Blind Date mit Europa Die Lidl-Flüchtlinge von Ceuta

Vor dem Supermarkt in der spanischen Enklave Ceuta trainieren Flüchtlinge Kapitalismus: Sie ringen um ein paar Münzen und wünschen sich auf das europäische Festland. Illegal oder legal. Vorerst bleiben ihnen Träume zwischen Plastikmüll und Einkaufswagen.

3:0 für Frank aus Nigeria und Kingsley aus Äthiopien. Drei Euro Vorsprung vor ihren zwei Konkurrenten aus Indien, mit denen sie um Einkaufswagen kämpfen. Die zwei indischen Kumpel sind noch nicht überzeugt von ihrer Niederlage. Zu fünft, inklusive der Unparteiischen, einer Kundin aus Marokko, klammern sie sich an den Griff eines Lidl-Einkaufswagens. Wer ihn erobert, seinen Inhalt hilfsbereit in den Pkw der Frau leert, wird mit dem Einkaufswagen belohnt - ein Euro Pfand winkt, das in ihm steckt.

Die Kontrahenten schubsen einander, schimpfen, ein Sprachenwirrwarr, bis der Ehemann seine Frau vom Griff des Wagens abdrängt - und ihn Frank gegen das Bein rammt. Ein Foul, das niemand ahndet.

Wer als Erster das unauffällige Nicken der Kunden erhascht, stürzt sich auf sie. Winkt ein Taxi herbei. Hilft den Wagen schieben, packt die Tüten in den Kofferraum, weist einem Auto den Weg zum Parkhaus oder lotst es aus der Parklücke.

Die Schwelle zum Supermarkt ist für Frank und die anderen Flüchtlinge Tabu. Ob sie den Pfand-Euro aus dem Einkaufswagen erhalten, hängt vom Wachschutz ab. Hat Frank einer Kundin den Einkaufswagen geleert, rollt der ihn über die verbotene Schwelle. Frank bleibt zurück, der Wärter schiebt den Wagen in die Wagenschlange und schnappt sich den Euro. Steckt er ihn in die eigene Tasche? Oder schnalzt er ihn dem erfolgreichen Flüchtling zu?

Frank, in seiner zu großen Sportjacke, weiß, wie die Wächter ticken: Nach ein paar Monaten in Ceuta, der spanischen Enklave auf dem afrikanischen Kontinent, und vor diesem Lidl, dem größten Spaniens, kennt er sich aus. Mit einem Reifen um die Hüfte sprang er am 29. August ins Mittelmeer, wenige hundert Meter von der Küste Ceutas entfernt. Er schwamm der Guardia Civil direkt in die Arme. "Gott hat mir geholfen. Außerdem bin ich ein guter Schwimmer." Was mit den zwei Kompagnons passierte, die mit ihm vom Boot sprangen, weiß er nicht. Im Auffanglager kamen sie nie an.

14 Tage nach Franks Ankunft hat der Lidl-Markt eröffnet, von den Plakatwänden der Stadt gellt es: "Nichts wird mehr sein wie zuvor." Und wirklich: Auf der Piste zum Auffanglager schleppen Flüchtlinge Lidl-Tüten, an der Grenze schleppen Marokkaner Lidl-Tüten. Frank und sein Team haben zu tun: einparken, einwinken, Tüten tragen.

Musharref, mit Dreitagebart, hohlen Wangen, adrett gekleidet, wirft sich einer Kundin entgegen, rempelt Kingsley an. Er kennt noch nicht die Spielregeln. Ihm steckt der Flug von Mumbai nach Casablanca in den Knochen, mit gefälschten Papieren, dann die Autofahrt im Kofferraum eines Pkw durch Marokko, das Herzklopfen an der Grenze zu Ceuta, die Marokko nicht als Grenze anerkennt.

