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25. Oktober 2008, 17:34 Uhr

Blog zur US-Wahl

Vorsicht Fettnapf!

Nur noch wenige Tage, dann wählen die USA ihren neuen Präsidenten. Jetzt heißt es für die Kandidaten: Bloß keinen Fehler mehr machen! Barack Obama und John McCain haben sich erst jüngst so fiese Patzer geleistet, dass es SPIEGEL-ONLINE-Blogger Peter Ross Range gruselt.

Freunde, die Sache ist noch nicht gelaufen.

Mir ist egal, was die Umfragen sagen, wohin die Trends zeigen, was die jungen Leute glauben oder welche Republikaner sich jetzt für Barack Obama aussprechen. Es kann immer noch anders ausgehen. Oder wie es Karl Rove gerade gesagt hat: Im Rennen um den Gouverneursposten in Texas war George W. Bush schon so gut wie tot. Aber dann hat er in nur einer Woche sieben Prozentpunkte aufgeholt - und die Auswirkungen dieses Triumphs spüren wir noch heute.

Kandidaten Obama, McCain: Die Sache ist noch nicht gelaufen
AFP

Kandidaten Obama, McCain: Die Sache ist noch nicht gelaufen

In dasselbe Horn bläst an diesem Freitag auch McCains Wahlkampfchef Steve Schmidt, der in der "New York Times" daran erinnerte, dass Al Gore bei der Wahl 2000 ebenfalls meilenweit zurücklag - und dann bis auf läppische 500 Stimmen, die ihm in Florida fehlten, an den Sieg herankam.

Auch das Beispiel Harry Trumans sollte uns eine Mahnung sein. Er sah 1948 im Rennen gegen den New Yorker Gouverneur Thomas Dewey wie der sichere Verlierer aus - so gut das die Umfragen damals jedenfalls vorhersagen konnten. So sicher war sich die gesamte Nation, dass die "Chicago Tribune" mit der Zeile "Dewey schlägt Truman" noch in der Wahlnacht in den Druck ging. Am nächsten Tag feierte Truman seinen Sieg und posierte für die Fotografen mit der frischen Ausgabe der "Trib"; es wurde eines der berühmtesten Bilder der US-Geschichte.

Die Geschichte mit "Joe, dem Klempner"

Tatsächlich gibt es zwei plausible Gründe, warum obamaphile Menschen wie ich ein spätes Comeback von John McCain fürchten - und beide Gründe gehen auf das Konto der ansonsten perfekten Wahlkampfstrategie Obamas. Der erste Patzer war Obamas Versprecher, als er "Joe, dem Klempner" (alias Samuel J. Wurzelbacher aus Holland, Ohio) sagte, dass er den Wohlstand im Lande ein wenig besser verteilen wollte.

Jetzt hatte er sein Wirtschaftsprogramm und seine Steuerpläne detailliert erklärt - und wie sie gerade Leute wie Joe besser stellen würden, die weniger als 250.000 Dollar im Jahr verdienen. Aber weil Obama die lutherische Sprache des Volkes manchmal nicht ganz sicher beherrscht, waren nun diese unglücklicherweise sehr sozialistisch klingenden Worte in der Welt. Riesenfettnapf, Barry!

McCain schnappte sich das Geschenk postwendend und verwandelte es in ein perfektes Wahlkampfargument: "Er versteht es einfach nicht - in Amerika verteilen wir den Wohlstand nicht, wir schaffen ihn!" Sehr clever, John, Superspruch!

Das ist eine Botschaft, die in Staaten wie Florida und Pennsylvania zieht - und den Siegeszug Obamas noch zum Entgleisen bringen könnte. Wenn McCain es schafft, die Aufmerksamkeit von der globalen Finanzkrise weg und zu den Einkommen und Steuerlasten der einfachen Leute hinzusteuern, sieht es womöglich doch noch so aus, als verstünde er etwas von Ökonomie. Und wir dürfen natürlich nicht vergessen: Ohne das Desaster an den Börsen würde Obama auch nicht so weit in Führung liegen. Am 2. Oktober war McCain noch knapp vorn. Dann kam der Hypothekencrash.

Versagen im Schweinebucht-Debakel

Der zweite Klopfer auf der letzten Etappe dieses Wahlmarathons stammte dann von Superquasselstrippe Joe Biden, der allen Ernstes verkündete, dass "die Welt Obama schon in den nächsten sechs Monaten eine Prüfung auferlegen wird, wie sie es auch bei Kennedy getan hat". Keine wirklich gute Idee, Joe.

Kennedy ging gleich bei seinem ersten Treffen mit dem sowjetischen Kraftmeier Nikita Chruschtschow in Wien glorreich unter, und versagte im Schweinebucht-Debakel, das er nicht mehr zu stoppen vermochte. Die Folge war die kubanische Raketenkrise.

Auch das eine großartige Vorlage für McCain: "Ich wurde schon getestet, Freunde!", rief er aus und schlug sich förmlich auf die eigene Schulter. "Ich war Pilot an Bord der "USS Enterprise" [die 1962 vor Kuba stationiert war]. Ich war bereit, in die Schlacht zu ziehen. Ich weiß, wie knapp wir damals vor einem Atomkrieg standen." Besser konnte er den Unterschied gar nicht hervorheben: Obama, der unreife Jüngling, der keine Erfahrung hat, wenn es um Fragen der Nationalen Sicherheit geht. Und McCain, der schlachterprobte Krieger.

Obama zahlt jetzt den Preis dafür, dass er ausgerechnet Joe Biden zu seinem Vize-Kandidaten erkoren hat. Senator Biden ist berühmt und berüchtigt für seine verbalen Ausrutscher. Das einzige Wunder ist doch, dass es zwei Monate gedauert hat, bis er so einen wirklich schlimmen Spruch rausgehauen hat. Und damit stellt sich die Frage, ob sein kleiner Sprengsatz zu spät kam - oder genau zur rechten Zeit -, um Obamas Schiff noch zu versenken.

Geblendet von Palins sexueller Ausstrahlung

Aber dann denke ich wieder daran, was für eine Achterbahnfahrt dieser Wahlkampf ist. Und schon kommt das nächste Geschenk in der Freitagsausgabe der "Washington Post", wo Kathleen Parker, einer der Konservativen, die in das Lager Obamas übergelaufen ist, über den alles entscheidenden Fehler McCains sinniert: Dass er Sarah Palin an Bord geholt hat. Parker glaubt, dass McCain nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, weil er von Palins Attraktivität und sexueller Ausstrahlung geblendet war.

Die wissenschaftlichen Belege hat sie gleich angefügt: Dass Männer nämlich im Angesicht weiblicher Schönheit einfach nur noch gaga sind - und kurzfristig Entscheidungen treffen, die sie langfristig bereuen. Man möge sich doch, schreibt sie noch, kurz an den Fall Monica Lewinsky erinnern - und an Bill Clintons Absturz.

Wenn man solche Faktoren in die große Rechnung einbezieht, ist wirklich alles noch möglich. In der amerikanischen Politik zählen zehn Tage so viel wie ein ganzes Leben. Oder wie ein Leser im SPIEGEL-ONLINE-Forum schrieb: "Die Wege des Herrn und des amerikanischen Wählers sind unergründlich."

Übersetzung: Olaf Kanter

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