Blogger-Konferenz in Tunesien Gipfeltreffen der Facebook-Revolutionäre

Sie berichteten über den arabischen Frühling - und schrieben Geschichte: Internetaktivisten haben die Revolutionen in Nordafrika vehement vorangetrieben. In Tunesien trifft sich nun die Blogger-Elite der Region. Kann sie ihren Ländern auch nach dem Umsturz helfen?
Blogger des arabischen Frühlings in Tunis: "Die meisten kennen sich nur aus dem Netz"

Blogger des arabischen Frühlings in Tunis: "Die meisten kennen sich nur aus dem Netz"

Foto: Str/ dpa

Als Ahmad Wafal im Winter 2006 sein Blog einrichtete, hatte er noch keine revolutionären Gedanken. "Ich interessierte mich für Computertechnik und die neuesten Mobiltelefone", sagt der 30-Jährige. Damals unterrichtete er Biologie an einer Schule in der libyschen Küstenstadt Misurata. Es sei neu gewesen, ein Blog zu schreiben - und irgendwie cool.

In Libyen, das sich damals dem Westen und dem Internet öffnete, war Made !n L!bya!  eines der ersten Blogs überhaupt. Fast täglich stellte Wafal etwas ins Netz: Mal schrieb er ein paar Zeilen über seine Schule, dann wieder über ein Computerspiel. "Politik interessierte mich gar nicht, darüber sprach man ja auch sonst nicht", sagt er heute.

Die Politik hat Wafals Leben erst Jahre später radikal verändert. Anfang 2011 entdeckte er im Netz immer mehr Aufrufe zu Demonstrationen gegen den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi. Aus Angst vor der - auch im Netz allmächtigen - Staatssicherheit schützte er seine Identität mit einem Proxyserver. Am 17. Februar sah er im Web die ersten brennenden Polizeiwachen. Der Aufstand gegen Gaddafi hatte begonnen.

Der Aufruhr erreichte schnell Wafals Heimatstadt Misurata. Am 19. Februar habe es die ersten Demonstrationen in der Stadt gegeben. "Von der Polizei und dem Geheimdienst war nichts zu sehen", sagt der junge Mann. "Wir dachten, das Regime sei schon gefallen." Aus dem Technik-Blogger wurde nun ein Internetaktivist. Täglich berichtete er online über die Vorgänge in seiner Heimatstadt, die die wohl brutalste Belagerung des Libyen-Kriegs erlebte.

Vom Nerd zum Aktivisten

Gaddafi ist entmachtet und untergetaucht, die Kämpfe um Misurata sind beendet. Gemeinsam mit zwei anderen libyschen Bloggern - einem Arzt, der in London lebt, und einem Studenten aus Tripolis - sitzt Wafal am Montag in der Universität von Tunis. Um ihn herum sitzen rund 200 andere Blogger aus Nordafrika, dem Libanon und einige Technik-Nerds aus Europa in den Polstersesseln, den obligatorischen Laptop auf dem Schoß.

Hier beim "The 3rd Arab Bloggers Meeting" in Tunesien, wo mit dem Sturz des Diktators Ben Ali der arabische Frühling begann, wollen die Netz-Schreiber über die Phase nach den Umstürzen beraten. Die Blogger und die sozialen Netzwerke, so wird es wohl in den Geschichtsbüchern stehen, haben diese politische Bewegung angetrieben. Mancher nennt den Volksaufstand schon jetzt die Facebook-Revolution.

Organisiert hat das Treffen in Tunis, das erste dieser Art nach den Revolutionen in Nordafrika, die tunesische Web-Organisation Nawaat, die weltweit agierende Blogger-Seite Global Voices und die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung. Ein Motto gibt es nicht. "Es geht vor allem darum, dass wir uns mal sehen", sagt Sami Ben Gharbia, Mitarbeiter von Global Voices. "Die meisten kennen sich ja nur aus dem Netz."

Global Voices koordiniert Tausende Blogs

Der einzige Mann im Anzug auf der Konferenz ist von der Heinrich-Böll-Stiftung: Joachim Paul war für die Organisation schon in Palästina, derzeit leitet er das Büro der Stiftung in Ramallah. Dreimal hat er große Treffen für Blogger organisiert, die Reaktionen auf den aktuellen Konvent überraschen auch ihn. "Als wir uns zum ersten Mal in Beirut trafen, haben uns alle ausgelacht, was wir mit diesen Schreiberlingen aus dem Netz anfangen wollten", sagt er lächelnd. "Heute wollen alle unsere Kontakte haben".

