Blog zum US-Wahlkampf Obama kennt das Geheimnis der Jugend

Ungewohnte Lage für die US-Demokraten: Vor der dritten und letzten TV-Debatte liegt ihr Kandidat in den Umfragen vorn. Doch SPIEGEL-ONLINE-Blogger Peter Ross Range traute dem Vorsprung nicht - bis er von einer bahnbrechenden Idee in Obamas Wahlkampf-Team hörte.


Washington - Jetzt fängt dieser Wahlkampf an, mich nervös zu machen, so viele gute Nachrichten kann ich gar nicht glauben. Barack liegt neun Prozentpunkte vorn! Meldet jedenfalls die "Los Angeles Times". Nein, korrigiert die "New York Times", er hat jetzt schon 14 Punkte Vorsprung! Hört das denn gar nicht mehr auf? Was soll ein Demokrat bitte anfangen mit solchen frohen Botschaften, nachdem er sich so lange und bittere Jahre daran gewöhnt hat, die Präsidentschaftswahl zu verlieren?

Demokrat Obama: Liegt Umfragen zufolge in Führung
REUTERS

Demokrat Obama: Liegt Umfragen zufolge in Führung

Also ganz sachte und nicht zu groß auftrumpfen. Auch nicht so viel lächeln. Denn das Wissen sitzt tief, dass uns der Sieg so oft in letzter Minute weggeschnappt wurde. Fast fühle ich mich in der Rolle des Außenseiters wohler.

Aber natürlich sind meine Ängste zum Teil auch rational begründet: Immerhin lag auch Al Gore zu Beginn der Wahlen im Jahr 2000 weit vorne - um es dann auf eine Art und Weise zu verpatzen, die er nicht allein auf das Debakel um die Neuauszählung der Stimmen in Florida schieben kann. Auch 2004 sah es eigentlich so aus, als würden wir eine Traumkombination ins Rennen schicken - den Patrizier aus Massachusetts (John Kerry) und den volksnahen Schulterklopfer aus North Carolina (John Edwards).

Aber auch sie haben es nicht geschafft - was zum einen an eigenen Fehlern lag (Sie erinnern sich an Kerrys Fotos vom Windsurfen...) und außerdem natürlich an der tatkräftigen Sabotage der Rechten, die eine unerhörte Lügenkampagne über Kerrys Zeit bei den Schnellbooten in Vietnam finanzierte und entsprechende TV-Spots schaltete.

Bahnbrechender Einsatz des Internets

Und jetzt sitzen wir hier, es sind nicht einmal drei Wochen bis zur Wahl, auf einer fetten Führung. Die Geschichte sagt uns, dass die Zeit nicht reicht für McCain, um das Ding noch einmal zu drehen - aber wer kann sich schon auf den Lauf der Geschichte verlassen? Es gibt einfach zu viele Unwägbarkeiten in dieser Wahl: die Wirtschaftskrise, den Irak-Krieg, die allgegenwärtige terroristische Bedrohung, Barack Obamas Hautfarbe.

Nicht zu vergessen McCains Neigung, das Unvorhersehbare zu wagen - was ihm bisher allerdings nur zu seinem Nachteil gereicht hat. Aber wer weiß? Vielleicht zieht er doch noch ein Karnickel aus dem Zylinder und schafft es irgendwie, den Erdrutschsieg für Obama abzuwenden. Es könnte darauf ankommen, wie er sich in der TV-Debatte am heutigen Mittwoch schlägt.

Was mich andererseits wieder beruhigt, ist die Tatsache, das Obamas Team einige Weichen grundsätzlich neu gestellt hat. Dank ihrer hervorragenden Organisation und ihres bahnbrechenden Einsatzes des Internets - von Details wie YouTube und FaceBook ganz zu schweigen - ist es Obamas Wahlkämpfern gelungen, endlich das Rätsel zu knacken, wie man an die Stimmen der Jugend herankommt. Und so die Zahl der neuregistrierten Wähler entscheidend erhöht. Dazu gehörte auch der clevere Schachzug, Obamas Botschaft in dem Xbox-Videospiel "Burnout Paradise" zu plazieren.

