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Südafrika: Erst das Blutbad, dann der Polit-Skandal

Foto: SIPHIWE SIBEKO/ REUTERS

Folgen des Blutbads in Südafrika Zumas Hügel des Horrors

Schwer bewaffnete Polizisten verlieren die Nerven, drücken ab, Sekunden später sind Dutzende Minenarbeiter tot: Die Tragödie von Marikana hat Südafrika tief erschüttert. Präsident Zuma ist unter Druck. Seine Gegner fordern den Rücktritt - er selbst will im Dezember wiedergewählt werden.

Johannesburg - Die grausigen Bilder wecken dunkle Erinnerungen in Südafrika. Schwer bewaffnete Polizisten, die scheinbar wahllos auf Demonstranten feuern. Leichen auf der Erde, Schreie, Tränengas. Die tödlichen Schüsse auf 44 Bergleute einer Platinmine in Marikana waren der schlimmste Zwischenfall dieser Art seit Ende der Apartheid - und er bringt Präsident Jacob Zuma in höchste Bedrängnis.

Im Dezember muss er sich vom regierenden African National Congress (ANC) erneut für das Präsidentenamt nominieren lassen. Da kann er eine landesweite Diskussion über brutale Sicherheitskräfte nicht gebrauchen.

Doch eine solche Debatte ist in vollem Gange, Kommentatoren und Zeitungen im Land ziehen Parallelen zum Sharpeville-Massaker im März 1960. Damals starben 69 Menschen durch Polizeikugeln, die meisten Opfer dunkelhäutig, viele unbewaffnet. Damals wie heute ist nicht klar, ob die Sicherheitskräfte in Notwehr handelten. Noch immer gilt Sharpeville als Symbol für Polizeiwillkür und brutale Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung.

Zuma verfiel deshalb nach der Polizeiaktion in Hektik. Gipfelgespräche in Mosambik brach er kurzerhand ab und kehrte in die Heimat zurück. Dort verordnete er eine einwöchige Staatstrauer, ebenso wie eine gründliche Untersuchung der Ereignisse in Marikana. "Es ist klar, dass diese Vorgänge einen sehr ernsten Hintergrund haben. Daher habe ich die Kommission eingesetzt", sagte Zuma nach einem Besuch am Ort der Tragödie.

Die aufgeheizte Stimmung in seinem Land wird er so kaum beruhigen können. Überregionale Zeitungen überbieten sich seit Tagen mit immer neuen Schlagzeilen. Von einem "Blutbad" ist die Rede, von der "Minenschlachtung" und dem "Hügel des Horrors". Dazu zeigen sie drastische Bilder von blutüberströmten Verwundeten und Sicherheitskräften, die teilnahmslos daneben stehen.

Hetzer Malema wittert seine Chance

Auch aus der Opposition muss sich Zuma schärfste Kritik gefallen lassen. Mit Julius Malema hat sich ein erbitterter Gegner des Präsidenten in die Debatte eingeschaltet. Er forderte den sofortigen Rücktritt des Staatschef.

"Wie kann Zuma um Menschen trauern, die er selbst auf dem Gewissen hat?", so Malema, der besonders unter der jungen Bevölkerung viele Anhänger hat. Auch Malema war nach Marikana gereist, dort wetterte er gegen den Präsidenten. "Er schert sich nicht um die Minenarbeiter. Zuma war hier und hat nur mit Weißen geredet", rief Malema seinen Zuhörern zu. Das stimmt nicht, Zuma hatte durchaus auch verletzte Arbeiter im Krankenhaus besucht. Die aufgebrachte Menge störte das wenig, sie quittierte Malemas Polemik mit tosendem Applaus.

Die Mission ist klar: Hardliner Malema, der erst im Februar 2012 aus dem ANC ausgeschlossen wurde, will seinen Erzfeind Zuma als elitär, überfordert und skrupellos diskreditieren. Besonders in den ärmeren Bevölkerungsteilen kommt er mit seinen Botschaften gut an, Zuma droht dort rasch an Unterstützung zu verlieren.

Immer mehr Ausschreitungen bei Demos

Denn die Wut der breiten Unterschicht gärt nicht erst seit den erschütternden Bildern aus Marikana. Vielmehr reihen sich diese nahtlos in eine Serie von Vorfällen, in denen die südafrikanische Polizei der eskalierenden Gewalt im Land hilflos gegenüberstand.

Laut dem South African Police Service wurden in den Jahren 2004/2005 noch 622 Fälle von gewalttätigen Massenausschreitungen registriert. 2011/2012 waren es bereits 1091 Zwischenfälle. Dabei gehen Polizisten wie Demonstranten zunehmend brutaler vor. Auch bei der Tragödie in Marikana sollen Teile der Demonstranten bewaffnet gewesen sein.

Ihr Ärger richtet sich gegen den regierenden ANC, die Polizei und letztlich auch Präsident Zuma. "Wenn die Wut schließlich überkocht, sind Vorfälle wie in der Platinmine kaum zu vermeiden", sagte Johan Burger vom Südafrikanischen Institut für Sicherheitsstudien der französischen Nachrichtenseite france24.com. "Die Polizei findet sich häufig in Situationen wie am vergangenen Donnerstag, weil sie das Gesicht der Regierung ist."

Bittere Enttäuschung über Zumas ANC

Immer mehr Menschen seien frustriert, weil auch 18 Jahre nach Ende der Rassentrennung weiter Millionen Menschen in bitterer Armut leben müssten. Während eine kleine Oberschicht von den Bodenschätzen und Rohstoffen des Landes profitiert, liegt die Arbeitslosenquote seit Jahren weit über 20 Prozent. Versprechen, die der ANC seit Jahren wiederholt - bessere Lebensbedingungen für die Arme, mehr Bildung, Abbau der Arbeitslosigkeit - werden nicht gehalten.

Besonders am südafrikanischen Pro-Kopf-Einkommen lässt sich die gewaltige Kluft zwischen Wohlstand und bitterer Armut erkennen. Dieses liegt bei über 8000 Dollar pro Jahr. Trotzdem müssen knapp 40 Prozent der Bevölkerung mit weniger als drei Dollar pro Tag auskommen. Die Verteilung der Einkommen ist laut Weltbank heute noch ungerechter als zum Ende der Apartheid.

In einer solch gespannten Stimmung fällt es Hitzköpfen wie Malema leicht, vorhandene Ressentiments weiter zu schüren.

Um einer weiteren Eskalation in Marikana vorzubeugen, hat zumindest der Betreiber der Mine seinen bisher harten Kurs korrigiert. Eigentlich sollten bis Dienstag alle Arbeiter den Dienst wieder aufnehmen - ansonsten drohte das Lonmin-Unternehmen mit Kündigung. Dieses Ultimatum nahm die Konzernführung schon nach einem Tag wieder zurück. Nur rund ein Drittel der Bergleute war zur Arbeit erschienen.