"Die Flüchtlinge sind hier sicher. Und Ceuta ist sicher vor ihnen"

Sein erstes Zuhause in Europa: Ceutas Auffanglager Ceti (Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes). Eine Tabuzone, Einlass für Flüchtlinge nur mit biometrischem Pass, am Ende einer Sandpiste, die sich am östlichen Ende der Enklave einen Hügel hochzieht. Sie endet in einer Sackgasse. Ockerfarbene Mauern, meterhoher Zaun, kleine Bungalows. 80 Mitarbeiter hat das Lager: Küche, Wachschutz, Verwaltung, Lehrkräfte, medizinische Betreuer.

Im Sommer, wenn das Meer ruhiger ist, ist das Ceti überbelegt, statt der vorgesehenen 512 Bewohner steigt die Zahl auf bis zu 600 an. Acht bis zehn Flüchtlinge teilen sich einen Bungalow. Block B, Bungalow 3, so heißt das Heim von Frank. Valeriano Hoyas, seit drei Jahren Leiter des Ceti, schlendert über das Gelände, grüßt und winkt, begleitet vom "Sheriff", einem Cop aus dem Wachteam, der mit Schlagstock im Gürtel und verspiegelter Sonnenbrille zu Flüchtlingen "Hola" sagt und zu Flüchtlingskindern "Hola, bandito". Am Vortag ist ein Baby aus dem Sudan zur Welt gekommen. Kleinfamilien mit Kindern leben in größeren Bungalows, und auf dem Fluchtweg tun sich manchmal Männer, Frauen und verwaiste Kinder zusammen und werden zur Familie auf Zeit. "Wir fragen nicht nach." Auch nicht, wieso die Pässe verlorengehen. "Es ist schwer genug für sie", sagt Hoyas. Das Lager sei das Beste, was Ceuta passieren konnte: "Die Flüchtlinge sind hier sicher. Und Ceuta ist sicher vor ihnen." Sie erhalten Nahrung und Kleidung. "Sie müssen keine kleinen Gaunereien mehr treiben. Unser größter Erfolg ist, dass wir in der Stadt nicht auffallen."

Ceuta, die Multikulti-Blase, ist ein Bluff von Europa

Hoyas Eindruck täuscht. An der Strandpromenade fallen täglich Hunderte Flüchtlinge auf. Parallel zum schmutzigen Kieselstrand spazieren sie Richtung City. Schwarzafrikaner, Muttersprache Französisch, unter sich. Schwarzafrikaner, Muttersprache Englisch, unter sich. Sie haben Zeit. Ceuta zwingt zum Nichtstun. Am alten Kastell, in Wurfnähe zur spanischen Flagge, wirft eine Clique von Flüchtlingen Holzscheite ins Wasser und fischt sie wieder raus. Am steilen Hang zum Lager hat Ganesh aus Indien einen Stuhl aufgebaut, blättert in einer Bibel auf Französisch und Arabisch, die er nicht lesen kann, und wartet auf Frisierkunden aus dem Lager.

Valeriano Hoyas ist Idealist. "Sie sind glücklich hier." Der zweite Satz, den er wie auswendig sagt: "Es ist ein Drama." Wenn die Guardia Civil kommt und einen abholt und sich die Gesichter hinter den Fenstern sammeln: "Es ist ein Drama."

An der Strandpromenade zeigt Kingsley zum Himmel. "Ich habe unter Büschen geschlafen, alles war voller Schlangen, aber sie haben mich nicht zu Tode gebissen. Gott hat mich gerettet." Gott hat ihn, davon ist Kingsley überzeugt, nach Ceuta geführt. Gott wird ihn auf das Festland lotsen. Illegal, per Menschenschmuggel. Legal, in ein Lager in Andalusien, wenn es im Ceti zu voll wird. Legal, ins Abschiebelager nach Málaga, wenn sein Asylantrag abgelehnt wird. Legal ins Irgendwo, wenn sein Asylantrag durchgeht. Kingsley stülpt die Sandale vom rechten Fuß und zeigt auf seine Ferse, in der eine Schusswunde kleine, dunkelrote Krater hinterlassen hat, deren Ränder mit Pusteln übersät sind. Gott hat Kingsley in der Hand.