Die meisten Blogger in Tunis schreiben regelmäßig für Global Voices. Die Organisation sammelt und übersetzt seit 2005 Hunderte Blogs aus fast allen Ländern der Erde. Kaum eine andere Seite beleuchtet so engagiert Konflikte in Staaten, die in der Presse nicht mal in den Randspalten auftauchen.

Den Flickenteppich aus Tausenden Blogs wolle Global Voices etwas übersichtlicher machen, sagt Redakteurin Solana Larsen. Sie selbst hat eigentlich überall einen Arbeitsplatz, solange es einen Internetzugang für ihr Powerbook gibt. Derzeit pendelt sie zwischen Brooklyn und Berlin, wenn sie nicht auf Konferenzen über Blogging spricht.

Global Voices hat mit dem arabischen Frühling Aufwind bekommen. Schon sehr früh hat die durch Spenden finanzierte Seite über die ersten Demonstrationen in Tunesien berichtet. "Ich bin immer noch überwältigt, dass wir ein bisschen an der Geschichte hier mitgeschrieben haben", erzählt Larsen, "ich kann noch immer nicht glauben, wie einflussreich einige Mitglieder unserer Blogger-Gemeinschaft für die Aufstände in ihren Ländern waren."

Sami Ben Gharbia, seit 2007 aktiv bei Global Voices, ist eine dieser Ikonen des Aufstands in Tunesien. Am 28. November stellte der 44-Jährige aus dem Exil in Europa die Seite Tunileaks ins Netz und veröffentlichte einige sehr peinliche zuvor von WikiLeaks enthüllte Depeschen der US-Botschaft in Tunis. Konkret wie nie zuvor konnte jeder in Tunesien lesen, wie korrupt der Despot Ben Ali sein Land regierte, wie er und seine exzentrische Ehefrau in Luxus schwelgten, während das Land von den Milliardeneinnahmen aus dem Tourismus kaum etwas zu sehen bekam.

Mit den Bloggern hat Gharbia in Tunis noch einiges vor. Statt über sich redet er lieber von den Aufständen in der Region, die noch nicht gelungen sind. "Wir sind vorangekommen", sagt er, "doch wir brauchen mehr Druck in Syrien oder in Bahrain, wir dürfen diese Länder nicht allein lassen." Nebenbei will er mit seinen Helfern auf der tunesischen Web-Seite Nawaat die Kontrolle der ersten freien Wahlen Ende des Monats sicherstellen, für ein unzensiertes Internet kämpfen und der neuen Polit-Elite in Zukunft genau auf die Finger schauen.

"Wir müssen weiter Druck machen"

Dem Beispiel einiger tunesischen Blogger - sieben von ihnen kandidieren auf unabhängigen Listen für die Verfassungskommission - will Gharbia nicht folgen. "Wir haben noch viel zu viel Arbeit", sagt er. Auf einem der Panels zu Beginn der Konferenz klagten unabhängige Kandidaten für die Wahlen, dass sie in den nationalen Medien so gut wie gar keine Aufmerksamkeit bekommen. Folglich sei der Wahlkampf schwierig. "Niemand kann sich auf den Erfolgen der letzten Monate ausruhen", schlussfolgert Gharbia, "wir müssen weiter Druck machen."

Nach dem ersten Tag wirkt der Libyer Ahmad Wafal ziemlich erschöpft, die Diskussionsrunden auf dem Podium verspäteten sich bis in den Abend hinein. Trotzdem will er wenigstens noch ein bisschen für seine Leser in Libyen berichten. Hunderte von Bildern von zerstörten Häusern in Misurata, schreckliche Aufnahmen nach den Raketenangriffen auf den Küstenort durch die Gaddafi-Truppen hat er in den letzten Monaten auf seinem Blog veröffentlicht. Den Titel "Aktivist" mag er dennoch nicht. "Wir haben der Welt gezeigt, was sich in Libyen abspielte", sagt er leise, "glücklicherweise hat es gewirkt." Schon deshalb will er weiterbloggen - jetzt aus Tunis und dann wieder aus Misurata.

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