Gleichzeitig haben es die Anhänger Obamas geschafft, auch die wirklich schwierigen Kunden zu erreichen, sagen wir beispielsweise die älteren jüdischen Wähler in Florida. 650.000 Juden leben in diesem Bundesstaat, und ihre Wahlbeteiligung und ihre Stimme können entscheidend sein, wenn es darum geht, den langjährigen Zugriff der Republikaner auf Florida und seine 27 Wahlmänner und -frauen zu brechen.

Juden wählen traditionell natürlich sowieso eher die Demokraten, aber 2008 sind sie auch vom Gegner aus dem Internet förmlich bombardiert worden - mit Dutzenden von E-Mails, in denen behauptet wurde, Obama sei in Wirklichkeit ein Muslim, dem man das Versprechen nie abnehmen könne, er würde Israel verteidigen, wenn es darauf ankäme.

Und, einige Juden geben es offen zu, es besteht ein gewisser Widerwillen bei einigen Mitgliedern der Community, einem schwarzen Mann die Stimme zu geben. "Unsere Farben sehen anders aus", sagt etwa die 87-jährige Selma Furst aus Tarmarac, einem kleinen Ort bei Fort Lauderdale.

Schickt die Enkel vor!

Um solche Bedenken auszuräumen, hat sich eine Obama-nahe Gruppierung namens Jews Vote eine brillante Gegenstrategie ausgedacht: Schickt die Enkel vor, um mit den Großeltern zu reden! Und so begann die Operation "The Great Schlep", die junge Juden aus New York oder Los Angeles ermutigen sollte, ihre Opas und Omas in Florida zu besuchen. "Macht euch auf und bringt eure Großeltern dazu, Obama zu wählen", mahnte die jüdische Kabarettistin Sarah Silverman in einem vielgeklickten YouTube-Video.

Großeltern lieben es, wenn die Enkel zu Besuch kommen - das ist laut Jews-Vote-Direktor Ari Wallach die Logik hinter der Operation. Und wer könnte sie besser davon überzeugen, dass Obama wirklich kein Muslim ist, dass er nicht gegen Israel eingestellt ist, dass seine Rasse keine Gefahr für sie bedeutet? CNN hat erst in dieser Woche einen Bericht über einen jungen Juden aus Kalifornien gezeigt, der seine Großeltern (auch die oben zitierte Selma Furst) so erfolgreich bekehrt hat, dass sie die Kunde weiter trugen in den Schönheitssalon und den Seniorentreff vor Ort. Am Ende guckten die fröhlichen Rentner alle zusammen in die Kameras und riefen den Obama-Slogan: "Yes we can!"

"The Great Schlep" hat vielleicht nur ein paar Hundert Wähler direkt erreicht - aber eine Welle in Bewegung gesetzt, die über das Internet und das Fernsehen jetzt viel weitere Kreise zieht.

Meine Zuversicht speist sich aber auch noch aus einer weiteren Quelle: Eine brandneue Untersuchung der Brookings Institution zeigt, dass die Wählerschaft heute insgesamt besser gebildet ist, zunehmend in Städten lebt und die Zahl der Arbeiter unter ihnen abnimmt - und dass sie sich im Trend insgesamt eher den Demokraten zuwendet.

Etwa 80 Prozent der Amerikaner - 94 Prozent in Florida allein - leben heute in Städten oder in den Ballungsräumen um die Metropolen. Als Beispiel dafür kann Loudon County in Virginia gelten, das seit der Wahl im Jahr 2000 um 64 Prozent gewachsen ist. 2004 haben 97 von 100 derart rasant wachsenden Gemeinden George W. Bush gewählt. In diesem Jahr, das ist die Schätzung der Demografen, werden solche Regionen - wo heute viele Latinos leben - eher für Obama stimmen. 2008, sagen die Auguren, ist einfach das Jahr der Demokraten.

Da fühle ich mich gleich viel besser.

Übersetzung: Olaf Kanter



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mi7ke, 15.10.2008
1. Wie?
"In diesem Jahr, das ist die Schätzung der Demografen, werden solche Regionen - wo heute viele Latinos leben - eher für Obama stimmen" Wie bitte? Gerade unter Latinos ist der Rassismus gegen Schwarze noch viel verbreiteter als unter Weissen.
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