Wäre er ein Star, mit seinem Baseballcap, dunkelblauer Jeans und schwarzgestreiftem Hemd, würden ihm Mädchen quiekende Schreie schenken. Doch Kingsley zischt "Taxi?" oder "Ayuda?" Er ist der Stürmer im Team Afrika. Wer will ihm einen Einkaufswagen ausschlagen, wenn er sein Grinsen aufsetzt? Um 15 Uhr wechseln die Wachschützer. Springerstiefel, Schlagstöcke und Handschellen bleiben, der Ton wechselt. "Putitas, macht Platz." Nüttchen. Sie weichen zurück, der Weg vor dem Supermarkt ist plötzlich frei. Kein Kunde dankt ihnen mehr mit einem beiläufigen "Moro, gracias." Danke, Mohr.

Barcelona, das wäre es, sagt Frank. Seine Frau und sein zweijähriger Sohn haben es vor einem Jahr nach Palma de Mallorca geschafft. Sie putzt. Viel mehr weiß er nicht, was zweiminütige Telefonate alle zwei Wochen eben so hergeben.

Ceuta, ein mediterranes Schmuckstädtchen, barock und gepflegt, hat 76.000 Einwohner. 35 Prozent stammen ursprünglich aus Marokko. Im Bus Nr. 7, von der Grenze zur Plaza Constitución, beträgt ihr Anteil fast 100 Prozent. Im grenznahen Viertel "Príncipe Alonso" sind die Auslagen und Reklamen auf Arabisch, nur auf den Werbeplakaten für TV-Soaps tragen die Frauen keine Kopftücher. Franks erste Station in Europa ist eine Multikulti-Blase. Sie verheimlicht die triste Realität von Flüchtlingen auf dem europäischen Festland.

"Ist Deutschland gut zu uns Schwarzen?"

Computerkurse, Spanisch für Kinder und Erwachsene – im Ceti erhalten die Flüchtlinge ein Minimum an Hilfe. Die zwei Psychologen seien "im Dauereinsatz", sagt Valeriano Hoyas, "vor allem nachts". Wenn Kingsley schlaflos Antworten sucht: "Werde ich je ein Zuhause haben?" Aber das Ceti bleibt Antworten schuldig. Keine Berufsberatung, keine Informationen über Arbeitsmärkte und Sozialwesen. Keine Tipps, wo Kingsley ein Aufenthaltsrecht erwartet, das weniger scharf ist als das der Schweiz, von der er noch nie gehört hat. "Kingsley, geh’ nach England, da fällt die Sprachbarriere weg." – "Wieso?" – "Die sprechen Englisch." – "Wirklich?" Er braucht einen Crash-Kurs Europa.

Sie wollen weg aus Ceuta, auf das Festland. "Alemania cinco euro", soviel Spanisch kann Musharref nach ein paar Tagen. Er strahlt. Der Stundenlohn. Er weiß nicht, dass fünf Euro in Deutschland ein tristes Salär sind, nichts über die Höhe der Lebenshaltungskosten. Und wenn er es wüsste? Würde er sich seinen Traum zerstören lassen von Europa, der ihn jetzt schon, allein um in Ceuta um Einkaufswagen zu kämpfen, 3500 Euro gekostet hat?

"Ist Deutschland gut zu uns Schwarzen?", fragt Kingsley, neben Frank auf dem Boulevard kauernd. "Du wirst dort auffallen." Kingsley staunt. In Ceuta ist er einer von Hunderten Schwarzafrikanern. "Wie kannst du mir helfen, sister?" Ihm geht es nicht um Geld, "no, no". Aber: "You were sent to help me." – "Aber Kingsley. Wie kannst du dir helfen?" Kingsley hebt lachend die Schultern. Er zeigt zum Himmel.

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