum Thema Blasphemie zu überarbeiten, um den Missbrauch einzudämmen. Aber das öffentlich zu tun oder gar eine komplette Abschaffung des Straftatbestandes Blasphemie zu fordern, das traut sich niemand. Aus Angst vor tödlichen Angriffen.

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insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
nr.42 15.07.2013
1. Die sind doch alle net mehr
...ganz klar im Kopf. Oh man wegen einer SMS lebenslänglich in den Bau oder gar Todesstrafe. Und die Heirat minderjähriger, die nicht selten die X-te Frau ist, das ist in Ordnung? Oder bei einer Vergewaltigung muss dann das Opfer geheiratet werden und schon ist alles in Ordnung. Man man welche Steinzeitmenschen gibt es auf diesem Planeten?!
mainzelmann62 15.07.2013
2. optional
was bewegt einen zivilisierten menschen nur in ein solches land zu reisen. dort herrscht finsteres mittelalter was die toleranz angeht. das land ist angeblich eine republik. toleranz sollte hier herrschen. aber die intoleranz ist tief verwurzelt. schlimm ist nur das solch ein fanatisches land in den besitz von atomwaffen kommen konnte
tthomas 15.07.2013
3. Eigentlich
müsste es einen Aufschrei aller vernünftigen Muslime geben über solch ein widerwärtiges Treiben der Islamisten. Aber wo sind sie, die vernünftigen Moslems?
DasKlo 15.07.2013
4.
Zitat von sysopREUTERSEin junger Christ in Pakistan soll für den Rest seines Lebens ins Gefängnis, weil er gotteslästerliche SMS an islamische Geistliche geschickt hat. Der Staatsanwalt ist mit dem Strafmaß nicht einverstanden - er fordert die Todesstrafe. Blasphemie in Pakistan: Gericht verurteilt Mann wegen SMS - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/blasphemie-in-pakistan-gericht-verurteilt-mann-wegen-sms-a-911233.html)
Hätte es funktioniert was der Verurteilte anstrebte wäre die Frau jetzt warscheinlich eine verurteilte Todeskandidatin, somit hat der Mann lebenslänglich für einen versuchten Mord bekommen. Hart aber irgendwie gerecht für so einen perfiden Plan!
silberwolf 15.07.2013
5.
Solche drakonischen Strafen bzw. wütende Reaktionen wirken auf mich immer wie das letzte Aufbäumen vor dem unweigerlichen Untergang. Selbstbewusst können solche Menschen definitiv nicht sein...Bin gespannt, wann sich die Menschen endlich von religiös-dogmatischen Seuchen befreien können.
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