Blitzaktion in Minsk Polizei stürmt Zeltlager von Lukaschenkos Gegnern

Die weißrussische Polizei hat in der Nacht die tagelangen Proteste in Minsk gegen Präsident Alexander Lukaschenko beendet. In einer Blitzaktion, die nur 15 Minuten dauerte, stürmten sie ein Zeltlager der Opposition. Rund 200 Demonstranten wurden festgenommen.


Minsk - Gegen 3 Uhr Ortszeit (2 Uhr MEZ) ging es los: Rund 100 Polizisten einer Spezialeinheit fuhren auf dem Oktoberplatz in der weißrussischen Hauptstadt Minsk vorgefahren, wo noch rund 200 Oppositionsanhänger versammelt waren. Die Demonstranten wurden einzeln abgeführt.

Polizei stürmt Zeltlager: Blitzaktion in der Nacht
REUTERS

Polizei stürmt Zeltlager: Blitzaktion in der Nacht

Die meisten leisteten keinen Widerstand, 40 bis 50 lieferten sich kleine Rangeleien mit den mit Knüppeln bewaffneten Polizisten. Binnen 15 Minuten hatten die Beamten alle Demonstranten in Mannschaftswagen verfrachtet, wenig später räumten städtische Bedienstete auch die Zelte und Habseligkeiten der Oppositionsanhänger ab. Die Festgenommenen wurden in das Gefängnis gebracht, in dem bereits hunderte andere Demonstranten einsitzen, die in den vergangenen Tagen gefasst wurden.

Bei der Aktion wurde auch ein polnischer Diplomat festgenommen. Der frühere Botschafter in Weißrussland, Marius Maszkewicz, sei bei den Demonstranten auf dem Oktoberplatz gewesen, berichteten das polnische Konsulat und Journalisten vor Ort übereinstimmend.

Unter den Abgeführten war zudem ein Sohn von Oppositionsführer Alexander Milinkewitsch, wie dessen Frau Inna Kulei berichtete. Der bei der Wahl am Sonntag unterlegene Politiker erklärte in einer ersten Stellungnahme: "Die Behörden zerstören Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit." Die gewaltsame Auflösung des Zeltlagers zeige "das Wesen des Regimes, das sich in Weißrussland etabliert hat".

Milinkewitsch lobte die Demonstranten in dem Zeltlager für ihren Mut: "Sie haben sich von ihren Knien erhoben, und mit ihnen ist ganz Weißrussland aufgestanden." Das Zeltlager war am Montagabend auf dem Oktoberplatz errichtet worden, mit der Mahnwache verlieh die Opposition ihrem Vorwurf des Wahlbetrugs Nachdruck.

Ein anderer Oppositionspolitiker, Aleksandr Kasulin, sagte, die Führung habe offensichtlich die Nerven verloren. Sie habe die Polizeiaktion in der Nacht angeordnet, damit es so wenig Zeugen wie möglich gebe.

Die US-Regierung zeigte sich "beunruhigt" über den nächtlichen Polizeieinsatz. Washington verurteile alle Handlungen der weißrussischen Regierung, mit denen den Bürgern des Landes ihr Recht auf friedliche Meinungsäußerung genommen werde, sagte eine Sprecherin des US-Außenamtes in Washington. "Wir beobachten die Lage genau."

Der seit zwölf Jahren regierende Präsident Alexander Lukaschenko hatte die Wahl am Sonntag nach offiziellen Angaben mit 83 Prozent der Stimmen gewonnen. Die Opposition fordert eine Neuauszählung und hat für Samstag zu einer Massenkundgebung aufgerufen.

als/AFP/AP



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